Dein Auftritt, bitte, Parth

In der indischen Stadt Bombay werden mehr Filme gedreht als in Hollywood. Millionen Inder lieben die Geschichten zum Weinen und zum Lachen. Und sie bewundern ihre Filmstars. Zu denen gehört auch Parth Dave, ein zehnjähriger Schüler, der schon an der Seite der größten Schauspieler Indiens aufgetreten ist. GEOlino hat ihn besucht
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Eine anstrengende Arbeit

"Stopp! Kamera aus! So geht das nicht!" Parth blinzelt ins Scheinwerferlicht. Schon wieder hat der Regisseur die Aufnahme abgebrochen. Da kommt er auch schon, drängelt sich zwischen Beleuchtern und Tontechnikern hindurch. "Hör mal", sagt er zu Parth. "Die Szene läuft so: Du hast dich gerade schlimm mit deiner Mutter gestritten. Jetzt fliehst du in die Arme der Großmutter. Du musst verängstigt wirken, eingeschüchtert. Kriegst du das hin?" Parth nickt. Er ist schließlich ein Schauspielprofi. Wie viel schwieriger war da die Kampfszene in einem früheren Film, als er, am Seil hängend, dem Gegner eins verpassen musste - zack, mit den Füßen! "Parth, nicht träumen", ruft der Regisseur. "Kamera läuft? Und ab!"

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Vor der Kamera: Parth spielt eine Szene mit seiner Filmmutter, der berühmten indischen Schauspielerin Aishwarya Rai. Andere indische Kinder träumen davon, die Schauspielerin zu treffen. Aber Parth fand diese Szene grässlich: "Der Hemdkragen hat so gekratzt!"

Bollywood statt Hollywood

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Warten, warten - ständig warten! Gelangweilt hockt Parth am Set. Wann geht's endlich weiter? Der Kameramann überlegt schon, wie er Parth in der nächsten Szene aufnehmen kann. Das Appartement wurde extra für den Film gemietet

Parth ist ein zehnjähriger Superstar - und trotzdem bei uns in Europa völlig unbekannt. Weil er eben in Bollywood-Filmen mitspielt. Bolly... - was? Der Begriff ist ein Mix aus den Namen der indischen Stadt Bombay und der US-amerikanischen Filmhauptstadt Hollywood, in Kalifornien. Hollywood ist zwar berühmt für seine Filme, die man auf allen Kontinenten sehen kann. Aber die größte Filmindustrie der Welt hat ihren Sitz in Bombay, eben in "Bollywood", an der Westküste Indiens. Jedes Jahr werden dort mehr als 800 Spielfilme gedreht.

Ganz andere Filme

Diese Bollywood-Filme haben riesigen Erfolg, aber fast nur in Indien. Weil sie meist in Hindi gedreht sind, der indischen Amtssprache neben Englisch. Und weil sie ganz anders sind als jene Filme, die wir kennen: Sie sind länger, bunter, schmalziger, mit vielen Tanzszenen, Tränen, zuckersüßen Liebesschwüren... Das Publikum im Kino spielt mit, als wäre es beteiligt: feuert den Helden an, wenn er den Bösewicht verhaut; schluchzt, wenn die junge Schöne von der Familie verstoßen wird; applaudiert, wenn zwei Liebende sich endlich in die Arme schließen.

Parth ist in dieser Welt ein Superstar

Er hat schon neun Filme gedreht, als Partner der größten Bollywood-Stars, wie Shah Rukh Khan oder Salman Khan, die in Indien jedes Kind kennt. Da ist es normal, dass seine Schulkameraden immer wieder wissen wollen: "Welchen Schauspieler hast du getroffen? Wer war besonders nett?"

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Star und Geschäftsmann: Parth telefoniert mit Regisseuren, während er zum nächsten Dreh fährt. Pro Film verdient er umgerechnet bis zu 5700 Euro. Das meiste spart er für seine Ausbildung

Eine anstrengende Arbeit

Aber das Leben als Kinderstar kann auch ziemlich anstrengend sein. Etwa wenn die Dreharbeiten schon um acht Uhr morgens beginnen. Dann kommt Parth mit seiner Mutter oder seinem Vater ins Studio, wird von einem Kostümbildner angezogen und muss auf seinen Auftritt warten. Zwischendurch trinkt er Tee, spielt mit Modellautos, liest. Oder er lernt für die Schule. Denn er wird zwar für seine Arbeit vom Unterricht befreit, doch die Hausaufgaben muss er trotzdem machen. Wenn sein Auftritt an der Reihe ist, bleibt Parth meist gelassen. Wut, Trauer, Freude, Überraschung - der Regisseur braucht ihm nur zu sagen, was er spielen soll, schon drückt Parths Gesicht genau dieses Gefühl aus. "Aber am leichtesten ist es, wenn ich einen normalen Jungen wie mich selber spiele", sagt er.

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Parths richtiger Vater begleitet ihn oft - auch wenn sein Sohn in den Pausen lieber liest, anstatt sich zu unterhalten

Parth verdient viel Geld

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Dreimal musste Parth diese Szene drehen: Er und seine Filmschwester sollen verängstigt in die Arme der Großmutter fliehen.

Obwohl: Ganz normal wird Parth eben doch nicht behandelt. Zum Beispiel isst er nie die Mahlzeiten, die für die Schauspieler am Drehort zubereitet werden. Seine Mutter fürchtet, dass er sich daran den Magen verderben könnte. Deshalb bringt sie von zu Hause Reis, Gemüse, Suppe oder Chapattis mit, das sind dünne Fladenbrote. Wenn Parth keinen Appetit hat, füttert sie ihn sogar! Und noch etwas anderes ist eher ungewöhnlich für ein indisches Kind: Parth verdient einen Haufen Geld - pro Film bekommt er bis zu 300 000 Rupien, umgerechnet rund 5700 Euro. Von solch einer Summe können die meisten Kinder in Indien nur träumen. In der Millionenstadt Bombay, die die Inder Mumbai nennen, ist die Armut unübersehbar. Viele Menschen haben kein Dach über dem Kopf und schlafen nachts auf der Straße. Manchmal kommt es vor, dass Parth von Straßenkindern um Geld angebettelt wird - zerlumpte, abgemagerte Jungs seines Alters. "Es macht mich traurig, wenn ich diese Kinder sehe", sagt Parth. Aber zum Reden ist selten Zeit. Meist ist er sehr in Eile, unterwegs zum Tennis, zum nächsten Drehtermin.

Immerhin: Mit seinen Filmen heitert Parth viele Menschen auf. Manche wird er aber nie erreichen. Weil sie sich nicht einmal eine Kinokarte leisten können - den Eintritt in die fröhliche Traumwelt von Bollywood.

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