Mitten im Regenwald

Im Regenwald gibt es noch viele Naturvölker, die kaum einen Weißen gesehen haben. Der GEO-Reporter Rolf Bökemeier hat diese Naturvölker von Brasilien bis Borneo besucht und unter ihnen gelebt. Für GEOlino.de erzählt er von seinen abenteuerlichen Begegnungen
In diesem Artikel
Wie wird denn aus einem Jugendlichen später einmal ein allwissender Schamane?
Heißt das, die Urwaldvölker schützen die Umwelt so sehr, dass sie selbst kaum überleben können? Haben Sie so etwas schon erlebt?

GEOlino.de: Naturvölker leben über die ganze Erde verteilt in vielen verschiedenen Gebieten. Die Ureinwohner leben weit voneinander entfernt und kennen sich gegenseitig gar nicht. Gibt es trotzdem Gemeinsamkeiten in ihrer Lebensweise?

Rolf Bökemeier: Bei den Völkern, die im Regenwald leben, gibt es viele Gemeinsamkeiten. Denn die grüne Wildnis bestimmt, wie die Menschen darin leben müssen. Wenn sie sich nicht strikt an die Regeln des Überlebens im Regenwald halten, können sie dort nicht zurechtkommen. Im Laufe der Jahrtausende haben die Regenwaldbewohner gelernt, was sie tun und was sie lassen müssen. Dieses Wissen wird von den Schamanen gesammelt und an nachfolgende Generationen weitergegeben. Ein Schamane ist zugleich Arzt, Priester und Ordnungshüter. Dass seine Regeln von den Stammesangehörigen befolgt werden, dafür sorgen der Häuptling und der Rat der Ältesten. Die wirksamste Methode, das Überleben eines Naturvolks im Regenwald zu sichern, ist das Tabu - also ein Verbot.

Die Ureinwohner scheinen ja sehr viele Regeln zu haben. Sind die Naturvölker nicht eher frei und zwanglos?

Die Ureinwohner können frei leben, das ist richtig. Aber sie legen sich selbst Zwänge auf. Kleinkinder bis zum 5. oder 6. Lebensjahr dürfen noch nahezu alles und werden nie bestraft. Sobald sie aber Aufgaben wie Holzsammeln oder Wasserholen übernehmen können, wachsen die Pflichten der Jungen und Mädchen Schritt für Schritt. Etwa mit 14 Jahren werden die Jugendlichen durch ein Einführungsritual, ausgeführt durch den Schamanen, in die Welt der Erwachsenen aufgenommen. Dann erhalten sie auch einen neuen Namen, der ihren ganz persönlichen Eigenschaften entspricht, zum Beispiel "Schneller Affe" für einen besonders klettergeübten Jungen oder "Liebliche Blume" für ein schönes Mädchen.

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Siberut, Indonesien: Im Volk der Mentawai ist jeder erwachsene Mann ein gelernter Schamane, erkennbar an seiner Kopfhaube. GEO-Reporter Rolf Bökemeier wurde zum Schamanen ehrenhalber ernannt, sonst hätte er die Rituale der Regenwaldbewohner nicht miterleben dürfen

Wie wird denn aus einem Jugendlichen später einmal ein allwissender Schamane?

Meistens führen die Schamanen einen ihrer Söhne an diese verantwortungsvolle Aufgabe heran. Aber es gibt auch Regenwaldvölker, bei denen jeder Mann, sobald er das Ritual des Erwachsenwerdens hinter sich hat, ein paar Jahre beim Schamanen in die Lehre gehen muss. Im Volk der Mentawai auf der Insel Siberut westlich von Sumatra zum Beispiel ist jeder Familienchef auch ein Schamane und kennt alle Tabus.

Wie sehen denn solche Tabus ganz genau aus?

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Sarawak, Borneo: Ein zehnjähriger Junge vom Volk der Penan zerteilt mit dem Messer ein Wildschwein - unter Anleitung seines Vaters, der die Beute mit seinem Blasrohr erlegt hat. Die Waldnomaden leben in schnell und einfach errichteten Baumhäusern

Die Regenwaldvölker wollen die Natur nicht ausbeuten. Deshalb legen sie sich diese Tabus auf. Dadurch können sie ihr Volk nur dann erhalten, wenn sie auch gleichzeitig die Umwelt schonen. Bei den Mentawai zum Beispiel liegt auf jedem Tier, auf jeder Pflanze, ja auf jedem Stein ein bestimmtes Tabu (also eine Beschränkung), es zu nutzen. So dürfen besonders seltene Tiere nur getötet werden, wenn die Beute dem Jäger zuvor im Traum erschienen ist. Und ein bestimmter Baum, aus dem sich gut ein neues Kanu machen lässt, darf erst gefällt werden, nachdem der ganze Stamm eine Zeit lang gefastet hat. Auf diese Weise wird verhindert, dass die Menschen die Natur einfach so ausnutzen.

Sind Naturvölker also freiwillige Naturschützer?

Sie müssen es sein. Menschen, die im Regenwald überleben müssen, entnehmen ihrer grünen Umwelt nicht mehr, als sie unbedingt brauchen. Ihr oberstes Gesetz ist es auch, Energie zu sparen - besonders die eigene Energie und Kraft eines jeden Menschen. Und jeder überflüssige Eingriff in die Natur ist ja auch gleichzeitig eine sinnlose Kraftanstrengung. Deshalb wirtschaften Naturvölker automatisch umweltfreundlich - manchmal sogar bis an die Grenzen ihres eigenen Lebens.

Heißt das, die Urwaldvölker schützen die Umwelt so sehr, dass sie selbst kaum überleben können? Haben Sie so etwas schon erlebt?

Ja, beim Volk der Penan in Sarawak auf der Insel Borneo. Die Ureinwohner dort folgen den Herden der Wildschweine. Die Wildschweine ziehen über die tropische Insel, weil sie nach Nahrung suchen - meistens nach Süßkartoffeln und bestimmten Wurzeln. Die Menschen im Volk der Penan haben bei ihren Wanderungen gelernt, dass die Dschungelflüsse oft gefährlich sein können. Denn im Urwald werden sie oft als Straßen benutzt, und böse Eindringlinge wie zum Beispiel Kopfjäger oder Holzfäller kommen über die Flüsse in das Gebiet. Deshalb meiden die Penan seit vielen Jahren die Gewässer - und haben sogar das Trinken von Wasser verlernt! Die Flüssigkeit, die sie zum Leben benötigen, nehmen sie nur dadurch auf, dass sie stark wasserhaltige Früchte essen.

Als mich mal ein Penan-Jäger dabei beobachtete, wie ich Wasser aus meiner Feldflasche trank, wollte er es mir nachmachen. Doch das Wasser lief ihm aus den Mundwinkeln - weil er nicht wusste, dass man es hinunterschlucken muss. Auch die Huaorani-Indianer in Ecuador lebten früher aus Angst vor Feinden weit von den Flüssen im Urwald entfernt und konnten deshalb nicht schwimmen.

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Rio Cononaco, Ecuador: Fünfjährige Kinder vom Indianervolk der Huaorani haben ein Wildbienen-Nest von einem Baum heruntergeholt und klauben mit den Fingern den süßen Honig heraus - ein Leckerbissen. Der junge Brüllaffe auf dem Rücken des Jungen ist dessen ständiger Begleiter

Wie können Naturvölker, die sich an so extreme Bedingungen angepasst haben, heute weiterleben? Schließlich wird ja immer mehr Regenwald abgeholzt ...

Das ist wirklich ein ganz großes Problem - mit schlimmen Folgen. Die Penan haben nicht nur das Trinken verlernt; sie vertragen auch die direkte Sonneneinstrahlung nicht. Denn im dichten Regenwald erreicht nur ein Prozent des Sonnenlichts den Boden - mehr Sonne sind die Menschen dieses Stammes einfach nicht gewöhnt.

Die Penan wurden eines Tages aus dem Urwald in ein Reservat umgesiedelt. Dort habe ich Menschen dieses Volks reihenweise unter der Sonne bewusstlos umfallen sehen. Heute halten sie sich den ganzen Tag im Halbdunkel ihrer Hütten auf und wagen sich erst abends wieder heraus, weil sie Angst vor der Sonne haben.

Auch die Jagd ist für sie natürlich vorbei, sie leben jetzt von der Hilfe des Staates oder christlicher Missionen. Und ohne die Jagd verlieren alle Regenwaldvölker ihre gesamten Grundlagen - in Südamerika genau so wie in Afrika oder Asien. Das ist sehr schade, auch für die ganze Menschheit. Denn die Urwaldvölker haben über die Jahrtausende einen großen Schatz an Wissen und Kultur erworben, wie wir es in Europa oder Nordamerika gar nicht kennen.

Wenn immer mehr Regenwald abgeholzt wird und die Völker darin deshalb nicht so weiterleben können wie bisher, geht all dieses gesammelte Wissen verloren. Deshalb müssen wir unter allen Umständen die verbliebenen Regenwälder erhalten - und mit ihnen die letzten Naturvölker. Denn sie sind keine unwissenden Wilden, sondern unsere Lehrer als geniale Naturschützer.

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