Namensforschung: Sag mir, wie du heißt!

Müller, Meier oder Jansen: Jeder Mensch hat einen Nachnamen. Aber nur wenige wissen, was er bedeutet. Der Leipziger Professor Jürgen Udolph erforscht die Herkunft von Familiennamen und welche "geheimen Botschaften" sich in ihnen verbergen - Namensforschung mit verblüffenden Erkenntnissen!
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Mit Computer, Wörterbüchern und viel Grips: Wenn Forscher die Herkunft eines Namens klären wollen, tauchen sie oft tief in die Geschichte ein, denn viele Bezeichnungen haben sich im Laufe der Zeit verändert

Am schlimmsten war es im Erdkunde-Unterricht. Jedes Mal, wenn das Thema Landwirtschaft besprochen wurde, musste Christian leiden. "Wie heißt dieses Gemisch aus Tierkot, Harn und Wasser?", fragte der Lehrer. Die meisten wussten die Antwort, ein paar Jungs fingen schon an zu lachen. "Na, Gülle", sagte einer, und dann war die Klasse nicht mehr zu halten. Alle prusteten los. Nur Christian nicht. Er heißt "Gülle" mit Nachnamen. "Manchmal hab ich mir schon einen anderen Namen gewünscht", sagt Christian.Doch der Name Gülle hat ursprünglich nichts mit stinkender Brühe zu tun. Das Wort stammt aus dem Niederdeutschen, einer Sprache, die bereits vor über 1200 Jahren gesprochen wurde. Gülle bedeutete so viel wie "Pfütze, Lache". Christians Vorfahren wohnten also aller Wahrscheinlichkeit nach an einem Tümpel. Erst viel später bekam Gülle den Sinn von Jauche. "Jeder Name hat ursprünglich eine Bedeutung gehabt", sagt Jürgen Udolph, 62. Er ist Onomastik-Professor an der Universität Leipzig. Onomastik ist die Wissenschaft von der Erforschung der Namen, kurz Namensforschung. Seit etwa 700 Jahren tragen die Menschen Nachnamen. Bis dahin genügte meist der Vorname. Wer in ein Dorf kam und fragte: "Wo wohnt der Heinrich?", bekam gleich die richtige Antwort. Doch dann zogen immer mehr Menschen in größere Siedlungen und Städte. Wer dort nach Heinrich suchte, wurde zurückgefragt: "Welcher Heinrich? Der dicke, der Bäcker oder der Sohn vom Jan?"

Also wurde eine weitere Bezeichnung nötig - die Nachnamen entstanden.

"Es gibt vier Möglichkeiten, wie solch ein Name damals entstehen konnte", erklärt Professor Udolph. Eine Möglichkeit war, den Vornamen des Vaters zu erben. Hieß der Vater etwa Wolfram und der Sohn Ludwig, so bezeichnete sich der Sohn als "Ludwig, Wolframs Sohn", oder einfach "Ludwig Wolfram". So entstanden auch viele Namen, die mit -sen enden, wie Jansen. Das "sen" steht für den Sohn, Jansen ist also "Jans Sohn".

  Die Menschen nach den Städten zu benennen, aus denen sie stammten, war die zweite Möglichkeit. "Franz Hamburger" kam also aus Hamburg, Familie "Braunschweiger" aus Braunschweig. Auch Plätze innerhalb eines Dorfes konnten zur Namensgebung dienen: Die Vorfahren einer Familie "Amendt" wohnten "am End" eines Dorfes.

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So entstanden Nachnamen: Manche benannten einfach den Ort, an dem jemand lebte - wie bei Familie Amendt, die wohl einmal "am End" eines Dorfes gewohnt hat

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Vor langer Zeit rief man Menschen auch nach ihrem Aussehen. Ein großer Mann hieß "Groß". Seit Nachnamen "vererbt" werden, kommt es vor, dass auch ein Kleiner "Groß" heißt

Eine dritte Möglichkeit war, die Menschen nach ihren Aussehen oder Charakter zu bezeichnen. Ein großer Mann erhielt den Namen "Johannes Groß", eine kleine Frau wurde zu "Margarethe Klein". Jemand, der schnell aus der Haut fuhr, bekam an seinen Vornamen ein "Böse" angehängt.

  Andere Leute nannten sich nach ihren Berufen: Heinrich der Schmied wurde zu "Heinrich Schmidt", "Schmitt" oder "Schmid". Friedrich der Bäcker hieß "Friedrich Becker". Heute noch ist der häufigste Nachname in Deutschland "Müller": Über 600000 Menschen heißen so! Müller waren früher die Betreiber einer Mühle. In Deutschland brauchte man sehr viele davon, denn die Menschen ernährten sich vor allem von Getreide. Auch "Meier" oder "Mayer" gibt es viele in Deutschland: Der Meier leitete früher einen Bauernhof für seinen Herrn - er sammelte die Abgaben der Untergebenen ein und schlichtete Streit. Der Name stammt aus dem Lateinischen: von "maior", das heißt "größer".

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Für Vornamen gelten in Deutschland feste Regeln: Nicht erlaubt sind Fantasienamen und solche, bei denen unklar ist, ob sie ein Mädchen oder einen Jungen bezeichnen

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wechselten die Nachnamen in einer Familie oft nach Belieben. Kinder hießen damals nicht unbedingt genauso wie ihre Eltern. Doch seit dem 18. Jahrhundert legte die Obrigkeit fest, dass in einer Familie alle denselben Nachnamen tragen mussten - also Eltern, Kinder, Enkel Urenkel... Dadurch hießen auf einmal auch normal große Menschen "Klein", nur weil ihr Urgroßvater klein war."Durch diese ,Namensvererbung' können wir heute noch feststellen, wo die Familie ursprünglich herkommt und was der Nachname bedeutet", sagt Professor Udolph.Wenn er herausfinden will, woher ein Familienname stammt, geht der Wissenschaftler immer nach der gleichen Methode vor. Er nutzt dazu eine CD-ROM, die alle Telefonnummern Deutschlands enthält - und damit rund 38 Millionen Familiennamen. Er tippt den Namen in seinen Computer ein und erkennt sofort, wie oft es den Namen hierzulande gibt. Manche, wie "Scharath" oder "Tharun", finden sich in ganz Deutschland nur zweimal. Die meisten anderen sind häufiger. "Gülle" zum Beispiel ist 289-mal eingetragen. Dann versucht Udolph mithilfe anderer Programme herauszufinden, in welcher Region Deutschlands die meisten Menschen mit diesem Namen leben. Hat er besonders viele in Norddeutschland entdeckt, wälzt er Namenswörterbücher, die sich speziell mit norddeutschen Begriffen und deren Herkunft beschäftigen. "Es gibt bis heute kein einziges Wörterbuch, in dem alle deutschen Familiennamen verzeichnet sind", sagt der Professor. Er schätzt, dass es in Deutschland etwa eine Million verschiedene Nachnamen gibt. Viele bedeuten nicht unbedingt das, was einem beim ersten Hören dazu einfällt: So war "Herr Eismann" im Mittelalter kein Lieferant von Eistütchen. Der erste Teil des Namens stammt von dem alten Wort "isan", das "Eisen" bedeutet. Die Vorfahren von Herrn Eismann waren wohl "Eisenmänner", also starke Kerle! Die Vorfahren der Familie "Schiller" dagegen mussten sich mit Augenproblemen herumschlagen: "Schiller" kommt von "Schielender".

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Fauler Vorfahr: Der Name "Donix" klingt nach einer Figur aus einem Asterix-Comic. Tatsächlich geht er auf "Tut nichts" zurück - also auf jemanden, der ein Faulpelz war

Der Professor hat auch schon manchen lustigen Nachnamen entschlüsselt. Er fand heraus, dass ein Urahn der Familie "Donix" wohl ein Faulpelz war: Der Name leitet sich aus dem Niederdeutschen "do nicht" - "tut nichts" ab. Die "Deppermanns" allerdings waren nicht deppert: Der Name ist mit "Töpfermann" zu übersetzen, der Berufsbezeichnung für einen Töpfer. Und der Nachname "Rescheiße" hat beileibe nichts mit Köteln zu tun. Das Wort kommt von "Röscheisen": Jemand, der ein Eisen "röscht", also röstet, ist ein Schmied.

Doch so lustig das auch klingen mag - für die Namensträger kann es ziemlich nervig sein, so zu heißen. Deshalb ändern etwa 12000 Menschen in Deutschland jedes Jahr ihren Namen. Viele, weil ihr Name häufig vorkommt und verwechselbar ist wie Mayer oder Müller; weil er lächerlich klingt wie Mehlsack oder Knackwurst. Oder weil er an eine Person erinnert, mit der man nichts zu tun haben möchte - etwa Hitler. In solchen Fällen darf man sich einen neuen Nachnamen aussuchen.

Obwohl Christian Gülle in der Schule gehänselt wurde, denkt er nicht mehr an einen Namenswechsel. "Nach der siebten Klasse hörte der Ärger sowieso auf", sagt der 27-Jährige. "Und heute mag ich meinen Nachnamen sehr gern."

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