Literatur: Große Dichter

Heute kennt jeder ihre Werke: Aber zu Lebzeiten waren sie kauzige Einzelgänger. Der junge Goethe schlich nachts allein über Friedhöfe, Annette von Droste-Hülshoff weigerte sich, das vornehme Adelsfräulein zu sein und Bertholt Brecht warf mit Schimpfworten nur so um sich
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Johann Wolfgang von Goethe
Annette von Droste-Hülshoff
Bertholt Brecht

Johann Wolfgang von Goethe: Dichter, Denker, Drückeberger

Johann Wolfgang von Goethe

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Johann-Wolfgang von Goethe

Goethe, am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren, ist der Spross einer reichen Familie. Statt eine normale Schule zu besuchen, unterrichten ihn mehrere Hauslehrer in Latein, Griechisch, Geschichte und Fechten. Freunde hat er kaum. Denn der Junge redet altklug daher; immer und überall will er kommandieren.

Als er zum Jura-Studium nach Leipzig und später nach Straßburg zieht, zeigt sich allerdings, dass hinter der großen Klappe nicht immer viel steckt: Den Angeber plagen etliche Ängste. Er kann kein Blut sehen, keine Wunde. Dagegen muss er etwas tun!

Also nimmt er an Anatomie-Kursen teil und zwingt sich hinzusehen, wenn Leichen aufgeschnitten werden. Er klettert auf Kirchtürme, um seine Höhenangst zu überwinden. Und nachts schleicht er über Friedhöfe - bis er in der Dunkelheit nicht mehr zittern muss.

Goethe ist Mitte 20, als er ernsthaft mit dem Schreiben beginnt. In wenigen Wochen nur verfasst er "Die Leiden des jungen Werthers", seinen ersten Roman, der aus Briefen eines unglücklich verliebten Mannes besteht. Dieses Buch ist eine Sensation! Es drückt genau das aus, was junge Leute in ganz Europa denken und fühlen. Der Werther kommt buchstäblich in Mode: Manch einer kleidet sich plötzlich wie die Romanfigur, trägt gelbe Hosen, gelbe Weste, blauen Überrock. Und landauf, landab kennt man nun den Namen Goethe.

Auch der erst 18-jährige Herzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach nimmt von ihm Notiz. Er holt den talentierten Dichter als seinen Berater an den Hof! In Weimar erlebt Goethe seine wilden Jahre. Ständig ist er mit Karl August unterwegs. Sie baden nackt in Bächen und reiten nachts durchs Revier, manchmal in Bettlaken gehüllt: Sollen die einfältigen Bauern ruhig an Gespenster glauben!

Goethes Flucht nach Italien

Goethe ist nun ein geachteter Staatsmann. Doch die lästigen Amtsverpflichtungen in Weimar ist er schnell leid. Mit nichts als einem Kleidersack und einem Ranzen voll Papier bei sich, flieht er im Herbst 1786 nach Italien. Dort will er endlich wieder schreiben.

Das Licht, die Landschaf­ten, das Meer, die alten Bauwerke und Gemälde - das alles überwältigt den Reisenden. Als er im April 1788 die Heimreise nach Weimar antritt, hat er zwei vollendete Theaterstücke im Gepäck: "Iphigenie auf Tauris" und "Egmont".

Ein ungewöhnlicher Egoist

Nach seiner Rückkehr lernt Goethe die vielleicht wich­tigsten Menschen seines Lebens kennen: Christiane Vulpius, die Jahre später seine Ehefrau und Mutter von Sohn August wird. Außerdem begegnet er Friedrich Schiller, der den Dichterkollegen anfangs schrecklich findet. Schiller sagt über Goethe: "Ich glau­be, er ist ein Egoist in ungewöhnlichem Grade." Doch schon bald werden die beiden unzertrennliche Freunde. Sie geben sich gegenseitig alle neuen Werke zu lesen. Und gemeinsam halten sie später das Weimarer Hoftheater am Laufen. Als Schiller 1805 stirbt, verliert Goethe nach eigenen Aussagen nicht nur einen Gefährten, sondern "die Hälfte meines eigenen Daseins".

Zur Ablenkung stürzt er sich in die Arbeit: In dem Theaterstück "Faust I" sucht die Hauptfigur - wie Goethe selbst - das Glück. Um es zu erlangen, ist Faust sogar bereit, seine Seele dem Teufel zu verkaufen! 1829 wird das Stück in Braunschweig uraufgeführt. Zigtausende Male ist es seither auf Deutsch­lands Bühnen gebracht worden. Und kein Oberstufenschüler kommt heute an Goethes "Faust" vorbei. Der Dichter selbst hat all dies nicht mehr erlebt. Er stirbt am 22. März 1832 im Alter von 82 Jahren in Weimar.

Annette von Droste-Hülshoff: verraten, vereinsamt, verkannt

Annette von Droste-Hülshoff

Da sind sie endlich - die Bücher! Ein Bote hat sie gerade gebracht. Annette von Droste-Hülshoff zittert, als sie einen der Bände in den Händen hält. Das sind ihre Gedichte! Zum ersten Mal hat ein Verlag ihre Texte gedruckt.

Wir schreiben das Jahr 1838. Annette ist bereits 41 Jahre alt, eine einsame, unverstandene Frau. Seit ihrer Jugend schreibt sie, doch kaum jemand in ihrer Familie hat sie bisher ernst genommen. "Reiner Plunder!", bekommt sie auch diesmal von Verwandten zu hören. "Wie kann eine vernünftige Person nur solches Zeug schreiben!" Selbst ihre Mutter legt das Buch einfach in den Schrank - und verliert kein Sterbenswörtchen darüber. Damals verkauft sich der Gedichtband gerade 74-mal.

Aufmüpfiges Adelsfräulein

Heute gilt Annette von Droste-Hülshoff als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen Deutschlands: Bevor der Euro in Deutschland eingeführt wurde, zierte ihr Gesicht sogar den 20-Mark-Schein. Solchen Erfolg hätte ihr die Familie am wenigsten zugetraut!

Annette von Droste-Hülshoff - im Winter 1797 geboren - kommt aus gutem Hause. Ihre Familie entstammt einem alten Adelsgeschlecht und besitzt eine hübsche Wasserburg im Münsterländischen. Annette wird zwar von Privatlehrern unterrichtet, doch ihre Verwandtschaft sieht es gar nicht gern, dass Annette Gedichte schreibt und am liebsten Schiller liest. Ein vornehmes Adelsfräulein solle schließlich sticken und regelmäßig zum Gottesdienst gehen und nicht die Zeit mit Literatur verschwenden, heißt es.

Schlimmer noch ist es, dass sich die adlige, katholische Annette mit 23 Jahren in einen bürgerlichen, evangelischen Mann verliebt. "Unmöglich!", zischt die Familie und wendet eine List an, um den Verehrer loszuwerden: Ein anderer Mann umschmeichelt Annette und als sie zulässt, dass er einmal ihre Hand hält, eilt er sogleich zu ihrem Angebeteten und petzt. Daraufhin wenden sich beide Männer von ihr ab. Annette ist tief gekränkt; eine Frau mit solch einem Ruf heiratet in dieser Zeit niemand mehr.

Annette im Moor

Weil sie als Adlige kein Geld verdienen darf, ist sie nun ihr Lebtag von ihrer Familie abhängig und muss sich beschimpfen lassen - als nutzloser Klotz am Bein! Als ihr Bruder Werner das Familienanwesen erbt, muss Annette mit Mutter und Schwester in ein abgelegenes Landhaus ziehen. Tag für Tag durchstreift sie dort die Moorlandschaft, über der am Morgen märchenhaft der Nebel liegt - und die zugleich bedrohlich wirkt, weil sie alles verschlucken könnte. Selbst die Natur hat zwei Gesichter! Das beschreibt Annette in ihrem berühmtesten Gedicht "Der Knabe im Moor": "O schaurig ist’s übers Moor zu gehen, / Wenn es wimmelt vom Heiderauche, / Sich wie Phantome die Dünste drehn / Und die Ranke häkelt am Strauche ..."

Mit Einsamkeit bestraft

Die Abgeschiedenheit quält Annette. Ewig gleich schleichen die Tage dahin. Ab und an wird sie zum Glück zum Kaffeekränzchen bei Tanten und Onkeln im Rheinland eingeladen. Und besser noch: zu literarischen Kränzchen bei Schriftstellern und Professoren. In dieser Runde ist Annette ein gern gesehener Gast. Denn ihre Texte regen die Literaten zum Nachdenken und mitunter zu heftigen Diskussionen an. "Finster und unverständlich" seien die Schriften, sagen die einen. "Interessant", finden sie die anderen.

Annette verfasst schlichte Texte und versteckt ihre Botschaften zwischen den Zeilen. Damit ist sie ihrer Zeit weit voraus. Kein Wunder also, dass ihr erster Gedichtband von 1838 floppt. Trotz aller Kritik, trotz aller Misserfolge macht die Droste weiter und vollendet vier Jahre später "Die Judenbuche", ihr wohl bekanntestes Werk. Schauplatz dieses Romans ist ein friedliches Dörflein. Doch wer genauer hinsieht, erlebt, wie die Menschen dort mit allen Mitteln gegeneinander kämpfen. Wer hätte klarer darüber schreiben können als die ewig getriezte Droste?

Spätes Glück

Langsam beginnen immer mehr Leser, Annettes Ehrlichkeit zu schätzen. Der nächste Gedichtband bringt ihr immerhin so viel Geld und Anerkennung, dass sie sich ein Häuschen leisten kann, am sonnigen Bodensee, wo sie die wohl glücklichsten Zeiten ihres Lebens verbringt. Endlich bestimmt sie selbst, wie sie leben will.

Leider macht ihr zusehends die Gesundheit Probleme: Annette leidet ständig an Husten und sieht so schlecht, dass ihre Nase beim Schreiben das Papier berührt. Sie stirbt 1848, mit gerade einmal 51 Jahren. Kurz zuvor hatte sie in einem Brief notiert: "Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möchte ich gelesen werden." Dieser Wunsch zumindest ging in Erfüllung!

Bertholt Brecht: Draufgänger, Dickkopf, Dramatiker

Bertholt Brecht

Er sorgt in seinem Leben für eine Menge Drama - vor allem auf der Bühne. Dafür bekommt Bertolt Brecht viel Beifall, erntet jedoch auch so manchen Protest. Nicht zuletzt, weil es in vielen seiner Stücke nur so von Schimpfwörtern wimmelt, zum Beispiel in der »Dreigroschenoper«. Ausgerechnet damit will er aber seine Zuschauer zum Nachdenken anregen.

Was für ein Theater!

Bis zur Aufführung sind es nur noch wenige Stunden, und trotzdem streicht Bertolt Brecht noch ganze Lieder, zahlreiche Textabschnitte und schreibt manche Verse komplett neu. Die Schauspieler empören sich laut. Schließlich müssen sie jedes seiner Worte bis zum Abend auswendig lernen! Doch der Protest prallt an dem konzentriert arbeitenden Dichter ab. Seine Augen sind stur auf den Text gerichtet, sein Stift eilt über das Papier. Doch die Mühe lohnt: Als sich am Abend des 31. August 1928 der Vorhang des Theaters am Schiffbauerdamm in Berlin öffnet, passt jedes Wort. Bertolt Brecht ist zufrieden. Es soll der größte Erfolg des Dichters werden - die Uraufführung der "Dreigroschenoper".

Beifall beleidigt Brecht

Plötzlich ist der schmale, drahtige Mann ein Star. Und doch ein ziemlich eigenwilliger, denn: Der Beifall ärgert ihn. Er will nicht geliebt werden, sondern verstanden. Die Zuschauer aber trällern die Lieder seines Stückes wie Schlager auf der Straße und schmachten bei der Liebesgeschichte dahin, als wäre das Ganze eine Schnulze! Dabei will Brecht seinem Publikum vor allem eines klarmachen: Die meisten Menschen handeln schlecht und gemein. Seine eigene Meinung verkündet Brecht schon als Kind sehr offen - wofür ihn seine Eltern als respektlos schelten. Einen Apfeldieb verteidigt der Junge etwa mit den Worten: "Was Bäume tun, gehört niemandem."

Seine Freunde bewundern ihn für seine direkte Art, schließlich lässt er sich von niemandem etwas sagen. Selbst über die Schule spottet er ironisch: "Während meines neunjährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern."

Brecht ist frech

Brecht ist frech, aber nicht faul: Er nutzt jede Minute, um sich zu bilden, verschlingt massenweise Bücher, komponiert, singt zur Gitarre und diskutiert bis spät in die Nacht mit Freunden. Seine gesamte Energie bündelt er auf ein Ziel: Er will mit seinen Texten, Gedichten, Liedern und Theaterstücken, kurz: mit seiner Kunst, zeigen, wie ungerecht diese Welt ist, in der die Reichen die Armen ausbeuten. Mit Stücken wie "Der gute Mensch von Sezuan" und "Der kaukasische Kreidekreis" verfolgt Brecht immer wieder dieselbe Absicht: Er will die Leute zum Nachdenken anregen - genauso, wie er es mit der "Dreigroschenoper" versucht hat.

Salbungsvolle Schimpfworte

Für Brechts Idee des Theaters ist sie das beste Beispiel: Allein über ihren Namen muss man sich wundern! Schließlich galten Opern damals als Unterhaltung für Reiche. Doch Brechts Stück ist - glaubt man dem Titel - nicht mehr als drei Groschen wert. Die Figuren sind zudem weder Könige noch Helden, sondern Verbrecher und Bettler. Und dann die Sprache! Statt salbungsvoller Worte hört man Sätze wie: "Ich möchte Sie doch bitten, Ihre dreckige Fresse zu halten". Das wird nur noch vom Gesang übertroffen: Die Darsteller singen einfach nicht im Takt. Denn Dirigent und Orchester sitzen im hinteren Teil der Bühne. Die Schauspieler mit dem Rücken dazu: Sie müssen die Einsätze einfach verpassen.

Plagegeist und Störenfried

Ein peinlicher Fehler? Nein, auch das ist pure Absicht. Das Publikum soll bloß nicht mit den Figuren auf der Bühne mitfühlen - es soll mitdenken! Und zu diesem Zweck "stört" Brecht die Darbietung, und das nicht nur durch Schimpfwörter und verpasste Liedeinsätze. Selbst die Umbauarbeiten zwischen den Szenen verdeckt er nur mit einem halben Vorhang, über den sich einige später als "Brecht-Gardine" lustig machen. So wird das Publikum immer wieder daran erinnert: Das alles ist nur Theater!

Die wichtigste Botschaft des Dichters liegt jedoch in der Handlung der "Dreigroschenoper": Gangsterboss Mackie Messer heiratet heimlich Polly, die Tochter des Bettlerkönigs Peachum. Dieser ist sauer und zeigt Mackie an. Trotz seiner Beziehungen zu dem bestechlichen Polizeichef Brown kommt Mackie an den Galgen. Doch, welch Wunder: In letzter Sekunde bringt ein Bote die Begnadigung. Und mehr noch: Mackie wird in den Adelsstand erhoben!

Unbequeme Fragen

Was ist das bloß für eine Welt, in der Verbrecher einfach zu Adligen werden? Brecht möchte, dass sich sein Publikum mit genau dieser Frage plagt und überlegt: Wer sind die wahren Räuber in unserer Gesellschaft? Und wie steht es um mich selbst?

Das sind unbequeme Fragen. Brecht stellt sie zu einer Zeit, in der manche politischen Ansichten jemanden das Leben kosten können. Denn 1933 kommt Adolf Hitler in Deutschland an die Macht, der mit seinen Anhängern, den Nationalsozialisten, alles tut, um die Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Für Brecht ist damit klar: Er muss fliehen. Über Prag und Wien gelangt er nach Paris. Währenddessen verbrennen die Nazis seine Werke. 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg. Brecht lebt da in Dänemark, später zieht er in die USA, nach Los Angeles. Dort beäugt man den großmäuligen Deutschen argwöhnisch - so wie auch er seine Umwelt. Überall quält ihn Heimweh. Als der Krieg 1945 endlich endet, freut sich Brecht auf Deutschland.

Der Vorhang fällt

Doch seine Heimat erkennt er kaum wieder. Die Siegermächte haben das Land unter sich aufgeteilt. Später wird die Zone der Sowjetunion zur DDR werden - und Deutschland damit in Ost und West geteilt. Brecht sperrt sich dagegen, eine Seite zu wählen: "Ich kann mich ja nicht in irgendeinen Teil Deutschlands setzen und damit für den anderen Teil tot sein", protestiert er. Schließlich gründet er in Berlin eine Schauspieltruppe, das Berliner Ensemble. Es spielt ab 1954 im Theater am Schiffbauerdamm, im Osten der Stadt - was ihm viele Zuschauer aus dem Westen damals nicht verzeihen.

Trotzdem ist es bis heute eines der bekanntesten Theater Deutschlands, auf dessen Bühne Brecht zeitlebens Fragen aufgeworfen hat. Auch sein Drama "Der gute Mensch von Sezuan" wurde dort häufig aufgeführt. Im Schlussteil dieses Stücks fassen die Figuren wohl am besten zusammen, was Brecht mit seinem Theater bezwecken wollte: "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen."

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