Mit Farben sprechen

Zu Lebzeiten war er kaum bekannt. Heute werden seine Gemälde für Millionen von Euro verkauft
In diesem Artikel
Der "rothaarige Verrückte"
Die Kindheit
Die Sprache der Farben

Der "rothaarige Verrückte"

In der südfranzösischen Stadt Arles gab es am Morgen des 24. Dezember 1888 große Aufregung: Etliche Bürger der Stadt waren auf den Beinen und hatten sich vor dem Haus eines Malers versammelt. Was war passiert? Der Niederländer Vincent van Gogh (spricht sich wie "Choch"), der mit seinem Freund Paul Gauguin zusammen im "Gelben Haus" wohnte und arbeitete, hatte sich ein Stück seines rechten Ohres abgeschnitten. Er wirkte ziemlich verwirrt.

Der "rothaarige Verrückte"

Der Mann war in der Stadt schon früher aufgefallen - durch ungewöhnliche Manieren und lockeren Lebenswandel. Das mochten die ehrbaren Bürger nicht: Leute, die sich Kerzen auf den Hut stellen und nachts mit Pinsel und Farbe in die Natur setzen, um zu malen - die waren verdächtig. Den "rothaarigen Verrückten" nannten ihn einige.

Ein Traum zerplatzt Aber warum hatte van Gogh sich selbst verletzt? Er war verzweifelt darüber, dass seine Kunst so wenig anerkannt und geschätzt wurde. Und er war verzweifelt darüber, dass sein Freund Gauguin das gemeinsame Atelier verlassen wollte. Dieses Atelier sollte nämlich der Anfang einer Künstlerkolonie sein. Das war van Goghs großer Traum: Viele Künstler seiner Zeit sollten hier zusammen leben und malen. Aber van Gogh und Gauguin waren zu unterschiedlich, charakterlich und künstlerisch. Und aus der Kolonie wurde nichts.

Traurige "Berühmtheit"

Gegen Morgen wird van Gogh in ein Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte vermuten, dass Alkohol im Spiel ist, vielleicht auch Irrsinn und Epilepsie - eine Krankheit, die sich in seltenen, krampfartigen Anfällen äußert. Zwei Wochen später zieht er wieder in das "Gelbe Haus". Aber nicht für lange. Er hat wieder einen Anfall und wird erneut ins Krankenhaus gebracht. Und diesmal sorgen einige besorgte Bürger der Stadt dafür, dass van Gogh dort wie ein Verbrecher festgehalten wird. Denn die Leute haben einfach Angst vor dem merkwürdigen Menschen. Van Gogh kommt zwar wieder auf freien Fuß, aber ganz gesund wird er nicht mehr. Am 29. Juli 1890 stirbt er - an einer Verletzung, die er sich wiederum selbst zugefügt hat.

Die Kindheit

Vincent Willem van Gogh (seine Bilder unterzeichnete er nur mit "Vincent") wurde am 30. März 1853 in einem holländischen Dorf geboren. Sein Vater war dort Pastor. Seine Mutter hatte vermutlich nicht wenig Arbeit mit dem kleinen Vincent und seinen fünf Geschwistern. Zu seinem vier Jahre jüngeren Bruder Theo hatte van Gogh ein besonders gutes Verhältnis. Der kleine Bruder war für ihn immer wie ein bester Freund. Theo wurde später ein erfolgreicher Kunsthändler. Seinem Bruder Vincent hat er immer wieder mit Geld und Aufmunterung zur Seite gestanden. So lange sie lebten, haben sich die beiden Briefe geschrieben. Insgesamt schrieb van Gogh seinem Bruder über 650 Briefe.

Van Gogh will selber malen

Drei Jahre lang besuchte van Gogh die Dorfschule, also so etwas wie eine Grundschule, in seinem Heimatort. Auf einem Internat lernte er dann Französisch, Englisch und Deutsch. Hier entstanden auch seine ersten Zeichnungen. Mit 16 Jahren begann Vincent in der holländischen Stadt Den Haag eine Lehre als Kunsthändler in der Kunsthandlung seines Onkels. In den folgenden Jahren lernte er auch noch die Filialen in London und Paris kennen. Aber er war doch immer mehr am Malen selbst interessiert als daran, die Werke anderer Künstler zu möglichst hohen Preisen zu verkaufen. Er vernachlässigte seine Arbeit und studierte in den Museen die Werke seiner großen Vorbilder. Und er las viel in der Bibel.

Kunst oder Kirche?

Eine Zeit lang schwankte van Gogh zwischen der Malerei und dem Christentum. Er fühlte sich zum Prediger berufen, und ganz besonders erfüllte ihn die Idee der aktiven Nächstenliebe. Er fuhr zu den Ärmsten der Armen, zu Bergarbeitern, um ihnen aus der Bibel vorzulesen. Er besuchte Kranke und lebte selbst in den ärmlichsten Verhältnissen.

Van Goghs Evangelium

Nach und nach stellte Vincent fest, dass er seine Liebe zum Leben, zu den Menschen und zur Natur besser mit dem Pinsel und Farbe ausdrücken konnte als mit Worten. Seine ersten Ölbilder sind noch ganz finster. In meist dunklen Farben zeigt Vincent die armen Leute - und wie sie leben und arbeiten. Aber im Laufe seines Lebens wurden seine Bilder immer heller und bunter. Er zeichnete und malte viel in der Natur. Bepackt mit der Leinwand, die auf einen Holzrahmen gespannt ist, und der Staffelei, einem zusammenklappbaren Gerüst, auf dem das Bild steht, mit Farben, Palette und Pinseln zog er aufs Land. Van Gogh liebte das Licht der Sonne, die Farben der Natur.

Die Sprache der Farben

Farbe war teuer, aber van Gogh war das egal. Er trug die Farbe oft dick auf, wenn es ihm notwendig erschien. Ein reines, unvermischtes Gelb zum Beispiel. Denn Gelb ist die Farbe der Sonne, die Farbe des Südens, die van Gogh in Südfrankreich fand und lieben lernte. Die meisten Menschen sprechen eine Sprache - van Gogh sprach in Farben. In Arles fand er auch die "schönen Gegensätze von Rot und Grün, von Blau und Orange, von Schwefelgelb und Lila", wie er selber sagte. Jede Farbe, jeder Gegensatz von Farben sagt etwas, drückt ein Gefühl aus.

Das verkannte Genie

Zu seinen Lebzeiten war van Gogh nicht berühmt. Er war nicht mal besonders bekannt. Gut möglich, dass er selbst bis zu seinem Tod nur ein einziges Gemälde verkaufte. Er war also darauf angewiesen, dass andere ihn mit Geld unterstützten. Und das tat vor allem sein Bruder Theo, der ihm immer wieder Gemälde abkaufte. Die Bilder wurde Theo zwar nicht los, aber es ging ihm ja auch nur darum, seinen Bruder zu unterstützen.

Später Ruhm

Van Gogh teilte das Schicksal vieler bedeutender Künstler: Er wurde erst nach seinem Tod berühmt. 1886 kaufte ein Trödler etwa 70 seiner Bilder, verkaufte sie für ein paar Cent und verbrannte den Rest. Heute würde jedes einzelne dieser Bilder bei Versteigerungen für viele Millionen Euro verkauft werden. Ob van Gogh das geahnt hat? An seinen Bruder schrieb er: "Ich kann nichts dafür, dass meine Bilder sich nicht verkaufen lassen. Aber es wird die Zeit kommen, da die Menschen erkennen, dass sie mehr wert sind als das Geld für die Farbe."

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