Drei Länder, drei Schicksale

Vor fünf Jahren porträtierten GEO-Reporter drei Kinder. Eins aus Kenya, eins aus Vietnam, eins aus Deutschland. Jetzt haben sie sie noch einmal besucht
In diesem Artikel
Francis Mutia
Ha Le
Paulina

Drei Kinder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Francis Mutia David in Kenya, das neunte Kind einer armen Bäuerin. Ha Le Nguyen in Vietnam, der zweite Sohn einer Handwerkerfamilie. Und schließlich Paulina Hoffmann in Deutschland, das erste Kind eines jungen Ehepaares. Gemeinsam ist ihnen nur, dass sie im selben Jahr geboren wurden wie das sechmilliardste Kind (das ist eine Sechs mit neun Nullen!).

Francis Mutia

Er hüpft und springt, so hoch er kann. Er singt und ist so vergnügt, wie das vielleicht nur Fünfjährige sind, die wissen, dass die Welt eigentlich ihnen gehört. Francis Mutia ist Mamas Liebling. Doch vor fünf Jahren hat seine Existenz sie in Verzweiflung gestürzt. Neun Kinder: "Wie soll ich das schaffen?", dachte Susanna Mbili damals. Susanna ist Bäuerin in dem kleinen kenyanischen Dorf.

Der Nachzügler wird bevorzugt Heute ist sie stolz auf "Bossi". Denn er ist ein Junge, er bekommt, was er braucht. Natürlich auch die einzige Avocado, die Susanna gerade hat. Seine älteren Schwestern gehen meist leer aus: Kathini, 10, kaut an der leeren, harten Schale, die Boss ihr zuwirft. Sie wiegt, bei einer Größe von 116 Zentimetern, 19 Kilogramm. Zwei Kilo mehr als ihr fünf Jahre jüngerer Bruder. Nur alle paar Tage isst sie eine Tomate, ein Stück Obst, weil Gemüse auf Susannas Feld nicht wächst und auf dem Markt zu teuer ist.

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Francis Mutia David, geboren am 5. November 1998 in Musalala, Kenya

Das tägliche Elend

Die Familie ist, wie das ganze Dorf, heute noch ärmer als vor fünf Jahren: Es herrscht das ewige Elend der Mütter, die zu viele Kinder haben. Sie können nicht allen einen gefüllten Magen, eine Schulausbildung, Aufmerksamkeit und Liebe schenken. Die Bauern sitzen auf unfruchtbaren Feldern. Wasser und Holz werden immer knapper. Bis zu einem Viertel ihres Monatseinkommens bezahlt Susanna, um ihren Kindern warme Mahlzeiten kochen zu können.

Die Kinder schlafen auf dem Boden

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Das Leben der Davids spielt sich vor dem Ziegelhaus ab

Ehemann David verdient als Gärtner in Nairobi umgerechnet rund 50 Euro. Das Verhältnis zwischen Einkommen und Lebenskosten ist lächerlich: Muendi (14) braucht eine Bibel für die Schule. Sie kostet 450 Schilling, das entspricht 15 Kilo Bohnen. Und die würden 15 Abendessen ergeben. Weil das Geld für ein Bett in den vergangenen fünf Jahren nicht da war, schlafen die Kinder noch immer in Filzdecken gewickelt auf dem Betonboden der Hütte.

Relativ gute Chancen Susanna hat heute keine anderen Wünsche als vor fünf Jahren: Ihre Kinder sollen satt werden und zur Schule gehen. Bossi hat unter seinen Geschwistern die besten Startchancen. Und doch: Francis Mutias Leben ist heute, in seinem sechsten Lebensjahr, so unsicher, wie es am Tag seiner Geburt war, am 6. November 1998.

Ha Le

"Meeee! Hör zu! Meeee!" Das Kind will etwas. Doch Me, Mama auf Vietnamesisch, will nicht so, wie ihr Kind will. Ha Le ist Mais ersehntes Kind, zur Welt gekommen neun Jahre nach Tu, dem 15-jährigen Erstgeborenen, und nach einer Fehlgeburt. Sie ist das Wunschkind, zu dem sich Mai und ihr Mann Truong noch im Alter von 34 und 36 entschlossen. Sie konnten sich Nachwuchs leisten. 1998 floriert die Motorradwerkstatt, die die Brüder Nguyen gemeinsam im Erdgeschoss des Hauses betreiben. Truong ist bekannt für seine "goldenen Mechaniker-Hände".

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Ha Le Nguyen, geboren am 15. November 1998 in Hanoi, Vietnam

Drei Generationen auf 86 Quadratmetern

Doch fünf Jahre nach Ha Les Geburt wohnt die Familie immer noch dicht gedrängt: Drei Generationen, zwölf Menschen, sechs Erwachsene und sechs Kinder, teilen sich 86 Quadratmeter Wohnfläche. Sie leben auf Zwischenböden, Balkonen, in winzigen Verschlägen: Truongs Bruder mit seiner Familie, die Schwägerin mit zwei Kindern. Die taube Tante Thi, 1998 die Älteste im Haus, ist vor zwei Jahren knapp 100-jährig gestorben. Ihr Bett hat Bui Thi Minh, Truongs Mutter übernommen. Sie betreibt, halb im Haus, halb auf dem Bürgersteig, noch immer einen kleinen Kiosk. Ölverschmiert schuften ihre Söhne in ihrer Werkstatt, die schlecht läuft. "Die Konkurrenz ist zu groß", sagt Truong. Er war bekannt dafür, dass er selbst schrottreife russische Motorräder wieder in Gang bringen konnte. Doch seine Kunden sind auf neue japanische Maschinen umgestiegen.

Noch mehr Sorgen

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Im Kindergarten: auf 30 Quadratmetern verbringen die 40 Kinder ihren Tag

Heute verdient Truong die Hälfte seines früheren Einkommens. Die Familie ist jetzt auf die 40 Euro angewiesen, die Mai als Hauswirtschaftslehrerin verdient. Und die Nguyens haben noch mehr Sorgen: Die Stadtverwaltung hat beschlossen, dass das alte Viertel "sauber" und "modern" werden soll. Die Suppenküchen und die Werkstätten wie die von Truong, sollen hinter den Hausfassaden verschwinden.

Das Geld für die Ausbildung fehlt

Wer kann, baut in den Himmel, denn in der Altstadt von Hanoi sind die Grundstückspreise auf 1000 Euro pro Quadratmeter gestiegen. Doch der Aufbau des Hauses würde, schätzt Truong, 60 000 Euro kosten. Aber das ist unbezahlbar. Jetzt hofft Ha Les Vater auf die Rückkehr seines ältesten Bruders aus Russland. Doch Mai bezweifelt, dass er Geld mitbringen wird. Sie arbeitet für die Schulgebühren, die Nachhilfestunden, also für das Wichtigste: die Zukunft ihrer Kinder.

Paulina

"Mann! Komm schon, Pippi! Du nervst!" Eine Computerstimme quäkt zurück. Paulina ist ganz und gar versunken in das Gespräch mit ihrer Heldin auf dem Bildschirm. "Paulina! Ich kann's nicht mehr hören!" ruft Petra Hoffmann, "stell' das Ding ab!" Da springt Paulina auf und hüpft durchs Zimmer. Ein schmales Gesicht, von zwei Rattenschwänzen umtanzt. Geboren am 4. November 1998 in Hamburg, ist Paulina das einzige Kind der Hotelkaufleute Petra und Christoph Hoffmann.

Ein Einzelkind - kein Einzelfall

19 Prozent der heute Sechs- bis Neunjährigen werden in Deutschland vermutlich ohne Geschwister aufwachsen, schätzt das Bundesfamilienministerium. Noch haben zwar drei Viertel aller Kinder unter 18 Geschwister oder Halbgeschwister - doch die Zahl der Ein-Kind-Familien wird weiter zunehmen.

Das Gefühl ist der beste Ratgeber Heute muss Petra lachen, wenn sie an die ersten Monate ihres Mutter-Daseins denkt: "Werde ich auch eine gute Mutter?", fragte sie sich damals ständig. Doch mit jedem Lebensmonat, jedem Lebensjahr sieht sie: Paulina gedeiht. Sie versucht, nachgiebig zu sein, wo immer es geht, aber natürlich gibt es Regeln und Rituale: Fernsehen nur ab und zu, dafür jeden Abend eine Geschichte zum Einschlafen. "Man versteht eigentlich gefühlsmäßig, was seinem Kind gut tut", sagt Petra.

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Paulina Hoffmann, geboren am 4. November 1998 in Hamburg

Kein "Rundum-Daddy"

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Virtueller Besuch im Taka-Tuka-Land: Paulinas erste Schritte ins Internet

Christoph, von Beruf Hotelmanager, arbeitet, wie vor fünf Jahren, immer noch viel. Flexibilität bei der Arbeitszeit und Ortswechsel gehören zum Beruf und sind Bedingung, um Karriere zu machen. Der "Rundum-Daddy-Typ" ist Christoph nicht. "Ich ziehe genauso viel Kraft aus meinem Beruf wie aus meiner Familie", sagt er. Er ist der Sonntags-gehen-wir-in-den-Zoo-Papa. Vollzeitvater für ein paar Stunden. Petra Hoffmann hat eine Weile als Event-Managerin Kongresse vorbereitet. Das Spiel auf zwei Lebensbühnen aber war anstrengend: "Ich saß am Computer, und Paulina zog den Stecker aus der Dose."

Die schönste Zeit

Die Monate, die sie ausschließlich mit Paulina verbracht hat, beim Ballettunterricht, im Malkurs und im Kreis anderer "Mamis" sind eine Auszeit und keine Notlösung. "Ich habe das Kind nicht zur Welt gebracht, um es wegzuorganisieren", sagt sie, und hat in jedem von Paulinas sechs Lebensjahren gedacht: Eigentlich ist doch jetzt die schönste Zeit ...

Der Weg in die Zukunft ist frei

Paulina fehlt es an nichts. Im Kinderzimmer steht der Kaufmannsladen für die kleine Hausfrau, aber sie spielt auch am Computer. Sie steigt auf Bäume und verteilt Lipgloss um ihren Mund. Oder sie denkt sich Geschichten aus von Pippi und anderen Helden. Paulina - ein kleines Mädchen, dem alle Wege ins Leben offen stehen. Davon können Francis Mutia und Ha Le nur träumen.

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