Linkshänder - Weshalb sie nicht alles "mit links" machen

Greift ihr mit links zum Füllhalter oder zur Zahnbürste? Ungefähr einer von zehn Menschen ist Linkshänder. Das ist wirklich ganz normal, auch wenn manch einer es lange nicht fassen konnte. Allerdings: In unserer "rechtshändigen" Welt haben es Linkshänder immer noch ein bisschen schwer
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"Links" ist negativ behaftet

Hat man solch einen Quatsch schon mal gelesen? Linkshändige Kinder "schielen, sie stottern, sie schlurfen und taumeln, sie watscheln wie Robben auf dem Land. Sie sind linkisch im Haus und ungeschickt in ihren Spielen, Tölpel und Pfuscher auf der ganzen Linie." Das schrieb, allen Ernstes, ein Arzt im Jahr 1937. So ein Blödsinn, kann man dazu nur sagen. Und möchte ihm einen Vogel zeigen. Mit der linken Hand.

Reine Automatik

Linkshänder sind nicht dümmer als Rechtshänder! Sie machen einfach nur viele Handgriffe automatisch mit links. Beobachtet euch einmal selbst: Mit welcher Hand greift ihr nach einem Gegenstand? Mit welcher haltet ihr die Zahnbürste, den Würfelbecher beim Spielen, den Tischtennis-Schläger? Und: Mit welcher Hand schreibt ihr? Viele von euch werden antworten: Mit links!

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Wer ein schrottreifes Auto als "fast neu" anpreist, der ist in der Umgangssprache ein ganz "linker Vogel". Es gibt viele Redewendungen, bei denen "links" mit "mies" oder "hinterhältig" gleichgesetzt wird

Berühmte Linkshänder

Da seid ihr in wirklich guter Gesellschaft. Viele berühmte Menschen sind Linkshänder: die Schauspielerin Julia Roberts etwa, die Musiker Paul McCartney und Sting. Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond. Sogar Goethe, Mozart und Beethoven griffen mit links zum Stift, wenn sie etwas zu Papier bringen wollten. Von wegen "Tölpel und Pfuscher"!

Alles nur für Rechtshänder?

In Deutschland machen mindestens zehn Millionen Menschen das meiste "mit links". Leicht haben sie es dabei aber nicht. Denn unser Alltag ist ganz eindeutig für Rechtshänder eingerichtet. Füllhalter, Scheren, Dosenöffner, Fotoapparate, Gitarren, all diese ganz gewöhnlichen Dinge sind es, mit denen ein Linkshänder seine liebe Not hat. Schreibt er zum Beispiel mit einem Füller von links nach rechts, so verschmiert er mit der Hand leicht die frische Tinte. Eine Schere lässt sich vielleicht noch mit der Linken greifen - aber dann sieht man die Schnittkante nicht mehr richtig, weil sie vom oberen Scherenblatt überdeckt wird. Viele Gegenstände gibt es zwar schon speziell für Linkshänder, aber leider sind sie meist viel teurer als jene für die so genannten "Normalen".

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Viele Gegenstände unseres Alltags gibt es inzwischen speziell für Linkshänder - etwa Soßenkellen oder eine Computertastatur, an der die Maus links hängt. Oder Dosenöffner, die links herum drehen

"Links" ist negativ behaftet

Vielleicht ist das ja der Grund, weshalb Linkshänder oft für ungeschickt und tölpelhaft gehalten wurden. Früher konnte es für sie sogar richtig gefährlich werden: Im Mittelalter wurden manche von ihnen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil man Linkshändigkeit aus Aberglauben für ein Zeichen des Teufels hielt. Linkshänder wurden zu Außenseitern gemacht, man ließ sie "links liegen". Noch heute gibt es Redewendungen, die "links" mit etwas Üblem verbinden: ein "linker Typ" ist einer, der andere übers Ohr haut; "jemanden linken" heißt, einen anderen zu betrügen; und wer "mit dem linken Fuß aufsteht", dem steht angeblich ein schlechter Tag bevor.

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Der Nagel verbogen, das Bild hängt schief - das gibt bestimmt Ärger! Wenn sich jemand ungeschickt anstellt, heißt es gleich: "Der hat zwei linke Hände!"

Mit Gewalt auf "rechts" getrimmt

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Früher wurden linkshändige Kinder in der Schule gezwungen, mit rechts zu schreiben. Manchen wurde gar der linke Arm festgebunden

Bis vor rund 30 Jahren galt Linkshändigkeit häufig als unnormal. Kinder wurden in der Schule gezwungen, mit rechts zu schreiben - oft mit brutalen Methoden: Man band ihren linken Arm an der Stuhllehne fest oder gipste ihn sogar ein! Kein Wunder, dass manche Mädchen und Jungen deshalb Wutanfälle bekamen. Viele konnten sich wegen der Quälerei gar nicht konzentrieren, und einige wurden davon richtig krank.

Einfach umschalten geht nicht Denn Menschen können nicht einfach so von links auf rechts umschalten! Die "Händigkeit" ist nämlich angeboren. Genau wissen die Forscher zwar nicht, warum jemand als Linkshänder zur Welt kommt. Aber sicher ist, dass unser Gehirn dabei eine wichtige Rolle spielt. Das besteht bekanntlich aus zwei Hälften. Die rechte Hirnhälfte kontrolliert vor allem die Bewegungen der linken Körperseite; die linke Hirnhälfte "regiert" die rechte Seite. Beim Linkshänder ist die rechte Hirnhälfte besonders stark ausgeprägt.

Verwirrung und Stress

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Durcheinander im Hirn: Wenn ein Linkshänder krampfhaft versucht, etwas mit rechts zu erledigen, gibt es schnell Probleme. Die eine Hirnhälfte fühlt sich überfordert, während die andere "kaltgestellt" wird

Muss nun ein Linkshänder mit rechts schreiben, belastet er seine "schwache" linke Hirnhälfte viel zu stark. Sie wird überfordert und kann kaum leisten, was von ihr verlangt wird. Die "starke" rechte Hälfte wird dagegen unterfordert. Das Oberstübchen ist ständig verwirrt. Kein Wunder also, wenn viele der "umgepolten" Kinder wirklich anfingen zu stottern oder schlecht in der Schule waren.

Linksfüßer - heiß begehrt! Zum Glück dürfen Kinder heute nicht mehr "umgedreht" werden. In manchen Schulen werden Linkshänder sogar speziell gefördert, zum Beispiel beim Sport: Ein linksfüßiger Fußballer ist in jeder Mannschaft begehrt, weil es nicht so viele Spieler gibt, die gut von links flanken können! Manche glauben sogar, dass Linkshänder besonders intelligent seien. Na, das ist wahrscheinlich auch übertrieben. Aber besonders pfiffig müssen sie wohl sein. Denn nur so können sie die Hindernisse in unserer Rechtshänder-Welt tagtäglich überwinden.

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GEO Nr. 05/97
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