Archäologie: Krimi um die "Himmelsscheibe"

Ein archäologischer Fund in Sachsen-Anhalt sorgt für Aufregung. Wir erzählen euch die aufregende Geschichte der "Himmelsscheibe von Nebra"
In diesem Artikel
Der Fund der Himmelsscheibe
Verhaftung in Basel
Jeder will die Scheibe sehen
Zu 99 Prozent echt
Streit und Zwietracht

Der Fund der Himmelsscheibe

4. Juli 1999. Ein schöner Sommertag. Zwei Männer pirschen verdächtig langsam durch den Wald auf dem Mittelberg in Sachsen-Anhalt. Sie lassen die Sonde eines Metallsuchgerätes über dem Boden kreisen. Es sind Raubgräber, die Überbleibsel vergangener Zeiten aufspüren wollen: Pfeilspitzen, Säbelstücke, Uniformknöpfe, Orden. Egal was, Hauptsache alt! Sie wissen, dass sie sich strafbar machen. Das Gebiet wird seit 1986 archäologisch untersucht. Selbst noch unentdeckte Funde gehören deshalb dem Land Sachsen-Anhalt. Wer trotzdem kleine Schätze mitnimmt, riskiert eine Gefängnisstrafe.

Ein verdächtiger Deckel

Da fällt der Blick der beiden Männer auf eine verkrustete Scheibe, die ein Stück weit aus dem Boden ragt. Mit einem Hammer graben sie das Metall aus, halten es zunächst für einen alten Topfdeckel, werfen es beiseite. Erst beim Weitergraben stockt ihnen der Atem: Sie finden zwei Schwerter mit goldverzierten Griffen, zwei Beile, einen Meißel und zwei zerbrochene Armreifen. Nun nehmen sie auch die 32 Zentimeter große Scheibe an sich und verschwinden mit ihrer Beute.

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So sieht die Himmelsscheibe von Nebra aus

Infos bei Ebay versteigert

So zumindest schildern die beiden Diebe die Entdeckungsgeschichte der inzwischen weltberühmten "Himmelsscheibe von Nebra" später. Im September 2003 werden sie "auf Bewährung" verurteilt, müssen also nicht ins Gefängnis. Ihre Freiheit nutzen sie seither dazu, die Medien und die Öffentlichkeit mit immer neuen Versionen ihrer Schatz-Geschichte zu verwirren. Einer hat sich 2005 sogar als Interviewpartner bei Ebay zur Ersteigerung angeboten! Zwei Stunden lang wolle er seinem Käufer in einem persönlichen Gespräch erzählen, wie sich die Schatzräuber-Story wirklich abgespielt habe.

Verhaftung in Basel

Für 555 Euro erhielt ein Bieter mit dem E-Mail-Absender "Burri-Bayer" den Zuschlag. Dahinter verbirgt sich Hildegard Burri-Bayer, die zur Zeit ebenfalls in Halle vor Gericht steht. Ihr und einem zweiten Angeklagten wird vorgeworfen, die "Himmelsscheibe von Nebra" verbotenerweise über einen Zwischenhändler für umgerechnet 117 000 Euro erworben zu haben. Danach hätten beide die Scheibe dem Landesmuseum in Halle zum Kauf angeboten - für 380 000 Euro, um sich selbst zu bereichern. Doch der Museumsdirektor informierte die Polizei. Und beim Verkaufsgespräch in einem Hotel in Basel in der Schweiz schnappte die Falle zu: Burri-Bayer und ihr Kompagnon wurden am 23.2.2002 verhaftet.

Echt oder falsch?

Der Prozess in Halle versucht schon seit Monaten, Licht in den abenteuerlichsten Krimi der deutschen Archäologie-Geschichte zu bringen. Längst geht es nicht mehr nur darum aufzuklären, wie viel Schuld die Angeklagten auf sich geladen haben. Längst streiten die Experten auch um viel Wichtigeres: Ist die "Himmelsscheibe von Nebra" tatsächlich ein sensationeller Jahrhundertfund - oder bloß eine geniale Fälschung?

Ein uralter Bauernkalender

Harald Meller, der Museumsdirektor aus Halle, ist natürlich fest überzeugt, einen einzigartigen Schatz in seinem Haus zu beherbergen. Er bezeichnet die Scheibe als "erste konkrete Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte". Sie stamme aus der Bronzezeit, sei also etwa 3600 Jahre alt. Ihre goldenen Verzierungen seien als Abbild des nächtlichen Sternenhimmels zu deuten. Sieben eng beieinander liegende Goldpunkte symbolisieren den Sternenhaufen der "Plejaden", auch "Siebengestirn" genannt. An ihnen orientierten die Bauern ihre Feldarbeit: Verschwanden die Plejaden im März am westlichen Abendhimmel, wussten die Bauern, dass es Zeit war zu säen. Tauchten die Plejaden im Oktober wieder auf, wurde geerntet.

Jeder will die Scheibe sehen

Weiterhin gäbe es zwei Horizontbögen sowie eine goldene Scheibe - Sonne oder Mond - und eine Sichel, die entweder den Mond symbolisiere oder eine teilweise Finsternis der Sonne oder des Mondes. Für Meller ist der Fund so bedeutend wie das Grab des Tutanchamun oder "Ötzi". 250 000 Besucher strömten bis zum 22.5.2005 in die Ausstellung "Der geschmiedete Himmel" in Halle, um die grünverfärbte ("korrodierte") Scheibe zu sehen. Für fünf Millionen Euro sollen neue Forschungsprojekte gestartet werden.

Vom Fund profitieren viele

In Nebra selbst, wo die Arbeitslosenrate bei 20 Prozent liegt, schöpfen die Stadtväter neuen Mut. Am Fuße des Mittelberges, in Wangen an der Unstrut, soll bis 2006 ein "Erlebniszentrum" zur Himmelsscheibe entstehen. Bäckereien bieten Kopien des Bronzediskus als Marzipan- oder Zuckergusstorte an. In Souvenirläden gibt es "Nebra-Wein", T-Shirts und Halsketten mit dem neuen Wahrzeichen. Der Ort hofft auf Touristen. Doch was ist, wenn sich in dem Prozess herausstellen sollte, dass die "Himmelsscheibe" nicht echt ist?

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Ein anderer Fund aus der Bronzezeit: Das Kurzschwert von Nebra

Die Scheibe muß ins Labor

Fast zwei Dutzend Untersuchungen hat Museumsdirektor Meller seit dem Frühjahr 2002 in Auftrag gegeben, um alle Zweifel auszuräumen. Mit Mikroskopen rücken die Forscher der Himmelsscheibe bis auf Tausendstel Millimeter genau zu Leibe. Sie untersuchen sie mit Röntgen-, Laser- und Protonenstrahlen. Es wird sogar eine detailgetreue Kopie mit Werkzeugen hergestellt, die es in der Bronzezeit gab, um die alten Herstellungstechniken nachzuvollziehen.

Zu 99 Prozent echt

Trotzdem sagt Meller: "Mit absoluter Sicherheit ist die Echtheit eines solchen Fundes nicht zu beweisen." Vor Gericht stellen Experten die Ergebnisse ihrer Bodengutachten vom angeblichen Fundort dar. Chemiker erzählen, was die Bronze und "Patina", also der grüne Belag, über das Alter der Scheibe aussagen. Es wird ermittelt wie in einem Mordfall. Am Schluss sind sich die Gutachter einig: die "Himmelsscheibe" sei zu 99 Prozent echt.

Zweifler meldet sich zu Wort

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Noch ein Bronzezeitfund: Der Sonnenwagen von Trundholm

Das sieht Peter Schauer, Professor für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Regensburg in Bayern, ganz anders. Er hält den Jahrhundertfund für eine relativ neumodische Fälschung: "Ich habe dafür ein gewisses Auge." Ähnliche Himmelsdarstellungen kenne er von Schamanentrommeln aus dem 19. Jahrhundert. Die Löcher im Scheibenrand könnten mit einer Handzange gestanzt worden sein. Ein solches Werkzeug kannte man aber vor 3600 Jahren noch nicht.

Fragen bleiben offen

Was andere Archäologen als handwerkliche Sensation feiern, nämlich das Einarbeiten der Goldbleche in die Bronzescheibe, nennt Schauer bloß "abwegig". Seines Erachtens sei nur sicher, dass die Scheibe älter als 100 Jahre ist. Zu diesem Ergebnis kam auch der vom Gericht bestellte Experte. Sie sei auf jeden Fall älter als 100 Jahre - aber ob sie 3600 Jahre alt sei, könne niemand beweisen.

Streit und Zwietracht

Der Jubel über die Entdeckung der "Himmelsscheibe" ist also erbitterten Streitereien gewichen: Archäologen versuchen sich gegenseitig zu widerlegen. Hehler beschuldigen den jeweils anderen, um selber straffrei zu bleiben. Sogar das Land Sachsen-Anhalt brach einen Streit vom Zaun, indem es sich die Vermarktungsrechte an der Himmelsscheibe sicherte - gegen Nebra und dessen Kreisstadt Quedlinburg.

Scheibe wieder vergraben?

Seither darf beispielsweise niemand ein Bild der Himmelsscheibe drucken, ohne vorher die - kostenpflichtige - Genehmigung des Landes eingeholt zu haben. Ein Münchener Buchverlag wurde bereits verklagt, weil er die Himmelsscheibe auf dem Umschlag eines Krimis veröffentlicht hatte. - Was wäre der Welt vielleicht erspart geblieben, wenn die Himmelsscheibe heute noch unentdeckt im Erdreich des Mittelberges verborgen wäre?

Zum Weiterlesen

Externe Linktipps zum Thema "Himmelsscheibe von Nebra": Offizielle Website mit vielen Infos und interessanten Fotos:www.himmelsscheibe-nebra.com Wikipedia-Artikel::http://de.wikipedia.org/wiki/Himmelsscheibe_von_Nebra

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