Forschung im freien Fall

Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an? GEOlino.de-Reporter Peter Carstens wollte es wissen - und begleitete Studenten aus ganz Europa auf einem Parabelflug der Europäischen Weltraumorganisation ESA

Vor ein paar Wochen erzählte ich Freunden und Kollegen zum ersten Mal, dass ich einen Parabelflug machen würde. Es gab es drei Arten von Antworten: 1.) "Bist du irre? Das machst du freiwillig?" 2.) "Super! Das würd' ich auch gerne machen!" und 3.) "Hä? Was ist das denn?" Den Leuten, die zur dritten Gruppe gehörten, musste ich natürlich erst mal erklären, was das ist, ein Parabelflug.

Manchmal brauchen Forscher extreme Bedingungen, um zu forschen. Zum Beispiel hohen Druck, niedrige Temperaturen - oder Schwerelosigkeit. Schwerelosigkeit heißt, dass Dinge kein Gewicht haben. So wie im Weltraum. Schwerelos sind auch Dinge, die man in die Luft wirft wie einen Ball. Dann spricht man auch vom "freien Fall". In dem Moment, in dem der Ball aus der Hand gleitet, ist er im freien Fall, ist er schwerelos. Die Bahn, die er in der Luft beschreibt - erst hoch und dann wieder runter - nennt man eine Parabel.

Und damit sind wir schon beim Parabelflug: Ein Parabelflieger fliegt steil in die Luft - und lässt sich dann fallen. Für solche Luftsprünge gibt es spezielle Flugzeuge. Die Europäische Weltraumorganisation ESA nutzt dafür den Airbus A300 Zero-G, der im französischen Bordeaux zu Hause ist. Mit 54 Meter Länge ist das ein richtig großes Flugzeug. Auf jedem Flug mit diesem Airbus fliegt der Pilot 31 Parabelmanöver. Und in jeder Parabel gibt es immerhin 22 Sekunden Schwerelosigkeit. Das ist ganz schön lang. Guckt mal auf die Uhr und zählt mit!

Anfang September hatte die ESA wieder 30 Studenten aus ganz Europa eingeladen, an Bord Experimente durchzuführen. Und ich durfte mit. Also los! Auf nach Bordeaux!

Einen Tag vor dem Flug erklären uns der Pilot und die Sicherheitsleute, wie so ein Parabelflug abläuft, was man tun sollte und was nicht. Es gibt zum Beispiel ein paar wichtige Regeln zu beachten, damit einem unterwegs nicht schlecht wird. Schließlich ist so ein Flug wie Achterbahn hoch zehn. Bei jeder Parabel wiegt man erst das Doppelte, dann gar nichts, und dann wieder das Doppelte.

Los geht's!

Der Start ist ganz normal. Spannend wird es aber schon 20 Minuten später, als wir eine Höhe von sechs Kilometern erreicht haben: "First parabola in two minutes" - "Die erste Parabel in zwei Minuten", meldet sich der Pilot aus dem Cockpit. Ich setze mich in einen Sitz und schnalle mich an. Keine Ahnung, wie sich das anfühlen wird ... Vor mir auf der Experimentierfläche legen sich die Studenten auf den gepolsterten Boden und schlüpfen mit den Füßen unter die roten Gurte, die überall gespannt sind. Die Maschine rast jetzt mit Höchstgeschwindigkeit, 825 Kilometer pro Stunde.

Meine Handflächen werden feucht. Zu hören ist nur noch das Brummen der beiden Düsentriebwerke. Ich denke an nichts mehr, die Sekunden schmelzen wie im Zeitraffer dahin. Dann der Countdown aus dem Cockpit: "30 seconds ... 20 ... 10 ... 5 ... 3-2-1 PULL UP!" "Pull up" heißt "hochziehen". Der Flieger rast jetzt steil in den Himmel. Mein Körper fühlt sich an wie Blei. Die Arme auf der Lehne lassen sich nur noch mit Mühe heben. Das Atmen fällt schwer. Durchs Kabinenfenster sehe ich, wie der Horizont nach hinten wegkippt. Besser nicht hinsehen!

20 Sekunden später steigt die Maschine in einem Winkel von unglaublichen 47 Grad. Das ist mehr als ein halbierter rechter Winkel. Jetzt drosselt er die Motoren - und fliegt nur noch mit dem eigenen Schwung. "Injection" - "Einwurf" nennt das der Pilot.

Das ist der Moment, auf den alle gewartet haben: Innerhalb von wenigen Sekunden wird alles im Flugzeug leichter als federleicht. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, hebt ab. Von den Studenten auf der Experimentierfläche höre ich schrilles Gelächter. Auch ich muss grinsen. Nur der Gurt hält mich noch im Sitz. Meine Arme wedeln wie von selbst nach oben. Lose Sitzgurte recken sich nach oben wie Schlangen. Aus dem Sitz vor mir steigt, wie in Zeitlupe, kupfern, blitzblank und taumelnd, eine Büroklammer auf. Normal ist das nicht ...

Dann sagt der Pilot wieder Gradzahlen an. Diesmal meint er die Neigung der Flugzeugnase nach unten: "20 ... 30 ..." Bei 42 Grad fängt er den Sturzflug der Maschine ab. Gleichzeitig fährt der Flugingenieur die Triebwerke auf volle Leistung hoch. Alles fällt wieder schlaff zu Boden. Selbst das Grinsen strengt mich an. Denn auch die Gesichtszüge zieht es nach unten. Nach zwanzig Sekunden fliegen wir wieder geradeaus. Zeit zum Verschnaufen: eine Minute. Dann der Countdown zur nächsten Parabel.

Nach der 17. Parabel wird mir komisch. Ich rette mich in einen Sitz und schnalle mich an. Schnell sind die ersten Kotztüten gefüllt; hinter und neben mir eifern mir einige der Studenten nach. Besonders trickreich: Man sollte die Tüte besser zugefaltet haben, bevor die Schwerelosigkeit einsetzt. Sonst gibt's 'ne Sauerei.

Auf der Experimentierfläche spielen sich inzwischen sonderbare Szenen ab. Zwischen gepolsterten Gestellen mit gelb-schwarzen Warnhinweisen und Notaus-Schaltern beginnt jedes Mal reges Treiben, sobald die Schwerelosigkeit einsetzt. Die Studenten klammern sich an etwas Festes oder an die Gurte, um mit einer Hand einen Laptop zu bedienen. Oder um an seltsamen Apparaturen zu justieren, zu schrauben, zu messen. Dazwischen schweben überall kleine angeleinte Plüschtiere und Maskottchen.

Die einen wollen herausfinden, ob man Farben anders wahrnimmt, wenn man schwerelos ist, andere wollen besondere Materialien herstellen oder versuchen, kleine Satelliten zu steuern. Verrückt, was man in der Schwerelosigkeit alles untersuchen kann.

Nach der Landung freue ich mich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Mir brummt der Kopf. Ganz schön anstrengend, das ständige Auf und Ab. Aber trotzdem: Die Schwerelosigkeit ist einfach nur der Wahnsinn. Vergessen werden die Studenten diesen Tag nie. Ebenso wenig wie ich. Ich hätte nächstes Mal nur gern die Schwerelosigkeit am Stück. Und das sind zusammengerechnet immerhin über elf Minuten.

Die Seite für Kinder von der Europäischen Weltraumorganistation ESA
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