So entsteht ein Hörspiel

Kennt ihr das Buch "Skogland" von Kirsten Boie? Den spannenden Krimi der deutschen Jugendschriftstellerin wird es bald nicht nur zu lesen, sondern auch zu hören geben. Der Norddeutsche Rundfunk in Hamburg hat die Geschichte im Hörspielstudio aufgenommen. Bis aus einer Romanvorlage ein Hörspiel wird, gibt es eine ganze Menge zu tun. GEOlino.de war bei den Aufnahmen im Studio dabei.

"Ah, gut, dass du da bist!", begrüßt mich Ilka Bartels im Studio 9 des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in Hamburg. Ilka ist die Regieassistentin. "Du kannst gleich bei der Casting-Szene mitmachen." Im Handumdrehen stehe ich mit fünf jungen Mädchen in einem der beiden Aufnahmeräume. Eine im Buch "Skogland" beschriebene Casting-Szene soll aufgenommen werden. Der Regisseur, Achim Schmidt-Carstens, gibt aus dem Regieraum über sein Mikrofon eine kurze Anweisung. Und dann geht es los: "Und Bitte!"

Alle plappern wie wild drauf los, schnattern und gackern wie die Hühner. Anschließend hören wir uns die Aufnahme an. "Das klingt ja, als ob wir ganz viele gewesen wären", sagt eines der Mädchen. Stimmt! Dabei waren wir nur zu sechst. Dafür ist der Toningenieur, Rudi Grosser, verantwortlich: Mit verschiedenen Effekten hat er der Aufnahme mehr "Volumen" gegeben. Jetzt klingt es tatsächlich so, als ob ganz viele Mädchen sich unterhalten hätten.

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Die Autorin des Romans "Skogland", Kirsten Boie, hat das Hörspiel-Team im Studio besucht. Die Schriftsellerin freut sich sehr darüber, dass der NDR aus ihrem Buch ein Hörspiel macht

Am Anfang steht immer eine gute Geschichte

Bevor mit den Aufnahmen begonnen werden kann, liegt schon viel Arbeit hinter den Hörspiel-Machern. Denn zunächst muss erst einmal eine gute Geschichte her, die man vertonen will. Oft nimmt man als Vorlage für Hörspiele fertige Romane. Zum Beispiel den Roman "Skogland" von Kirsten Boie. Weil man nun nicht einfach das ganze Buch "nachspielen" kann, braucht man eine Hörspielbearbeitung, ein Manuskript. Im Manuskript steht, wie die Handlung abläuft. Außerdem sind einzelne Szenen und Dialoge genau beschrieben - und es gibt Regieanweisungen, wie die Sprecher ihre Rollen darstellen sollen. Das Manuskript schreibt meist ein besonderer "Hörspielbearbeiter." Im Falle von "Skogland" hat Angela Gerrits diese Aufgabe übernommen. Bevor sie mit dem Schreiben begonnen hat, hat sie sich mit dem Regisseur über die wichtigsten Elemente des Buches unterhalten: Was muss unbedingt erwähnt werden, welche Charaktere spielen mit und wie sollen diese dargestellt werden?

Wer spielt wen? Wer hat wann Zeit? Der Regisseur muss sich nun Gedanken über die richtige Besetzung machen: Welcher Sprecher soll welchem Charakter seine Stimme leihen? Wenn er mit seinen Überlegungen fertig ist, kommt das Besetzungsbüro ins Spiel. So ein Besetzungsbüro gibt es bei jedem Radio. Hier kümmern sich die Mitarbeiter ausschließlich um die Sprecherwahl für die Hörspiele, die bei dem Radiosender produziert werden. Das Besetzungsbüro ruft die Darsteller an oder organisiert ein Casting für noch fehlende Stimmen. Dann muss ein Plan her, auf dem steht, wann welcher Sprecher Zeit für seine Aufnahmen hat. Die meisten Sprecher sind richtige Schauspieler, die oft ausgebucht sind. Die Aufnahmen finden also nicht so statt, wie es im Manuskript steht. Sondern in der Reihenfolge, wie die Sprecher Zeit haben. Wenn dieser Aufnahmeplan fertig ist, kann die Arbeit im Hörspielstudio endlich beginnen!

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Nina ist 14 Jahre alt und spielt in "Skogland" die Rolle der Malena

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Regieraum und Aufnahmeraum sind durch ein großes Fenster voneinander getrennt. Über Mikrofone können die Sprecher mit dem Team im Regieraum reden

Im Studio Bevor die Aufnahmen wirklich starten, trifft sich das ganze Produktionsteam zu einer Regiebesprechung. Das Produktionsteam, das sind bei "Skogland": Regisseur Achim Schmidt-Carstens, Regieassistentin Ilka Bartels, Tontechnikerin Gabriele Behr und Toningenieur Rudi Grosser. Zusammen besprechen sie den genauen Ablauf aller Sprachaufnahmen: In welchem Studio werden welche Aufnahmen gemacht? Welche Geräusche können "live" mit aufgenommen werden? Welche Materialien braucht man dafür?

In den meisten Hörspielstudios gibt es einen Regieraum und jeweils einen großen und einen kleinen Aufnahmeraum: Studio A und Studio B. Die beiden Räume sind mit dem Regieraum durch große Fenster und über ein Mikrofon miteinander verbunden. Im großen Aufnahmeraum hallt es etwas mehr. Dagegen ist der kleine Aufnahmeraum "schalltot". Hier sind die Wände und die Raumdecke mit einer speziellen Verkleidung ausgestattet, damit kein unnötiger Hall entsteht und die Aufnahmen "trocken" und neutral klingen. Das ist wichtig für die spätere digitale Nacharbeitung, der Mischung. Denn dann werden die aufgenommen Szenen in die gewünschten "Räumlichkeiten" versetzt.

Die Kindersprecher Es ist so weit: Drei Jugendliche betreten das Hörspielstudio. Niklas (16), Nina (14) und Dilan (15) spielen in "Skogland" die Kinder Joas, Malena und Jarven. Gemeinsam kommen sie in "Skogland" einer politischen Verschwörung auf die Schliche...

Heute stehen mehrere gemeinsame Szenen auf dem Plan. Die drei haben schon Erfahrung: Nina ist die Tochter von Regisseur Achim Schmidt-Carstens und spielt regelmäßig am Theater kleine Rollen. Sie hatte auch schon Auftritte im Fernsehen. Niklas' Stimme war auch schon in einem "Tatort"-Krimi zu hören und Dilan hat als kleines Kind mit dem Kinderliedermacher Rolf Zuckowski gesungen Jetzt singt sie regelmäßig mit der NDR-Bigband und spielt auch öfter in Filmen oder Serien mit. Bei "Skogland" spielt sie sogar die Hauptrolle.

Für die Kinder ist das Mitwirken bei "Skogland" aber auch richtige Arbeit und auch ein bisschen Stress: Vormittags drücken sie die Schulbank und nachmittags düsen sie zu den Aufnahmen, die bis zum Abend dauern. Nina lebt in Kiel und kommt sogar täglich nach der Schule mit dem Zug angereist. Und obwohl den dreien das Schauspielern großen Spaß macht - mal abgesehen von dem kleine Taschengeld, das sie mit dieser Arbeit verdienen - wollen sie alle nach dem Schulabschluss erstmal einen "richtigen" Beruf erlernen. Ein Leben nur als Darsteller scheint ihnen zu unsicher.

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Dilan ist 15 Jahre alt und leiht im Hörspiel "Jarven" ihre Stimme

Schnell noch ein paar Handgriffe Toningenieur Rudi Grosser richtet den Jugendlichen noch schnell die Mikrofone ein: Er stellt die Stative, an denen die Mikros befestigt sind, auf die richtige Höhe und korrigiert den Poppschutz. Der Poppschutz ist ein mit Nylongewebe bespannter, ringförmiger Rahmen, der verhindern soll, dass unerwünschte Laute und Tonstörungen auf die Aufnahmen gelangen. Dann prüft Rudi noch einmal die Verkabelung und macht zu guter Letzt ein paar Probeaufnahmen, um den Aufnahme-Pegel und den Klang zu bestimmen. Regisseur Achim betritt den "schalltoten" Raum, um mit den Jugendlichen ein letztes mal ihre Texte durchzusprechen.

Regie und Technik - die Räume

Nun sind alle für die Aufnahmen bereit. Nebenan im Regieraum sitzen Achim und Ilka an einem kleinen Tisch vor den Studio-Lautsprechern. Hinter den beiden sitzt Rudi, an einem riesigen Mischpult. Ein weiterer Raum gehört der Tontechnikerin Gabriele. Sie überwacht die Aufnahmen und entscheidet, ob eine Einspielung wiederholt werden muss. Zum Beispiel, weil der Ton nicht gut war. Alle haben die ganze Zeit über das Manuskript vor sich liegen, um Satz für Satz mitzulesen und einzuschreiten, wenn etwas nicht stimmt. "Und bitte!", ertönt Achims Stimme und die Kinder legen los.

Jetzt wird erst mal geschnitten

Zwei Wochen hat es gedauert, bis alle Sprachaufnahmen zu "Skogland" aufgenommen waren. Jetzt geht es an die Nachbearbeitung. Das Schneiden der Aufnahmen übernimmt Gabriele. Achim und Ilka helfen ihr dabei. Gemeinsam entscheiden sie, welche Version einer Aufnahme die beste ist. Manchmal tricksen sie auch ein bisschen: Dann schneiden sie aus mehreren Aufnahmen einer Szene die besten Stücke, auf Englisch "Takes", heraus und setzten sie wie ein großes Puzzle zu einer Szene zusammen.

Für den Schnitt hat das Team etwa eine Woche Zeit. Das ist nicht gerade viel, wenn man bedenkt, wie viele Aufnahmen in den vergangenen zwei Wochen zusammengekommen sind. Während des Schneidens werden die einzelnen Szenen zeitlich in die richtige Reihenfolge gebracht. Fertig ist das Hörstück jedoch noch lange nicht:

Die Mischung macht's

Nach dem Schnitt wird "gemischt". Fast alle Szenen sind ja in einem schalltoten Raum, also ohne Hintergrundgeräusche aufgenommen worden. Klänge wie quietschende Türen, Telefonklingeln, Stimmen aus dem Fernseher, Motorengeräusche und Stadtatmosphäre müssen nachträglich hinzugefügt werden. Und nicht zu vergessen: die eigens komponierte Hörspielmusik.

Alle diese Geräusche gibt es fertig aus dem Computer. Toningenieur Rudi sucht sich die passenden Klänge und Atmosphären einfach in seiner Geräusche-Datenbank aus, und unterlegt damit die Sprechertexte. Früher gab es für Hintergrundgeräusche übrigens eigens Geräuschemacher. Diese haben mit allerlei Hilfsmitteln Atmosphären und Geräusche "live" während der Aufnahme erzeugt. Die digitale Technik hat sie jedoch fast vollständig aus den Hörspielstudios vertrieben.

Endspurt: Das Abhören, die Korrektur und das Brennen

Die Mischung ist meist die zeitaufwendigste Arbeit bei einer Hörspielproduktion. Etwas mehr als zwei Wochen hat das Team vom Norddeutschen Rundfunk gebraucht. Jetzt ist endlich Endspurt angesagt! Alles wird noch einmal angehört. Wenn es sein muss, werden letzte Korrekturen vorgenommen. Dann wird das fertige Hörspiel von der Festplatte auf eine CD gebrannt.

Geschafft! Achim Schmidt-Carstens und seine Kollegen haben ein tolles, dreiteiliges Hörspiel produziert! Und das in Rekordzeit: Lediglich fünf Wochen standen dem kleinen Produktionsteam für die Herstellung von "Skogland" zur Verfügung. Da wurde auch so manche Spätschicht in Kauf genommen. Von sechs Uhr abends bis um zwei Uhr in der Nacht haben die Kollegen dann im Hörspielstudio gesessen und geschnitten, gemischt und vor allem gelauscht, was das Zeug hält. Denn: Trotz aller Studiotechnik ist ein gutes Gehör immer noch das allerwichtigste Werkzeug!

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