Abgehoben: Europas Labor im Weltraum

Vergangenen Donnerstag startete die Raumfähre Atlantis ins Weltall. An Bord: Das Weltraum-Labor "Columbus"

Alles war so schön geplant: Schon im Jahr 2004 sollte das Labor "Columbus" zur Weltraumstation ISS fliegen und den Forschern spannende Experimente ermöglichen. Doch dann wurde die Reise abgesagt. Das 880 Millionen Euro teure Bauteil wartet seit drei Jahren auf den Abflug. Nun konnten die Astronauten endlich starten. Es wird ein Abenteuer, bei dem schon der kleinste Fehler schwerste Folgen haben kann.

Manche Dinge muss man selbst ausprobieren, um ein Gefühl für sie zu bekommen. Wer etwa wissen möchte, wie schwierig es ist, im Weltraum zu arbeiten, sollte sich seine dicksten Winterhandschuhe anziehen – und dann versuchen, eine Armbanduhr neu zu stellen. Schafft ihr es, an den winzigen Uhrenrädchen zu drehen oder die Knöpfe zu drücken? Wohl kaum! Die klobigen Woll- oder Lederfinger machen jede Feinarbeit unmöglich.

Genau das ist auch das Hauptproblem, vor dem der deutsche Astronaut Hans Schlegel steht, wenn er bald die wohl schwierigste Weltraummission des nächsten Jahres leitet: die Ankopplung des Weltraumlabors "Columbus" an die Internationale Raumstation ISS.

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Am 7. Februar 2008 startete die Atlantis ins All. An Bord hat sie das Weltraum-Labor Columbus

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Stationen einer Reise: Im Mai 2006 wurde Columbus mit einem solchen Transportflugzeug aus Bremen zum Raumflughafen Cape Canaveral in Florida (USA) gebracht

Seit Monaten bereitet Hans Schlegel sich auf diese Mission vor. Taucht in voller Montur in Wassertanks, um dort unter erschwerten Bedingungen jeden Handgriff zu üben. Macht sich mit der Technik des Columbus-Moduls vertraut, mit jedem Kabel, jedem Knopf. Wenn es nach ihm ginge, könnte es sofort losgehen. Doch da gibt es ein Problem.

Columbus, die europäische Experimentierstation, hat noch Bodenkontakt! Sie steht blitzblank geputzt und staubsicher verpackt in der wohl berühmtesten Wartehalle der Welt: dem "Reinraum" des Kennedy Space Center in Cape Canaveral, US-Bundesstaat Florida. Hier lagert alles, was in naher Zukunft ins Weltall geflogen werden soll. Laut Plan ist Columbus spätestens Anfang 2008 an der Reihe. Dann wird es in das Space Shuttle "Atlantis" verladen und zur Internationalen Raumstation, kurz ISS, geflogen, die in 400 Kilometer Höhe kreist. Dort dockt das Labor von außen an. Eine Reise, die vor allem von den Columbus-Entwicklern mit Hochspannung erwartet wird.

Auf den ersten Blick erinnert nichts an Columbus an eine Forschungsstation. Es sieht eher aus wie eine gigantische Getränkedose. Eine, die auf die Größe eines Doppeldeckerbusses aufgeblasen wurde. Hinter der glitzernden Aluminiumhülle entpuppt sich das Bauteil jedoch als High-Tech-Traum für Wissenschaftler. Zehn Schränke, groß wie Telefonzellen, haben die Ingenieure im

Doseninneren installiert. Ein jeder voll gestopft mit Schubladen, Bildschirmen, Messgeräten, Kühl- und Stromaggregaten, aus denen Kabel, Knöpfe und Schalter ragen.

Zehn Jahre lang haben die Ingenieure der Firma EADS in Bremen getüftelt, geschraubt und 880 Millionen Euro von der Europäischen Raumfahrtbehörde (ESA) für das Projekt bekommen. Kaum vorzustellen, was geschehen würde, wenn Columbus während des Fluges eine Beule abbekäme oder das Ankoppeln misslänge. Sorgenfrei schlafen werden die Ingenieure deshalb wohl erst wieder, wenn ihr Labor fest und funktionstüchtig an der Raumstation hängt. Bis dahin kann nämlich noch jede Menge schiefgehen.

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Das Columbus-Labor soll am Ende des Hauptarms der ISS andocken

Die größten Gefahren drohen in der Startphase, wenn die Raketentriebwerke der "Atlantis" zünden und die Treibstofftanks noch randvoll sind. Ein kleines Leck genügt, und die Raumfähre kann explodieren, wie der Unfall des "Challenger"-Shuttles im Jahr 1986 gezeigt hat. Hebt die "Atlantis" ohne Panne ab, übernehmen Astronaut Hans Schlegel und sein Team das Steuer.

Die schwierigste Aufgabe wartet gleich nach Erreichen der ISS. Hat die Atlantis an der Raum- station angelegt, werden Hans Schlegel und ein Kollege in ihre Raumanzüge steigen und durch eine enge Luke aus dem Shuttle klettern. Draußen müssen sie die Schutzkappen von vier Colum- bus-Andockstutzen entfernen und einen Stecker ziehen, mit dem Columbus an die Energieversorgung des Shuttles angeschlossen ist.

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In diesem Computerbild sieht man, wie die Wissenschaftler in dem Weltraum-Labor arbeiten werden

Stecker ziehen? Nichts leichter als das, könnte man meinen. Doch in den Weiten des Weltalls herrscht Schwerelosigkeit, und die hat ihre eigenen Gesetze: Selbst einfache Arbeiten verlangen hier körperliche Höchstleistungen. Da der Astronaut im All schwebt und deshalb nichts wiegt, kann er zum Beispiel nicht mit Wucht am Stecker reißen oder Muskelkraft auf ein Werkzeug übertragen. Will Hans Schlegel etwa mit dem Akkuschrauber eine Schraube festziehen, ist er nicht in der Lage, das Werkzeug kraftvoll aufzudrücken. Im Gegenteil: Ohne Vorsichtsmaßnahmen würde er sich mitsamt dem Akkuschrauber wie ein Kreisel drehen.

Der Astronaut hat deshalb bei allen Außeneinsätzen Karabinerhaken dabei, mit denen er sich und sein Werkzeug verankert. Aber: Einen solchen Karabiner einzuklinken, ist in 400 Kilometer Höhe ungefähr so schwierig wie das Uhrstellen mit Winterhandschuhen. Allein deshalb brauchen die Astronauten für scheinbar einfache Außenarbeiten immer mehrere Stunden. Anschließend sind sie meist am Ende ihrer Kräfte.

Sind die Schutzkappen entfernt und der Stecker gezogen, wird das Columbus-Modul entladen. Dazu heben Schlegel und seine Kollegen die 13 Tonnen schwere Weltraumdose mithilfe eines großen Greifarms ganz vorsichtig aus dem Laderaum der Atlantis. Hoch, runter, links, rechts – alle Bewegungen des Krans steuern sie über einen kleinen Joystick. Schwebt Columbus dann frei im All, dreht der Kran das Labor in die richtige Position und schiebt es an die Andockstelle der ISS heran. Dort wird das Modul mit großen Klammern, die automatisch ausfahren, festgehalten, alles verriegelt und von innen mit 16 langen Bolzen fest an die Raumstation geschraubt.

Bevor Hans Schlegel und sein Team nun vom Labor aus die Tür zur ISS öffnen, überprüfen sie noch einmal, ob auch wirklich alles dicht ist. Dann entriegeln die Astronauten die Verbindungsluke. Und erwecken Columbus zum Leben, indem sie etwa 20 Kabel, Rohre und Schläuche anschließen.

Bei all diesen schwierigen Arbeiten schaut den Astronauten ständig jemand über die Schulter – von der Erde aus. Über Funk werden Experten des europäischen Luftfahrt-Kontrollzentrums Oberpfaffenhofen jeden Arbeitsschritt überwachen. Schon jetzt trainieren in der bayerischen Zentrale rund 100 Flugingenieure an einem Columbus-Simulator für den Notfall. Sie haben sogar ein Team gegründet, das sich immer wieder neue, gemeine Fehler ausdenkt und diese den Kollegen im Kontrollraum heimlich auf die Computer spielt. An einem Tag steigt deshalb plötzlich die Temperatur im Columbus-Labor auf über 40 Grad Celsius, ein anderes Mal fällt der Luftdruck rapide ab oder der Strom fällt aus. Die Flugingenieure müssen blitzschnell reagieren. So lernen sie alle möglichen Probleme schon vor Beginn der Mission kennen und können üben, wie sie Fehler am schnellsten finden und beseitigen.

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Puzzle aus Sonnensegeln, Wohneinheiten und Laboren: Die Raumstation ISS ist so groß wie ein Fußballfeld und wird seit 1998 im All zusammengebaut

Ins Unermessliche wird die Spannung dann steigen, wenn die Astronauten zum Abschluss das Columbus-Modul "nur" noch anschalten müssen. Einen einzelnen Schalter gibt es dafür nicht: Jeder Computer wird separat hochgefahren, so lange, bis alle Systeme an Bord laufen. Blinken alle Kontrolllampen ordnungsgemäß, ist Hans Schlegels Einsatz beendet. Er wird nach neun Tagen im Weltraum mit der Atlantis zur Erde zurückkehren. Sein französischer Kollege Léopold Eyharts dagegen bleibt zwei weitere Monate an Bord der ISS. Er darf die ersten Experimente im nagelneu installierten Weltraumlabor durchführen.

So soll unter anderem getestet werden, wie gut Pflanzen in der Schwerelosigkeit wachsen, damit Astronauten, die für lange Zeit auf Weltraummission gehen, sich irgendwann ihre Nahrung selbst im All anbauen können. Auf dem Programm stehen aber auch Versuche, mit deren Hilfe wirksamere Medikamente und bessere Werkstoffe entwickelt werden sollen. Welche Bedeutung das Labor für die Forschung tatsächlich hat, wird sich aber erst in einigen Jahren zeigen. Denn wer im Columbus-Modul forschen will, muss viel Geld bezahlen. Bereits der Transport von nur einem Kilogramm Material zur ISS kostet über 20.000 Euro. Ob das Labor bei diesem Preis ausgebucht sein wird, bleibt daher abzuwarten. Wenn nicht, geht Columbus zwar nicht als erfolgreiches Weltraumlabor in die Geschichte ein. Bestimmt aber als größte und vor allem teuerste fliegende Aluminiumdose des Alls.

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