Hochspannung auf See

So viel ist sicher: Der Bau des ersten deutschen Hochsee-Windparks kostet eine Menge Energie. Nie zuvor wagte man sich so weit aufs stürmische Meer hinaus, um Windkraftanlagen in den Boden zu rammen. Wir haben uns das Testfeld in der Nordsee angesehen
In diesem Artikel
"Kein Ententeich"
"Dreibeine mit Jackets"
Lärmbelästigung unter Wasser

"Kein Ententeich"

Am besten wäre eine Flaute. Windstille. Dann könnten Arbeiter, Techniker und Ingenieure endlich wieder zur Baustelle in der Nordsee schippern. Doch seit ein paar Tagen stürmt es da draußen, 45 Kilometer nördlich der ostfriesischen Insel Borkum. Es ist Anfang Oktober, die Wellen türmen sich meterhoch. Keine Chance: Die Arbeiten am Hochsee-Windpark "Alpha Ventus" müssen einmal mehr unterbrochen werden. Jetzt heißt es warten.

Ein paar Tage später, 54°00' Nord, 6°37,4' Ost. Tjado de Groot steht in seinem leuchtend orangefarbenen Schutzanzug auf dem ersten Deck des gelb lackierten Umspannwerks, einer Station, die zum Windpark gehört – mitten in der Nordsee also. "Wir haben hier oft eine steife Brise", kommentiert der Techniker das schlechte Wetter der vergangenen Tage und rollt dabei das R, wie nur Ostfriesen es tun. Das Surren der Maschinen mischt sich mit dem Klatschen der Wellen, die an die Stahlstelzen der Station schwappen. Obwohl nur ein laues Lüftchen weht, ist der Seegang noch immer stark. Ein Schiff konnte nicht auslaufen. Tjado de Groot und seine Kollegen sind für Reparaturarbeiten deshalb mit dem Helikopter aufs Meer hinausgeflogen. "Die Nordsee ist eben kein Ententeich", grinst der 38-Jährige.

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Offshoreanlage in der Nordsee

Aber genau deshalb entsteht er ja hier, der erste deutsche Windpark vor der Küste, in der Fachsprache "offshore" genannt: weil die Nordsee kein Ententeich ist. Weil der Wind viel stärker weht als an Land. Weil es viel weniger "windfreie" Tage gibt und weil keine Hügel, Berge, Wälder den Wind ausbremsen. "Die Bauarbeiten sind zwar umständlich, dafür aber hat man später einen größeren Ertrag", erläutert Tjado de Groot. Denn wenn alle zwölf "Mühlen" stehen und sich die Rotorsterne drehen, bringen die Anlagen zusammen eine Leistung von 60 Megawatt. Das ist genug Strom, um damit 50.000 Haushalte versorgen zu können.

"Dreibeine mit Jackets"

Tatsächlich speisen die ersten Anlagen seit August Strom ins Netz ein. Andere Windräder sind im Probebetrieb, die restlichen sollen bis Ende des Jahres errichtet sein. Auf den Hubplattformen der Baustelle, ein paar Hundert Meter vom Umspannwerk entfernt, stehen und liegen bereits die beiden Turmsäulen, die Gondel und der Rotorstern für Windkraftanlage Nummer acht bereit. Sobald es das Wetter zulässt, wird das "Riesenrad" hochgezogen - und vom Meeresspiegel bis zur Rotorblattspitze rund 155 Meter messen! Würde man den Kölner Dom nebenan platzieren, er überragte die Anlage um läppische zwei Meter.

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Montage des "Riesenrads"

Allerdings nur, wenn er auf einem mindestens ebenso stabilen Fundament sitzen würde, wie die Wind-räder von Alpha Ventus. Sechs der Anlagen stehen auf stählernen "Dreibeinen" , die anderen sechs auf viereckigen Gittermasten, "Jackets" genannt. Und es war ein Kraftakt,diese Fundamente in knapp 30 Meter Tiefe zu verankern. Die Hunderte Tonnen schweren Dreibeine etwa wurden mit bis zu 50 Meter langen Stahlnägeln befestigt. Hydraulikhämmer donnerten diese in den Grund, stundenlang. Auch für die Jackets mussten Pfähle in den Nordseeboden gerammt werden, in die die Gittermasten anschließend "aufgesteckt" wurden. Da verwundert es kaum, dass man "Thialf" für das Setzen der Fundamente orderte, den größten Schwimmkran der Welt.

Lärmbelästigung unter Wasser

Über Wasser hat man von der Schwerstarbeit kaum etwas gehört. Unter Wasser dagegen war es laut, sehr laut sogar. Und so wie uns Baustellenlärm vor der eigenen Haustüre stört, mögen auch Meeresbewohner wie Fische oder Schweinswale keinen Krach. Daher haben Wissenschaftler, die den Bau des Windparks begleiten, ein bis zwei Stunden vor dem Rammen der Pfähle

unter Wasser Signale ausgesandt: Frequenzen, die etwa den Walen unangenehm sind und sie kurzzeitig verscheuchen. Danach lauschten die Forscher mit Unterwasser-Mikrofonen, ob sich die Tiere verzogen hatten. Dann erst begann das große Hämmern.

Mittlerweile seien die Wale zurückgekehrt, heißt es von den Betreibern. Besser noch: Es zögen auch zahlreiche Fischschwärme durch den Park, der zwischen zwei Schifffahrtsstraßen liegt. Weil Fischer ihre Netze hier nicht auswerfen dürfen, nutzen die Tiere das Gebiet als Rückzugsraum.

Aber was ist mit den Vögeln, die über die Nordsee ziehen? Stören sie sich an den neuen Meeresriesen? Prallen sie gar im Flug dagegen? Auch dieser Frage gehen Forscher nach – denn Alpha Ventus ist ein Testfeld. Einerseits für Geräte und Technik, die erstmals auf hoher See zum Einsatz kommen. Andererseits soll geprüft werden, welche Auswirkungen die Windkraftanlagen auf das Meer, die Umwelt und auf das Leben der Tiere unter und über Wasser haben. An diesem Morgen ist daher ein Vogelforscher mit zum Umspannwerk geflogen, um dort Kameras anzubringen. Damit kann er künftig den Vogelzug kontrollieren.

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"Steife Brise" auf der Montageplattform

Zukunftspläne

Der Testlauf der Windkraftanlagen ist auf 20 Jahre angelegt. Jahre, in denen Planer, Arbeiter und Ingenieure eine Menge lernen werden darüber, wie man auf hoher See mit Wind Energie gewinnt. "Ich finde es faszinierend zu sehen, wie das alles hier wächst", sagt Tjado de Groot am Abend, kurz vorm Abflug zum Festland. Allein in der Nordsee sind derzeit 19 weitere Offshore-Parks geplant - und genehmigt.

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