Astronaut Reinhold Ewald antwortet auf eure Fragen

Ein echter Astronaut hat viel zu erzählen. Bei GEOlino.de hattet ihr die Möglichkeit, dem ESA-Astronauten Reinhold Ewald Fragen zu stellen. Hier sind seine Antworten
In diesem Artikel
Mareike (14), Nick (9) und Ole (7) aus Herborn bei Idar-Oberstein wollen wissen:
Sebastian (13) aus Österreich fragt: 
Jordi (8) aus Como (Italien) will wissen:
Tanja (10), Konstantin (9) und Robin (11) möchten wissen:  
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Im All bestimmt die Schwerelosigkeit den Alltag

Reinhold Ewald ist ein alter Hase im Weltraum. Der 47-Jährige arbeitet für die Europäische Weltraumorganisation, die Esa. Vor ein paar Jahren verbrachte der Physiker fast drei Wochen an Bord der russischen Raumstation "Mir" - ein unvergessliches Erlebnis. Dabei war das Leben im All alles andere als einfach. Ewalds Körper veränderte sich, das Essen schmeckte fad, und geschlafen hat der Astronaut in der Schwebe.

Mareike (14), Nick (9) und Ole (7) aus Herborn bei Idar-Oberstein wollen wissen:

Wie fühlt man sich, wenn man nach drei Wochen im schwerelosen All auf die Erde zurückkehrt? Ewald: Ich war erleichtert, nach all der Verantwortung, die ich während des Flugs für die Experimente hatte, endlich wieder Hilfe zu bekommen. Die ersten Stunden wollte ich den Kopf nicht viel bewegen und möglichst sitzen. Als ich meine Familie wiedertraf, habe ich mich natürlich besonders gefreut und extra zusammengerissen. Nach etwa sechs Tagen war die Rück-Anpassung geschafft. Meine Knochen brauchten allerdings noch länger. Das haben wir auch als Experiment sorgfältig untersucht.

Peter fragt:

Wie wird man eigentlich Astronaut? Gibt es dafür eine Ausbildung und, wenn ja, wie lange dauert sie? Ewald: Astronauten kommen hauptsächlich aus naturwissenschaftlichen oder technischen Berufen: Physiker, Luft- und Raumfahrtingenieure, aber auch Biologen und Mediziner. Piloten braucht man hauptsächlich für das Fliegen der Raumfahrzeuge. Einen dieser Studiengänge haben aber alle Astronauten hinter sich, eventuell sogar mit mehreren Nebenfächern. Das ist die beste Voraussetzung, um sich bei einer neuen Ausschreibung zu bewerben. In Europa wird das in einigen Jahren wieder der Fall sein. Also: bis dahin fleißig studieren! Die Grundausbildung dauert dann etwa ein Jahr, eine Missionsausbildung für die ISS bis zu drei weitere Jahre - mit vielen Reisen.

Hanna will wissen:  

Welche Fähigkeiten braucht ein Astronaut?Ewald: Heute sind die Astronauten an Bord der ISS Mädchen für alles: Reparaturen, Weiterbau, Flug zur Station und zurück, Fernsehleute, und natürlich Forscher und Experimentierer. Und das alles in mehreren Sprachen, also Englisch und Russisch. Dafür bekommen sie natürlich ein Training, aber den Spaß an so einer herausfordernden Sache müssen sie schon mitbringen. Ist es sehr gefährlich, ein Astronaut zu sein? Ewald: Das Fliegen mit der Rakete und der Aufenthalt im All sind gefährlich. Aber die Astronauten wissen, dass viele tausend Leute am Boden alles nach bestem Wissen getan haben, um die Station sicher zu machen. Das Restrisiko, dass dann doch etwas schief geht - wie zuletzt beim Space Shuttle Columbia - kann man nie ganz ausschließen. Aber die Aufgabe im All ist es den Astronauten wert, dieses Risiko einzugehen. Kann man im Weltraum Fernsehen schauen?Ewald: Fernsehen gibt es im All nur in Verbindung mit der Bodenstation oder als Videokonserve. Die Erd-TV-Stationen reichen nicht so weit und man fliegt zu schnell darüber hinweg. Aber es gibt viel interessantere Dinge auf der ISS, als alte Wiederholungen oder Musikvideos zu gucken, oder?

Sebastian (13) aus Österreich fragt: 

Was waren ihre Aufgaben und Tätigkeiten in der Raumstation? Ewald: Meine Aufgaben in der Sojus-Kapsel waren die eines Besatzungsmitgliedes, zuständig für die Lebenserhaltungssysteme und den Funk. An Bord der Raumstation war ich Forscher, mit einer Vielzahl von Experimenten. Hauptsächlich habe ich die Veränderungen an und in meinem Körper durch die Schwerelosigkeit untersucht. Aber ich habe auch Metallproben in speziellen Öfen geschmolzen und mit Computern Netzwerkverbindungen ausprobiert. Wie sah ihr Alltag aus?Ewald: Von 8 Uhr morgens Bordzeit bis abends um neun oder zehn Uhr wechselten die Tätigkeiten im 5-Minuten-Takt. Zwischendurch habe ich gegessen, mit der Videokamera das Leben an Bord gefilmt oder versucht, mit dem Fotoapparat die schönsten Blicke auf die Erde einzufangen. Viel los also!

Luise (16) aus Menaggio (Italien) möchte wissen:  

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Hättet ihr ihn wieder erkannt? So sieht Reinhold Ewald im Raumanzug aus

Konnten Sie vom Weltall aus einzelne Länder erkennen, z.B. Italien oder Deutschland? Ewald: Sehr gut sogar! Wir sind ja gerade einmal 350 Kilometer weit weg gewesen. Überflüge über das Mittelmeer waren immer besonders schön, wegen der vielen Küsten und Inseln. Von den Kanarischen Inseln über Afrika nach Gibraltar, dann weiter über Mallorca, Sardinien, Italien nach Griechenland brauchten wir nur etwas mehr als 15 Minuten! Deutschland war im Februar allerdings zum großen Teil unter Wolken versteckt. Außerdem war das Licht zum Fotografieren nicht so gut, weil wir meistens nur abends (mitteleuropäischer Zeit) Zeit hatten, am Fenster zu sein.

Ina (14) aus Aachen interessiert Folgendes:  

Was passiert, wenn man im Weltall eine Wasserflasche öffnet? Sprudeln dann die Wassertropfen einzeln heraus? Kann man denn etwas in ein Glas eingießen?Ewald: Was passiert ist, dass, durch die Mischung von Gas unter Überdruck und Wasser, eine Mineralwasserflasche eine große Schweinerei anrichten würde. Wasser ohne Kohlensäure bleibt dagegen wo es ist, es sei denn, man schüttelt die offene Flasche heftig. Ein Glas ist damit nutzlos. Stattdessen benutzen wir eine Art Strohhalm als Auslassöffnung für die Saft-, Kaffee- oder Teepakete. Wasser aus dem Tank kann ich mir direkt in den Mund spritzen lassen.

Jana (11) schreibt:

Ich besuche die 6. Klasse eines Gymnasiums. Für das Fach Physik müssen wir ein Plakat über die Milchstraße erstellen. (…) Ich finde es sehr schwer, alles zu verstehen und mir vorzustellen. Deshalb würde ich gerne von ihnen wissen, ob sie die Milchstraße schon einmal gesehen haben. Vielleicht können Sie mir ja ihre Eindrücke und Erfahrungen in ihren eigenen Worten schildern?Ewald: Das geht nicht nur dir so, Jana. Für viele Menschen ist die nähere (Sonnensystem) und weitere (Milchstraße) Umgebung unserer Erde schwer zu verstehen. Deshalb forschen die Menschen ja mit Teleskopen und Raumsonden nach mehr Informationen über diese fremde Welt. In der Raumstation waren wir den Sternen auch nicht wesentlich näher. Die 350 Kilometer machen auf Lichtjahre gerechnet keinen Unterschied. Dafür haben wir die Sterne aber klarer gesehen, da wir außerhalb der Erdatmosphäre geflogen sind. Etwa so, als wenn du in den Bergen eine schöne klare Nacht erlebst, ohne Wolken und störende Lichtquellen drumherum. Dann siehst Du auch, aus wie vielen Sternen z.B die Milchstraße besteht. Gar nicht zu reden von anderen Milchstraßensystemen, die uns nur Teleskope zeigen können. Manchmal kommt dann ja auch die ISS als heller Punkt über den Himmel geflogen. Faszinierend sich vorzustellen, dass da gerade Menschen drin wohnen und arbeiten! Ehrlich gesagt haben wir alle während des Fluges länger auf die Erde geschaut, als ins All. "Da unten" gab es so viel zu sehen!

Jordi (8) aus Como (Italien) will wissen:

Ist ein Astronaut beim Start einer Rakete aufgeregt?Ewald: Ja, denn das ist der Höhepunkt einer langen, langen Vorbereitungszeit. Wir wissen, dass es ab jetzt auf uns ankommt. Von uns hängt ab, ob aus dem ganzen Projekt ein Erfolg wird oder nicht. Die Sorge, dass etwas passiert ist in diesem Moment geringer, als die Sorge, dass etwas den Start verzögern oder gar unmöglich machen könnte.

Maja (14) aus Berlin hat sich folgende Frage ausgedacht:

Bekommen Astronautinnen im Weltraum ihre Menstruation ganz normal? Und: Können sie Binden oder Tampons benutzen, oder müssen sie das irgendwie anders machen?Ewald: Also, ich bin davon ja nicht betroffen, aber so weit ich weiß, passt sich der Körper, wie bei vielen anderen Körperfunktionen, auch bei dieser wunderbar an die Schwerelosigkeit an. Ich denke, sogar Kinder kriegen ist im All theoretisch möglich, auch wenn man das auf lange Sicht wegen der Gesundheitsrisiken für Mutter und Kind bestimmt nicht möchte und auch nicht plant. Und was die Hygiene betrifft, so ist für Frauen wie Männer (Rasierer!) alles Nötige an Bord, wenn auch mit entsprechend eingeschränktem Komfort. Auf eine prasselnde, erfrischende Dusche müssen Astronaut(inn)en aber noch viele Jahre verzichten. Es bleibt bei feuchten Tüchern und Seifenwasser aus Paketen.

Michelle (10) aus der Schweiz schreibt: 

Warum herrscht in einem Space Shuttle auch Schwerelosigkeit? Das Space Shuttle ist doch sicher luftdicht "verpackt"! Ist der Druck der Schwerelosigkeit denn so stark, dass auch im Shuttle alles schwerelos ist? Ewald: Druck, also wie etwa in einer Atmosphäre um uns herum, und Schwerelosigkeit, sind erst einmal zwei verschiedene physikalische Effekte. In 350 Kilometer Höhe sind nicht mehr so viele Moleküle der Atmosphäre wie Stickstoff, Sauerstoff oder Kohlendioxid vorhanden, um durch Zusammenstoßen mit dem Raumfahrzeug noch nennenswert Druck zu erzeugen. Im Inneren dagegen, damit Astronauten dort leben können, herrscht Normaldruck und eine normale Zusammensetzung der Luft wie auf der Erdoberfläche. Die Schwerelosigkeit erfahren die Astronauten im Erdorbit deshalb, weil sich in der Summe alle Anziehungs- und anderen Kräfte aufheben. Da der Körper nicht hierhin oder dorthin gezogen wird, bleibt er einfach, wo er ist: er schwebt. Am besten kann man das mit dem freien Fall auf der Erde vergleichen: wenn man in einem Aufzug ein Stückchen weit der Erdschwere nachgibt, also fällt, gibt es für einen Moment das Gefühl der Leichtigkeit. Die Astronauten und ihr Raumfahrzeug haben das Gefühl auch, nur längeranhaltend und 100-prozentig, weil sie zwar um die Erde herum, aber, wegen ihrer hohen Umlaufgeschwindigkeit, nie auf die Erde "fallen", es sei denn, sie bremsen ab, wie es zur Rückkehr nötig ist.

Tanja (10), Konstantin (9) und Robin (11) möchten wissen:  

Funktionieren Uhren im Weltall?Ewald: Unsere normalen Armbanduhren gehen brav und tun ihre Pflicht. Opas Pendeluhr dagegen verlässt sich auf die Schwerkraft und funktioniert nicht. Verändert sich das Zeitgefühl im Weltall? Ewald: Da bei 16 Erdumrundungen pro 24 Stunden für die Astronauten auf der ISS die Sonne 16 mal auf- und untergeht, macht der Begriff "Tag" nicht so viel Sinn. Deshalb richtet sich der Tagesablauf der Astronauten nach einer künstlichen Zeit, im Falle der ISS ist es die "Greenwich Mean Time" (GMT). Am liebsten hätte ich ja gar nicht geschlafen, aber das geht nicht - wegen der vielen anstrengenden Experimente am nächsten Tag. Wie verändern sich die Gefühle und Stimmungen?Ewald: Auf langen Flügen von vier oder sechs Monaten weiß jeder, dass Langeweile und Heimweh aufkommen können. Die beste Hilfe ist, dass ein interessantes Programm für die Astronauten an Bord geplant ist, oder dass - durch Kontakt mit der Familie und Freunden - die Verbindung zur Erde nicht abreißt.

Die Förderlehrerin der drei fragt:

Was wäre die beste Erfindung für das Leben im All? Ewald: Eine Maschine, die die Gravitation an- und abschaltet. Wir arbeiten dran!  ;o)

Niklas (7), aus Altendiez bei Limburg fragt:

Wie viel Strom braucht man für einen Flug ins Weltall?Ewald: Der Strom in Raumfahrzeugen wird auf verschiedene Art zugeführt: auf der Startrampe durch Kabel, so genannte "Nabelschnüre", während des Fluges durch den Strom aus den Solarpaneelen, deren Sonnenzellen das Sonnenlicht in Strom umwandeln können, oder durch so genannte Brennstoffzellen, die den Strom aus der Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff nutzen. Geht es noch weiter weg, wie zum Beispiel bei den Voyager Sonden, braucht man Batterien, die langsam freiwerdende Radioaktivität zur Stromerzeugung verwenden. An Bord der ISS wird pro großer Solarpaneeleinheit etwa 30 Kilowatt Leistung erzeugt. Was kostet eine Rakete?Ewald: Raketen sind teuer, weil man große Teile nicht wieder verwenden kann. Die Preise gehen von einigen Millionen Euro, für kleine Raketen, bis zu 100 Millionen und mehr für eine Ariane. Außerdem versucht man, alle Fehlerquellen zu vermeiden und sehr genau zu arbeiten, da man ja nur einmal starten kann! Wie schwer ist ein Raumanzug?Ewald: Der Raumanzug muss ja die lebensnotwendige Umgebung für den Astronauten garantieren: saubere Luft und genug Sauerstoff, ein Klima, dass nicht zu warm und nicht zu kalt ist, Funk, Rettungsmöglichkeiten, etc. Auf der Erde hat so ein Anzug dann schon mal ein Gewicht von 80 bis 100 Kilogramm. Im All merkt man nur noch die große Masse, die man bewegen muss. Das ist aber schon anstrengend!

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