Buchtipps: Straßenkinder

Straßenkinder gibt es auch in Deutschland: Wie zum Beispiel die junge Sofia von deren Leben die Autorin Jana Frey in ihrem Buch "Sackgasse Freiheit" erzählt. Außerdem: Die Romane "Asphalt Tribe" (Morton Rhue) und "Die Stadt Gottes" (Paulo Lins)
In diesem Artikel
Morton Rhue: Asphalt Tribe
Paulo Lins: Die Stadt Gottes
Jana Frey: Sackgasse Freiheit

Morton Rhue: Asphalt Tribe

"Diese ganze Stadt ist eine Monstershow". 2Moro steht vor dem New Yorker Restaurant "Good Live" ("Gutes Leben") und reibt sich die gefrorenen Hände. Es ist Silvesterabend und schon seit Stunden lungert er mit seinen Freunden draußen bei klirrender Kälte herum. Das erste Bild von Morton Rhues Roman "Asphalt Tribe" sagt bereits alles: Es geht um den harten Überlebenskampf von Straßenkindern vor denen die Türen der Gesellschaft zugeschlagen worden sind.

An Sekt und Wunderkerzen gar nicht zu denken: Die Straßenkinder vom "Asphalt Tribe" haben am Silvesterabend andere Sorgen. Zum Beispiel ob sie die Nacht wieder unter der Brücke zubringen müssen, oder vielleicht das Glück haben, ein leerstehendes Haus zu finden. Maybe, der Erzählerin der Geschichte, steht noch eine weitere Option offen: Neben ihr hält plötzlich ein Wagen und ein fremder Mann macht ihr ein Zeichen mit ihm zu kommen. Als sie ablehnt beschimpft er sie: "Ein dreckiges Straßenkind wie dich, finde ich doch an jeder Ecke!"

Nicht nur in Momenten wie diesem befällt die 15-jährige Maybe "das Wissen ein Nichts zu sein". Gemeinsam mit den anderen Kindern vom "Asphalt Tribe" irrt sie ziellos durch die Straßen, hungert, bettelt und prostituiert sich. Erwachsenen gegenüber verhalten sich die Teenager grundsätzlich abweisend und misstrauisch: Sie alle vereint die Erfahrung von gewalttätigen Eltern, unverständigen Lehrern, grobschlächtigen Freiern und autoritären Gesetzeshütern.

Einzig ihre Gruppe bietet den Straßenkindern Halt: "Und jetzt war Winter und wir waren so etwas ähnliches wie eine Familie geworden. (...) Wir passten gegenseitig auf uns auf und kümmerten uns umeinander". Doch wie sich im traurigen Verlauf der Ereignisse zeigt, sind sie dazu gar nicht in der Lage: Für die meisten Kinder vom "Asphalt Tribe" ist dies der letzte Winter ihres Lebens. Sie sterben an Alkoholvergiftung und Tuberkulose, werden Opfer von Gewalttaten oder begehen Selbstmord. Schließlich wacht die junge Erzählerin Maybe aus ihrer Ohnmacht auf und wagt einen Schritt zurück in die Welt der Erwachsenen: Um die zwölfjährige Tears davor zu schützen, dass sie dasselbe Schicksal wie ihre Freunde ereilt, begibt sich Maybe auf die Suche nach deren Großeltern...

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Fazit

Morton Rhue ist dafür bekannt, dass er aktuelle Themen sehr wirklichkeitsnah beschreibt. So enthält der Roman "Asphalt Tribe" zum Beispiel mehrere Kurzbiographien der Straßenkinder, die einem Polizeibericht entlehnt sein mögen. Allen Biographien gemeinsam: Ein früher Tod. Ohne Mitleid und ohne Moral erzählt Morton Rhue vom Alltag der Straßenkinder im New Yorker Winter. Einem Winter, der nie zu enden scheint...

Morton Rhue: "Asphalt Tribe", ab 14 Jahren, Ravensburger Buchverlag, 6,95€

Paulo Lins: Die Stadt Gottes

"Fehlt das Wort. Spricht die Kugel". Die Kinder der Stadt Gottes ("Cidade de Deus") - einer Armensiedlung am Rande von Rio de Janeiro - lernen das Leben schon früh von seiner härtesten Seite kennen. Denn in den engen Gassen zwischen den endlosen Reihen der Wellblechhütten ist niemand vor Gewalt sicher.

Schon die Jüngsten tragen Waffen und mischen im Bandenkrieg um Geld und Drogen kräftig mit. Die "Zwerge", wie sie genannt werden, rauben, morden und betäuben ihre eigenen Ängste mit Cannabis und Kokain. Ob aus sozialer Not, Selbstschutz, Rache oder einem Hang zur Macht heraus - unweigerlich werden die Kinder in den Strudel der Gewalt gesogen. Wie zum Beispiel Locke - schon mit zehn Jahren eine Legende unter den Gangstern - der mit einem irren Lachen auf dem Gesicht und einer geladenen Waffe in der Hand wahllos jeden Menschen tötet, der ihm über den Weg läuft. Ein anderes Beispiel: Einer der vielen namenlosen Schwachen, den die Zwerge entscheiden lassen, ob sie ihm lieber eine Kugel in die Hand oder in den Fuß jagen sollen...

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Fazit

Paulo Lins reiht in seinem Roman Schrecken an Schrecken. Dennoch gelingt es dem Autor, der selbst in der "Cidade" aufgewachsen ist, Sympathie für seine Figuren zu wecken: Nach dem Lesen dieses Buches werdet ihr nicht nur die Beweggründe von Gangstern wie Locke verstehen, sondern sogar etwas von ihrem Lebensgefühl in euch aufgenommen haben. Das liegt vor allem daran, dass Paulo Lins Roman auf Interviews und wahren Geschichten basiert. Die Verfilmung des Buches wurde übrigens zu einem großen Kinoerfolg: Nur dass das Drehbuch angeblich zuvor ins Hochsicherheitsgefängnis von Bangu geschmuggelt werden musste, um den Segen von einem sehr einflussreichen Drogenboss zu erlangen...

Paulo Lins: "Die Stadt Gottes", ab 16 Jahren, Blumenbar Verlag, 20 €

Jana Frey: Sackgasse Freiheit

Auch in Deutschland gibt es Straßenkinder. Sie führen tagtäglich einen einsamen Kampf gegen Hunger, Kälte und drohende Gewalt. Wie zum Beispiel die vierzehnjährige Sofia aus Jana Freys Roman "Sackgasse Freiheit".

Für Sofia hat es nie ein behütetes Zuhause gegeben: Ihre Mutter kümmert sich einfach nicht um sie und ihr Stiefvater hat für das junge Mädchen nur Schläge übrig. Auch fehlt es Sofia an Freunden: In der Schule ist sie nicht besonders beliebt und wegen der rassistischen Vorurteile ihres Stiefvaters verliert sie sogar noch ihren einzigen Vertrauten Anthony, Sohn afrikanischer Einwanderer. Eigentlich kann es schlimmer nicht mehr kommen, denkt Sofia. Doch dann erfährt sie, dass sie auf der Welt ist, weil ihre Mutter als junges Mädchen vergewaltigt wurde.

Vielleicht um zu testen, ob sie der Mutter wirklich egal ist, fängt Sofia an zu stehlen: Als man sie dabei erwischt, wie sie sich ein Päckchen Kaugummi unter die Jacke stopft, kommt es in ihrer Familie zum Eklat. Sofia soll in ein Heim ziehen, doch das junge Mädchen ist es inzwischen leid, Andere über ihre Belange entscheiden zu lassen. Sie wählt das Leben auf der Straße: Weglaufen um anzukommen. Ihr neuer Alltag ist gekennzeichnet von ihren ständigen Bemühungen um Geld und zahllosen flüchtigen Begegnungen. Alkohol und andere Drogen werden so zu der einzigen verlässlichen Konstante in Sofias Leben. Aber im Rausch löst sich nicht nur die Härte der Realität sondern auch ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf. Erst als Sofia Ätze kennenlernt, scheint sich doch noch Alles zum Guten zu wenden...

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Fazit

Jana Freys Buch "Sackgasse Freiheit" öffnet dem Leser die Augen für die Probleme junger Obdachloser in Deutschland. Wer das Buch gelesen hat, wird Menschen wie Sofia, die am Bahnhofseingang um ein paar Cents betteln bestimmt mit mehr Mitgefühl begegnen. Denn die Geschichte von Sofia beruht auf einer wahren Begebenheit: Sie liefert ein aufrührendes Beispiel dafür, dass Armut auch in Deutschland nicht immer selbstverschuldet sein muss. Und am Ende steht für jeden von uns die Frage: Hinsehen oder Weggucken?!

Jana Frey: "Sackgasse Freiheit", ab 12 Jahren, Loewe Verlag, 5,95 €

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