Bücher: "Axolotl Roadkill" von Helene Hegemann

Wohlstandsverwahrlosung: In ihrem Debutroman "Axolotl Roadkill" hinterfragt Jungautorin Helene Hegemann den alltäglichen Wahnsinn unserer Zeit
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Alltäglicher Wahnsinn
Zwischen Befreiung und Zerstörung

Alltäglicher Wahnsinn

"Ich weiß genau, was ich will: nicht erwachsen werden". Die 17-jährige Autorin Helene Hegemann beschreibt in ihrem Debutroman "Axolotl Roadkill" die Flucht eines Teenagers vor den Fängen des alltäglichen Wahnsinns – auch verharmlosend "Normalität" genannt. Diesen spürt die Romanheldin Mifti überall in ihrem Berliner Umfeld auf – so zum Beispiel in "dem allgemeinen Dahinschimmeln", der "versnobten Kaputtheit" oder der "Wohlstandsverwahrlosung" ihrer Mitmenschen.

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Doch wie sich schützen? Zunächst einmal benutzt Mifti eine phantasievolle Bandbreite an Kraftausdrücken, um eine sorgfältige Trennlinie zwischen sich und Menschen wie ihren Vater, "einem dieser linken durchsetzungsfähigen Arschlöcher", zu ziehen. Dann wiederum gilt es Grenzen zu verwischen: Wie zum Beispiel die von Tag und Nacht, Intellektuellen- und Deppenpartys, Rausch und Wirklichkeit. Was Mifti vorantreibt ist einzig der Wunsch "aus diesen Erfahrungen, die einem vorgeschrieben werden, auszubrechen". Dafür nimmt sie Drogen, trägt Zufallsbekanntschaften im Taxi wahllos ihre sexuellen Dienste an oder spielt mit einer älteren Freundin auf masochistische Weise das Verhältnis zu ihrer verstorbenen Mutter nach.

Zwischen Befreiung und Zerstörung

Zusehends gerät dabei auch die Grenze zwischen Befreiung und Zerstörung außer Sicht. Miftis Selbsteinschätzung daher treffend: "Ich bin ein misshandelter Teenager. Meine Schwester als einfühlsame Interpretin kann ohne Weiteres eine zutiefst traumatisierte, hyperintelligente, vom rechten Weg abgekommene Person in mir erkennen, die den berühmten stummen Schrei nach Liebe / Hilfeschrei am Rande des Abgrundes aussendet. Ich hingegen erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten, misshandelten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfeldes gleich mit entlarvt."

Das lebendige Maskottchen ihrer Weltanschauung, ein Axolotl, führt Mifti in einer Plastiktüte immer griffbereit bei sich: Gleich dieser besonderen Lurchenspezies würde sie wohl gern selbst zeitlebens im Larvenstadium verharren. Doch es hätte im Titel des Romans nicht den Zusatz "Roadkill" gebraucht um die Frage heraufzubeschwören: Wie lange kann das gut gehen?

Fazit

In Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill" vollführt ein Teenager einen gefährlichen Tanz auf der stumpfen Klinge unserer Konsenskultur, die besagt dass es kein Falsch und Richtig gibt. Dialoge, Tagebucheinträge, SMS und kurze erzählerische Einschübe fügen sich zu einem zerrissenen Bild von der Innenwelt der Romanheldin zusammen. Gleichzeitig wird aber auch den Erwachsenen - Vätern und Müttern, die nicht einmal in der Lage sind, auf sich selbst aufzupassen - der Spiegel vorgehalten.

Altklug kommt Jungautorin Helene Hegemann deshalb dennoch nicht daher. Eher ließe sich sagen: Die 17-Jährige verschiebt nichts auf morgen. Bereits mit 14 Jahren hat sie ihr erstes Theaterstück im Ballhaus Ost aufgeführt, mit 16 ihren ersten Film gedreht; jetzt legt sie ihren ersten Roman nach.

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Helene Hegemann

Der Erzählstil der Wahlberlinerin gleicht dabei ein bisschen dem eines Nick Cave oder Michel Houellebecq – ihre Sprache ist so nüchtern und vulgär wie kraftvoll. Wie unbeabsichtigt gelingt es dem Roman "Axolotl Roadkill" dennoch die Schönheit des Lebens spürbar werden zu lassen.

Helene Hegemann: "Axolotl Roadkill", ab 16 Jahren, Ullstein Verlag, 14,95 €

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