Bücher: "Der Vorleser" von Bernhard Schlink

Zwei Gesichter: Bernhard Schlinks Romanfigur "Der Vorleser" verliebt sich in eine ältere Frau – und muss feststellen, dass eine Vergangenheit als deutsche KZ-Aufseherin hinter ihr liegt…Mit Leseprobe
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"Der Vorleser"
Fazit

"Der Vorleser"

"Eine Woche später stand ich wieder bei ihr vor der Tür. Eine Woche lang hatte ich versucht nicht an sie zu denken. Aber da war nichts, was mich ausgefüllt und abgelenkt hätte(…)."

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Cover des Romans "Der Vorleser"

Michael zieht es zu seiner 20 Jahre älteren Nachbarin Frau Schmitz. Die lässt ihre Küchentür für den Teenager einen Spalt weit offen stehen, während sie sich ankleidet. "Sie zog die Kittelschürze aus und stand in hellgrünem Unterkleid. Über der Lehne des Stuhls hingen zwei Strümpfe. Sie nahm einen und raffte ihn mit wechselnd greifenden Händen zu einer Rolle. (…) Ich konnte die Augen nicht von ihr lassen. (…) von ihrem Bein, zuerst nackt und blass und dann im Strumpf seidig schimmernd".

Betörend schön und zugleich seltsam gesichtslos: Als habe sich Hanna Schmitz in das Innere ihres Körpers zurückgezogen und die äußere Welt vergessen. Sie wird Michaels erste große Leidenschaft. Nach der Schule läuft er heimlich zu ihr und lässt sich wie nach einem Ritual von ihr baden und ins Bett führen. Bald bittet ihn Hanna Bücher mitzubringen und ihr daraus vorzulesen. Doch Michaels Fragen zu ihrer eigenen Geschichte wehrt sie schroff zurück. Überhaupt ist etwas Düsteres, Reizbares um Hanna. – Und von einem Tag auf den anderen ist sie spurlos verschwunden.

Erst Jahre später sieht Michael sie wieder: Auf der Anklagebank bei einem Gerichtsprozess gegen drei mutmaßliche KZ-Aufseherinnen in Nazi-Deutschland.

Fazit

In Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" bedrängt einen Jugendlichen die Frage, wie er sich zu der Schuld der Älteren am Holocaust positionieren soll: "Wir sollen nicht meinen, begreifen zu können, was unbegreiflich ist, dürfen nicht vergleichen, was unvergleichlich ist, dürfen nicht nachfragen, weil der Nachfragende die Furchtbarkeiten, auch wenn er sie nicht in Frage stellt, doch zum Gegenstand der Kommunikation macht und nicht als etwas nimmt, vor der er nur in Entsetzen, Scham und Schuld verstummen kann." In den 50er Jahren stand die deutsche Gesellschaft unter einer starken Betäubung angesichts der Greueltaten der Nazi-Diktatur. Kaum zu fassen, dass Menschen dazu fähig waren! Doch mit der Figur der KZ-Aufseherin Hanna Schmitz bekommen die Handlanger des Regimes ein menschliches Gesicht – so weit das möglich ist: "Über Hannas damaliges Gesicht haben sich in meiner Erinnerung ihre späteren Gesichter gelegt. Wenn ich sie vor meine Augen rufe, wie sie damals war, dann stellt sie sich ohne Gesicht ein".

Bernhard Schlink: "Der Vorleser", Diogenes Verlag, ab 15 Jahren, 8,90 €

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