Bücher: "Mr. Vertigo" von Paul Auster

Der Traum vom Fliegen: In Paul Austers Roman "Mr. Vertigo" überwindet ein Waisenjunge die Schwerkraft und gerät dabei ins Visier von Gangstern und Ganoven
In diesem Artikel
33 Stufen zur Schwerelosigkeit
Fazit

Des Nachts auf den Straßen von Saint Louis. Ein schwarz gekleideter Herr streckt die Hand nach dem Waisenjungen Walt aus: "Wenn ich dir bis zu deinem dreizehnten Geburtstag nicht das Fliegen beigebracht habe, kannst du mir mit einem Beil den Kopf abhacken. (...) Sollte ich mein Versprechen nicht einlösen, liegt mein Schicksal in deinen Händen."

Fliegen - für Walt, der sich nur mühsam mit kleinen Gaunereien über Wasser halten kann, der sehnlichste Traum! Gegenüber dem Fremden, der sich ihm als Meister Yehudi vorstellt, regt sich in dem neunjährigen Jungen ein gehöriges Misstrauen. Dennoch beschließt er es auf einen Versuch ankommen zu lassen: "Okay, Mister", sagte ich, senkte die Stimme um zwei Oktaven und musterte ihn mit meinem besten Ganovenblick, "wir sind uns also einig. Aber wenn Sie Ihre Zusagen nicht einhalten, können Sie sich von Ihrer Birne verabschieden. Ich bin vielleicht klein, aber mit leeren Versprechungen lasse ich mich nicht abspeisen!"

33 Stufen zur Schwerelosigkeit

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Cover des Romans "Mr. Vertigo"

Wenige Stunden später findet sich Walt auf einer vereinsamten Farm in der tiefsten Provinz von Kansas wieder. - Noch dazu in der Gesellschaft einer alten verschlossenen Indianerin und eines neunmalklugen afrikanischen Jungen. Statt der Schwerkraft muss Walt also zunächst einmal die Vorurteile gegen seine neuen Familienmitglieder überwinden. – Denn als solche hat er sie zu behandeln; so fordert es Meister Yehudi in unnachgiebig strengem Ton. Keine leichte Aufgabe für einen eingefleischten Südstaatler, wie Walt: "In den ersten sechs Monaten dachte ich bloß an Flucht. Ich war ein Stadtkind mit Jazz im Blut aufgewachsen, ein Straßenjunge, der immer nur an sich selbst gedacht hatte (...) und da saß ich nun am anderen Ende der Welt und lebte unter einem Himmel, der nichts anderes zu bieten hatte als das Wetter – und das war meistens schlecht."

Für Walt beginnen drei Jahre qualvoller Selbstdisziplin, in denen er die 33 Stufen zur Schwerelosigkeit erklimmt. Es geht darum sich selbst zu überwinden, so viel wird Walt klar. Mit bedingungslosem Vertrauen, erfüllt er alle Aufgaben, die Meister Yehudi ihm auferlegt – sogar wenn es bedeutet sich lebendig begraben oder die Kuppe seines kleinen Fingers abschneiden zu lassen. Endlich im Jahre 1927 scheint es geschafft: Über den Köpfen des staunenden Jahrmarktpublikums von Kansas spaziert Walt durch die Lüfte! Doch gerade auf der Höhe seines Erfolgs geschieht ein tragisches Unglück...

Fazit

Paul Austers Roman "Mr. Vertigo" ist eine abenteuerliche Road-Story, eine fantastische Parabel und eine spannende Kriminalgeschichte in einem. In den späten 20er Jahren versucht ein Waisenjunge den amerikanischen Traum der grenzenlosen Möglichkeiten für sich zu verwirklichen. Aufstieg und Fall wechseln einander in Walts Leben ständig ab – dafür sorgen neben seinem aufbrausendem Temperament auch Gangster, Erpresser und Angehörige des Ku-Klux-Klans.

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Der Autor Paul Auster

Wirkliche Schwerelosigkeit erlangt Walt erst über die Erfahrung schlimmer Schicksalsschläge: Denn als die Dinge drohen ihn zu erdrücken, lernt Walt wirklich loszulassen. Ein tief trauriges und zugleich poetisches Buch!

Paul Auster: "Mr. Vertigo", Rowohlt Verlag, ab 14 Jahren, 8,95 Euro

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