Roman „Der Tiger unter der Stadt“ von Kilian Leypold

Nicht jeden Tag trifft man einen Tiger, der behauptet eine alte Frau aus der Nachbarschaft zu sein. Kilian Leypolds neuer Roman beschreibt das schwierige Miteinander von Jung und Alt

Ein kurzer Blick über die Schulter, dann setzt Jonas die Brechstange an und stemmt den Kanaldeckel hoch. „Eine schmale Mondsichel hing im tiefen Blau der Dämmerung über einem schwarzen Loch in der Teerdecke. Ein Loch, das soeben einen Jungen, samt Rucksack verschluckt hatte“.

Es ist Freitagabend und Jonas ist froh, etwas später als gewöhnlich zu Hause erwartet zu werden. Seit seine tyrannische Stiefschwester Vera bei ihm und seinen Eltern eingezogen ist, verbringt der zwölfjährige Junge so viel Zeit wie möglich draußen auf der Straße. Zum Glück hat sein Freund Philip, genannt Lippe, ständig so außergewöhnliche Ideen, dass keine Langeweile aufkommt. – So wie heute, als Lippe vorschlug, tief hinunter in die Kanalisation ihrer Hochbausiedlung zu klettern.

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„Du kannst dir nicht vorstellen, was alles ins Klo fällt. Perücken, Brillen, Eheringe, Geldbeutel, vielleicht sogar ein wasserdichtes Handy, das noch funktioniert...“ Lippes Stimme dröhnt laut durch den riesigen Betondarm der Stadt. Jonas verschweigt seinem Freund, dass er sich noch ganz andere Dinge vorstellen kann, die ins Klo fallen. Mit zusammengekniffener Nase folgt er dem Lichtkegel von Lippes Taschenlampe.

Was die Jungen hinter der nächsten Biegung tatsächlich erwartet, wäre den Beiden jedoch nicht in ihren kühnsten Träumen eingefallen: Es ist ein echter sibirischer Tiger! - Noch dazu einer, der sprechen kann: „»Wir wohnen hier in der Hochbausiedlung. Und wo wohnen Sie?« Missmutig öffnete der Tiger die Augen. »Ich wohne in der Keunerstraße.« - »Aber in der Keunerstraße gibt es keinen Zoo. Da wohnen nur Menschen.« - »Ich bin ein Mensch«, fauchte der Tiger. »Ich heiße Kunigunde Ohm, bin achtundsiebzig Jahre alt und wohne in der Keunerstraße.«

Von nun an haben Jonas und Philip eine Aufgabe: Sie wollen herausfinden, wie ihre neue Freundin Kunigunde Ohm in einen Tigerkörper gelangen konnte. Doch die Zeit drängt: Denn während Tante Ohm gestern noch Tabletten gegen ihren Hexenschuss einnehmen musste, verwandelt sie sich von Tag zu Tag mehr zu einem mächtigen Raubtier...

Fazit

Kilian Leypold arbeitet schon lange als Reporter für den Kinderhörfunk und schreibt Hörspiele, Gedichte und Geschichten. „Der Tiger unter der Stadt“ ist jedoch der erste Roman des gebürtigen Nürnbergers. Dabei kam dem jungen Nachwuchsautor das Glück zur Hilfe: Der Aufbau Verlag hat nämlich dieses Jahr eine neue Reihe mit erzählender Kinderliteratur ins Leben gerufen und sein Roman „Tiger unter der Stadt“ macht den Anfang! Obwohl seit der Fertigstellung der ersten Kapitel mittlerweile fast drei Jahre vergangen sind, bleibt das Thema des Romans sehr aktuell: Kilian Leypold möchte euer Interesse für das Leben und Denken einer einsamen Frau wecken, die auch gut eure alte Nachbarin von Nebenan sein könnte...

Kilian Leypold: „Der Tiger unter der Stadt“, ab 10 Jahren, Aufbau-Verlag, 14,95 Euro

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