Im Schatten der verstorbenen Schwester

In ihrem neuen Roman „Über mir der Himmel“ beschreibt Jandy Nelson, wie ein junges Mädchen nach einem schweren Verlust zu sich selbst findet. Mit Leseprobe!

Wie lebt man weiter, wenn ein geliebter Mensch plötzlich fehlt? Bis zu ihrem 17. Lebensjahr hat Lennie mit ihrer älteren Schwester Bailey Alles geteilt: Die Gewohnheit im Gehen auf der Straße Bücher zu lesen, das kürbisgelbe Zimmer, den Schulweg und sogar ihre Kleider. Doch dann geschieht das Undenkbare.

„Um 16.48 an einem Freitag im April hat meine Schwester die Rolle der Julia geprobt, kaum eine Minute später war sie tot. Zu meinem Erstaunen hielt die Zeit nicht an mit ihrem Herzschlag. Leute gingen zur Schule, zur Arbeit, in Lokale, sie krümelten Cracker in Krabbensuppe, fürchteten sich vor Prüfungen, sangen in Autos bei hochgekurbelten Fenstern. Tagaus, tagein hämmerte der Regen mit Fäusten auf das Dach unseres Hauses – ein Beweis für den furchtbaren Fehler, den Gott gemacht hatte.“

Gefühle einer Ofenkartoffel

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Doch der Regen klingt ab und auch Lennies Leben hält nicht an. Sie wohnt zusammen mit ihrer Großmutter und ihrem Onkel in einer Kleinstadt in Nordkalifornien – „dem äußersten Vorposten des Freaktums“. Ihre Freunde in der Schule tragen Namen wie „Electricity“, „Magic“ oder „Tulip“ und haben ihr mürrisches Gehabe zur Perfektion getrieben. Ganz anders erscheint Lennie dagegen ihr neuer Mitschüler Joe. "Der Typ sieht auf kürbislaternenartige Weise unverfroren glücklich aus. (...) Sein Gesicht ist offener als ein offenes Buch, eigentlich hat es etwas von einer Wand voller Graffiti."

Aber darf sie sich so kurz nach dem Tod ihrer Schwester verlieben? Lennie beschleichen Schuldgefühle. Besonders da sie sich auch von Toby, dem früheren Freund von Bailey, auf eine seltsame Weise angezogen fühlt. Zusammen mit Toby hat sie das Gefühl, ihrer Schwester nah zu sein. Doch verwirrt stellt Lennie fest, dass Toby sie anders als sonst nicht mehr wie eine Ofenkartoffel behandelt. „Freunde von Bailey, vom Job oder College, kamen zu mir und sprachen mir ihr Beileid aus. Ob es nun an meiner Ähnlichkeit mit Bailey lag oder ob sie Mitleid mit mir hatten weiß ich nicht, jedenfalls ertappte ich später einige von ihnen dabei, wie sie mich auf so eine hitzige, dringliche Art anschauten. Und ich stellte fest, dass ich ihr Starren auf die gleiche Weise erwiderte, so als wäre ich eine ganz Andere...“

Fazit

In ihrem Roman „Über mir der Himmel“ beschreibt Jandy Nelson, wie ein Teenager durch den Verlust der Schwester und engsten Freundin stärker zu sich selbst findet. Lennie will über ihre Trauer mit Niemandem reden. Stattdessen schreibt sie ihre Gedanken an ihre Schwester Bailey auf Pappbecher, Bonbonverpackungen oder Papierfetzen. Die lässt sie liegen und fliegen, wo sie sie gerade findet. Der Roman erhält auf diese Weise eine zweite, sehr poetische Ebene, die sich graphisch schön von den übrigen Buchseiten absetzt. Gleichzeitig sind Lennies „weggeworfene Gedanken“ ein ergreifendes Bild für ihren Versuch, sich von der Schwester zu lösen. – Ein Buch, das mit Melancholie und sehr viel Sprachwitz dazu ermuntert, auf extreme Situationen extrem zu reagieren!

Jandy Nelson: „Über mir der Himmel“, cbj Verlag, ab 13 Jahren, 14,95 Euro

Leseprobe

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