Beruf Beschäftigungstherapeut

Basteln und spielen gehört zu Christine Röslers Arbeitsalltag. Für sie ist es allerdings mehr als nur ein lustiger Zeitvertreib, denn Christine arbeitet als Beschäftigungstherapeutin in einem Altenheim, wo basteln auch eine Art Fitnesstraining ist
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Basteln ist hier mehr als nur Zeitvertreib

Die alte Frau Schmal guckt angestrengt. Sie hat den Mund ein bisschen geöffnet und ihre rechte Hand zittert. Aufgeben will sie trotzdem nicht. Deshalb schneidet sie ganz langsam an der dicken schwarzen Linie auf dem gelben Tonpapier entlang. Noch ein letzter Bogen ? geschafft! Obwohl die Kanten der Sonnenblume ziemlich schief geworden sind, lobt Christiane Rösler ihre Schülerin. Frau Schmal bedankt sich mit einem schiefen Grinsen und schnappt sich das nächste Stück Tonpapier.

Basteln als Fitnesstraining

Das ist Alltag für Christiane Rösler. Die 46-Jährige arbeitet als Beschäftigungstherapeutin in einem Altenheim. Sie weiß, dass das Basteln den alten Menschen nicht nur die Langeweile vertreibt. Gleichzeitig ist es eine Art Fitnesstraining. Die meisten Altenheimbewohner hatten seit vielen Jahren keine Schere mehr in der Hand. Sie können ihre Finger nicht mehr richtig bewegen. Eine Blume auszuschneiden ist für sie so schwierig wie für andere eine kniffelige Matheaufgabe. Das Basteln soll ihnen dabei helfen, wieder ein Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln. Das ist wichtig, weil es den alten Menschen dabei hilft, solange wie möglich selbstständig zu bleiben. Wer seine Hände unter Kontrolle hat, kann sich zum Beispiel selber die Zähne putzen oder die Schuhe binden.

Nicht alle Ergotherapeuten arbeiten mit alten Menschen

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Die Memory-Karten hat Christiane Rösler selbst gemacht

Deshalb stehen auch bei der Gymnastikstunde im Altenheim Dinge wie das Öffnen eines Knopfes mit drei Fingern auf dem Programm. Klingt einfach. Ist es aber nicht. "Für viele der Altenheimbewohner ist es schon eine echte Herausforderung, einen Stift in die Hand zu nehmen und ihren Namen zu schreiben", sagt Christiane Rösler. Aus der anderen Ecke des Raumes ruft Herr Mayr nach ihr. Er muss mal. Auch das gehört zum Beruf der Therapeutin. Sie begleitet den alten Herrn auf die Toilette. Nicht alle Ergotherapeuten - so werden die Beschäftigungstherapeuten auch genannt - arbeiten mit alten Menschen. Viele betreuen Kranke, Unfallopfer, behinderte Menschen und Suchtkranke, aber auch scheinbar gesunde Kinder und Jugendliche. Zum Beispiel, wenn sie etwas besonders Schlimmes erlebt haben. Um ihre Patienten so gut wie möglich behandeln zu können, arbeiten die Beschäftigungstherapeuten mit Ärzten, Logopäden, Psychologen, Psychiatern und Sozialpädagogen zusammen. Sie wollen ihren Schützlingen nicht nur für ein paar Tage, sondern für möglichst lange Zeit helfen und so dafür sorgen, dass sie im Alltag so gut wie möglich zurechtkommen. Um diesem Ziel ein Stückchen näher zu kommen, basteln und malen die Therapeuten nicht nur mit den Menschen, die zu ihnen kommen. Manche von ihnen versuchen es auch mit Schwimm- oder Reittherapie, mit Theaterspielen oder musizieren.

Musik ist wichtig

Musik spielt auch im Altenheim von Christiane Rösler eine wichtige Rolle. Weil die alten Menschen oft kein Gefühl mehr für Zeit haben, achtet die Beschäftigungstherapeutin bei der Auswahl der Lieder darauf, dass sie zur Jahreszeit passen. "Früher gehörten solche Dinge oft zum Alltag der alten Menschen. Deshalb helfen sie ihnen jetzt, den Überblick über die Jahreszeiten zu behalten", sagt die Beschäftigungstherapeutin. Natürlich singt sie mit ihren Patienten keine Popsongs aus den Charts, sondern alte Volkslieder. Die Texte dazu kennen viele Altenheimbewohner noch auswendig. Und wem die Kraft zum Singen fehlt, der summt eben oder schunkelt im Takt der Musik.

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Der Kreisel muss ganz besonders gut festgehalten werden - das schult die Finger

Gute Ideen gefragt

Wer Ergotherapeut werden möchte, sollte entweder einen Realschulabschluss oder einen Hauptschulabschluss und Erfahrung in einem ähnlichen Beruf haben. Außerdem wichtig: Spaß an der Arbeit mit Menschen, Verantwortungs- bewusstsein, Belastbarkeit und jede Menge gute Ideen.Die braucht auch Christiane Rösler. Für ihre Sing- und Bastelkreise muss sie sich ständig etwas Neues einfallen lassen. Außerdem gehört es zu ihren Aufgaben, Ausflüge zu planen. Zusammen mit den alten Menschen fährt sie in den Biergarten, aufs Volksfest oder in den Zirkus. Sie lädt Kindergärten ins Altenheim ein, organisiert Kinonachmittage und erfindet eigene Spiele. Um die alten Menschen für die ungewohnten Aufgaben zu begeistern, muss die Therapeutin jeden Tag Einfühlungsvermögen beweisen. Und wenn Frau Heimer die aufgemalte Sonnenblume auch beim zehnten Anlauf noch zu Papierschnipseln verarbeitet, anstatt sie ordentlich auszuschneiden, oder Herr Mayr innerhalb von ein paar Minuten zum fünften Mal aufs Klo muss, braucht sie Geduld. Der Lohn für ihre Arbeit? Zum Beispiel das Lächeln von Frau Schmal. Sie lacht bis über beide Ohren und ist vor Stolz mindestens zwei Zentimeter gewachsen, weil sie es geschafft hat, drei wunderschöne Sonnenblumen auszuschneiden.

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