Beruf Türmer

Im Mittelalter warnte der Türmer die Stadtbevölkerung vor Feinden und Bränden. Einige Städte halten bis heute an dieser Tradition fest. Für GEOlino.de begleitete Andree Wilhelm den Türmer der Stadt Münster auf seiner Nachtschicht
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Arbeitsplatz hoch über den Dächern

Wuchtig erhebt sich der neugotische Kirchturm von St. Lamberti mit seinen 90 Metern in den Himmel über Münster. Die Kirche liegt mitten in der Altstadt, am Prinzipalmarkt. Aus den spätmittelalterlichen Bogengängen der Bürgerhäuser nähert sich ein Mann dem Turm. Es ist Wolfram Schulze, der Türmer von St. Lamberti.

Äußerlich unterscheidet er sich nicht von anderen Passanten. Statt einer Dienstkleidung trägt er eine graue Jacke mit Kapuze, Jeans und einen dünnen braunen Schal. Mit sanftem Händedruck begrüßt er mich und zeigt auf eine unscheinbare Tür. Die Tür öffnet sich zu einem schmalen, spiralförmigen Treppenhaus. Schnellen Schrittes setzt der drahtige Mann einen Fuß vor den anderen. Ich habe Mühe, ihm zu folgen.

Seit 1950 gibt es wieder einen Türmer in Münster. Im Mittelalter warnten sie mit Hornsignalen vor Angriffen von feindlichen Heeren und vor Feuern in der Stadt. In Zeiten von elektrischen Feuermeldern ist Schulzes Arbeitsplatz eigentlich überflüssig - wäre da nicht das Traditionsbewusstsein der Münsteraner. „Gerade ältere Leute sagen mir, wenn da jemand oben Wache schiebt, fühlen sie sich sicherer, obwohl ich ja auch nicht mehr machen kann, als zum Telefon zu greifen und die Feuerwehr zu rufen.“ Schon vier Brände konnte Schulze vor der Feuerwehr entdecken und melden.

5000 Bücher und ein Horn

Die Stufen enden an einer weißen Sperrholztür. Daneben eine Fotocollage von früheren Türmern. Einer von Schulzes Vorgängern sitzt lesend vor einem Bücherregal. Davon ist in der Dienststube in 75 Metern Höhe nichts mehr zu sehen. Außer den vielen Bildern an den Wänden ist das Zimmer schmucklos. Eine kleine Couch und ein Schreibtisch sind schon alles, was es zu sehen gibt. Schulze bleibt an der Tür stehen und lauscht. Die Glocken schlagen neun. Schulze hebt bei jedem Glockenschlag die Hand in die Höhe, als dirigiere er ein unsichtbares Orchester.

Dann schließt er die Tür und geht zu einem kleinen Tisch. Daneben gelehnt steht das gebogene Türmerhorn aus Messing. Schulze nimmt es und geht hinaus in die Abenddämmerung. Unten schimmert das Lichtermeer der Stadt. Er hebt sein Horn an die Lippen. Neunmal gibt er Signal. Nach jedem dritten Ton hält er kurz inne, schaut mit einem Blick hinunter und fährt dann fort. Nach wenigen Augenblicken ist sein Dienst für die nächste halbe Stunde getan.

Dann setzt er sich auf die Couch und liest. Man bemerkt es schnell – der frühere Antiquar ist ein Bücherliebhaber. Rund 5000 Bücher stehen bei ihm zu Hause. Er lächelt viel, streicht sich dann wieder mit der Hand über seinen haarlosen Kopf. Wenn es sich ergibt, redet er gerne über die Weltliteratur, besonders über die griechischen Klassiker.

Um Mitternacht lässt Schulze das letzte Mal sein Horn erklingen. Wenige Minuten und 300 Stufen später stehen wir wieder auf dem Prinzipalmarkt. Zum Abschied wieder ein sanfter Händedruck, dann verschwindet Wolfram Schulze zwischen den mittelalterlichen Bogengängen.

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