Interview: "Ich bin genauso durchgeknallt wie andere Jugendliche"

In Deutschland haben mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche einen Intelligenzquotienten von über 130 – und gelten damit als hochbegabt. Die 16-Jährige Anika Spiesberger erzählt im Interview mit GEOlino.de von den Vor- und Nachteilen ihrer Hochbegabung
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Hochbegabt
Uni-Luft schnuppern

Hochbegabt

Mathematik ist nichts für Mädchen? Von wegen! Zumindest für Anika Spiesberger ist Mathe kein Problem. Im Gegenteil: Bereits mit fünf Jahren konnte sie rechnen, mit sechs Jahren auch multiplizieren und dividieren.

GEOlino: Du wirst als hochbegabt eingestuft. Bist du damit anders als deine Klassenkameraden?

Anika: Nein, ich bin genauso durchgeknallt wie alle andere Jugendlichen auch. Außerdem gefällt mir der Begriff hochbegabt nicht und finde es auch wenig sinnvoll, den anhand einer IQ-Zahl zu bestimmen. Was heißt den hochbegabt? Und sind dann andere minderbegabt?

Welche Bezeichnung würdest du denn vorziehen?

Bei mir würde ich zum Beispiel von einem – im Vergleich zu meinen Mitschülern – relativ guten mathematischen Verständnis sprechen.

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Anika kann auch gut erklären. In der Hausaufgabenbetreuung gibt sie anderen Schülern Nachhilfe

Dank dieses Talents bist du deinen Klassenkameraden in diesem Fach weit voraus. Passt du im Mathe-Unterricht überhaupt auf?

Das ist unterschiedlich. Am Anfang eines neuen Themas mache ich schon mit, um den Stoff noch einmal zu wiederholen. Oft bekomme ich aber auch die Anweisung, nichts zu sagen, damit die anderen das tun. Dieses Schuljahr war ich zusätzlich im Mathe-Unterricht der elften Klasse. Zum einen, weil mein Lehrer meinte, ich sei sonst völlig unterfordert, zum anderen, da ich die elfte Klasse in Kanada verbringe und so den Stoff schon einmal mitlernen kann.

Wirst du oft von Mitschülern um Hilfe gebeten?

Zum Teil schon. Ich erkläre auch gerne für andere. Deshalb helfe ich auch bei der Hausaufgabenbetreuung an unserer Schule und wiederhole mit jüngeren Kindern den Stoff. Außerdem gebe ich privat Nachhilfe. Momentan habe ich zwei Sechstklässlerinnen. Bisher war aber alles von der Fünften bis zur Neunten dabei.

Können Fragen von Mitschülern auch nerven?

Nur dann, wenn zehn Leute auf einmal was wissen wollen. Oder zum Beispiel nach einer Klassenarbeit, und alle ankommen und fragen, was ich rausbekommen habe. Aber ansonsten liebe ich meine Klasse.

Bist du denn in allen Fächern so gut?

In den naturwissenschaftlichen auf jeden Fall. In den Sprachen habe ich den Vorteil, dass ich die Vokabeln extrem schnell und auch über längere Zeit merken kann.

Welche Vorteile hast du dadurch?

Vielleicht, dass ich mehr Freizeit habe als andere, weil ich so gut wie nie für Klausuren lernen muss.

Was machst du denn mit der vielen Freizeit?

Da ich auf einer Sportschule bin, treibe ich relativ viel Sport. Im Gegensatz zu den anderen aus meiner Klasse aber keinen Leistungssport, sondern eher kunterbunt, was mir gerade unterkommt. Ich bin sieben Jahre geritten, habe Badminton gespielt, Leichtathletik und Parcours gemacht. Es macht mir einfach Spaß, alles mal auszuprobieren. Eine Zeit lang habe ich auch Gitarre gespielt. Im Moment tanze ich viel Standard und spiele in der Theater-AG meiner Schule.

Sport, Musik, Theater – hast du bei so vielen Talenten und Interessen die Qual der Wahl?

Ja, ständig muss man auswählen. Auch jetzt zum Schuljahresende die Fächer für die Oberstufe. Im Grunde hätte ich gerne alles gewählt. Aber das geht natürlich nicht.

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Reiten ist nur eine von vielen Sportarten, die Anika ausprobiert hat. Im Moment steht Tanzen auf dem Programm

Uni-Luft schnuppern

Im Sommersemester 2009 hast du auch Kurse an der Universität in Bonn besucht. Was hast du dort gelernt?

Ich fand es sehr interessant, schon einmal in den Uni-Alltag reinschnuppern zu können. Das ging schon damit los, sich in den Gebäuden zurechtzufinden. Außerdem war niemand da, der einen abgehalten hätte, mitten in der Vorlesung zu gehen. Das ist man von der Schule ja gar nicht gewöhnt.

Wie war der Kontakt zu den Studenten?

Völlig problemlos. Aber danach haben sich die Kontakte nicht gehalten. Die sind ja doch deutlich älter und haben eine ganz andere Welt in der sie leben. Und ich habe meine Welt und meine Freunde.

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Auf der Junior-Akademie im Sommer 2009 hat Anika viele Gleichaltrige kennen gelernt, mit denen sie sich nicht nur über Mathematik unterhalten kann

Tauschst du dich denn mit Gleichaltrigen über mathematische Themen aus?

Letztes Jahr war ich in den Sommerferien auf der Junior-Akademie. Dort werden Kurse für sehr gute Schüler angeboten, kombiniert mit Freizeitangeboten. Daraus ist ein richtiges Netzwerk entstanden. Wir haben einen eigenen Chat, und wenn man eine Frage zu irgendeinem Thema hat, bekommt man immer viele Antworten. Und die reden auch alle ganz normal. Überhaupt nicht hochgestochen.

Hast du denn schon konkrete Vorstellungen, was du später mal machen möchtest?

Ich würde gerne Mathematik studieren, aber im Moment habe ich noch keine Idee, was ich damit machen will. Vielleicht wird es aber auch Architektur, mal sehen. Aber Zahlen sollten schon irgendwie vorkommen…

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