Synästhesie: Wenn Zahlen Farben haben

Die Fünf ist blau und Tante Gertruds Stimme hört sich rosa an?! All das ist keine Spinnerei. Manche Menschen – die Synästhetiker – sehen tatsächlich Zahlen oder Stimmen farbig. Manche ordnen ihnen sogar Eigenschaften zu

Synästhesie. Beim ersten Lesen lässt der Begriff auf eine Station im Krankenhaus schließen. Dabei ist Synästhesie alles andere als eine Krankheit. Vielmehr ist es eine ganz besondere Gabe.

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Von wegen schwarz auf weiß - für Synästhetiker hat jede Zahl eine eigene Farbe

Synästhetiker sind nämlich Menschen, die zum Beispiel Zahlen oder Buchstaben farbig sehen. Wichtig dabei ist, dass es sich immer um die gleiche Farbe handelt, also die Fünf immer blau ist, die Drei dagegen immer gelb.

Allerdings ist das bei jedem Synästhetiker anders – bei dem einen ist die Fünf grün, bei einem anderen rot oder rosa.

Andere Synästhetiker verbinden Töne mit einer bestimmten Farbe. Christine Söffing zum Beispiel. Sie kann Farbenhören. Für sie hat jeder Ton, jede Stimme, eine Farbe. "Vor meinem inneren Auge sehe ich dann eine farbige Figur. Das ist ein bisschen, als wenn man sich einen Urlaub am Strand vorstellt. Mit geschlossenen Augen ist das Bild klarer", erklärt sie.

Dass sie selbst Synästhetikerin ist, wurde der 46-Jährigen erst im Alter von 19 Jahren bewusst. "Eine Freundin hat damals mit der Blockflöte Stücke für die Musikhochschule geübt. Sie hat mir jeden Tag vorgespielt und ich musste sagen, wie es sich im Vergleich zum Vortag anhört. Ich konnte mir aber nur merken, wie sich die Farben innerhalb der Stücke verändern", erzählt Christine Söffing.

Inzwischen weiß sie, dass ihre ganze Familie synästhetisch veranlagt ist. Jeder jedoch auf eine andere Art und Weise. "Meine Schwester hat bunte Buchstaben. Wenn sie Texte schreibt, kann sie anhand der Textfarbe erkennen, welche Wörter noch dazu passen." Ihre Eltern dagegen sind so genannte Gefühls-Synästhetiker. Bei dieser Art der Synästhesie verbinden Menschen Zahlen oder Buchstaben mit menschlichen Eigenschaften. "Für meine Mutter ist die Sieben ist beispielsweise besonders freundlich, die Vier total zickig", erklärt Söffing.

Doch wie merken Eltern, dass ihre Kinder Synästhetiker sind? In ihrer Synästhesiewerkstatt bietet Christine Söffing Vorträge und Workshops zu diesem Thema an. "Kinder sagen meist immer wieder, welche Farbe ein Klang oder eine Buchstabe hat", weiß Christine Söffing. Ein eindeutiges Beispiel erlebte sie mit einem kleinen Jungen während eines Musikprojekts: "An der einen Stelle hast du falsch gespielt. Das war noch zu viel Blau. Du musst dir mal eine Brille kaufen, damit du das besser siehst!"

Gehirnforscher versuchen herauszufinden, wie es zu dieser Art der Wahrnehmung kommt. Derzeit vermuten sie, dass Seh- und Hörzentrum bei Synästhetikern besonders stark miteinander verbunden sind. Da jeder Mensch anders schmeckt, sieht und hört, ist es aber schwierig, das tatsächlich zu beweisen.

Ob Synästhetiker Vorteile haben, weil sie eine Art sechsten Sinn haben, vermag Christine Söffing nicht zu beurteilen: "Dazu müsste ich wissen, wie es ohne ist." Für sie sind die farbigen Töne nicht nur ein Merksystem, sondern auch Orientierungshilfe. "Wenn man sich zum Beispiel mit einer Person unterhält, merkt jeder an der Körperhaltung, der Gesichtsfarbe und der Stimmlage, wie es der Person geht oder welche Stimmung sie gerade hat. Ich habe den Farbton der Stimme als zusätzlichen Hinweis", erklärt Söffing.

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