Beruf Skispringer

Kaum länger als ein Wimpernschlag dauert der Moment, der beim Skispringen über Sieg oder Niederlage entscheidet. Skispringer brauchen starke Nerven. GEOlino hat zwei von ihnen begleitet
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Rony gehört zu den besten deutschen Nachwuchsspringern

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Dank der V-Technik bietet der Skispringer dem Wind besonders viel Angriffsfläche

Normalerweise probieren wir GEOlino-Reporter für unsere Sportgeschichten jede Disziplin selbst aus. Aber wie Ronny und Carmen von der Ruhpoldinger Jugendschanze zu springen? Ausgeschlossen - das nicht. Warum? Weil für Laien alles am Skispringen der pure Wahnsinn ist: die Höhe der Schanze. Das Tempo, mit dem Ronny und Carmen hinabsausen. Zuletzt der Sprung ins Nichts: Der Landehang fällt so steil ab, dass man ihn von oben gar nicht sieht, wenn man wie über eine Klippe vom Schanzentisch hechtet. Wahnsinn!

Das Gefühl des Fliegens

Wenn Ronny vom Skispringen erzählt, klingt keine Angst durch. "Das Gefühl des Fliegens ist großartig. Ich muss nur genau die Kante treffen und mich auf die Technik konzentrieren", sagt der 13-jährige Schwarzwälder vom Skiclub Hinterzarten. Ronny hat im Alter von fünf Jahren mit dem Springen begonnen und gehört wie Carmen zu den größten Talenten Deutschlands.

Kante, Technik, Konzentration - diese Worte hört man oft beim Schülercup-Finale im bayerischen Ruhpolding. Rund 130 Jungen und Mädchen sind angetreten, um ihre Besten zu ermitteln. Und immer geht es um den entscheidenden Moment: den Absprung.

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Bei Wettkämpfen startet Carmen zusammen mit Rony. Gewertet wird dann aber getrennt

Um darauf vorbereitet zu sein, sehen sich Ronny und Carmen vor dem Wettkampf die Schanze genau an. Gibt es Buckel in der Anlaufspur? Ist der Schnee vereist und macht die Ski schnell - oder wird er vor lauter Matsch bremsen? Jedes Detail zählt. Unten, am Rand des Stadions, bauen die Trainer derweil den Wachstisch auf; dort werden die Skier vor jedem Sprung mit einem Wachspulver behandelt. So gleiten sie besser. "Je schneller ich beim Anlauf fahre, desto weiter kann ich springen", sagt Ronny.

Körper in Bananenform

Carmen steht schon für die "Imitationssprünge" bereit - eine Trockenübung, um Absprung und Flughaltung zu trainieren. Auf einem Schneehügel geht die 14-Jährige in die Hocke und schnellt auf Kommando ihrem Cheftrainer Gert Hübner entgegen. Der balanciert sie auf gestreckten Armen in der Luft und achtet darauf, dass Carmen ihre Beine streckt und die Zehen anzieht. "Im Flug muss der Körper eine Bananenform haben. Die Kunst ist es, so flach nach vorn abzuspringen, dass man hinunter segelt", erklärt Gert Hübner. Dann stapft er mit seinen Athleten Richtung Schanze.

Rund 280 Treppenstufen führen hinauf zum Absprungbalken. Ronny und Carmen schnaufen, als sie sich oben in die Schlange der wartenden Springer einreihen. Die Jungen und Mädchen sprechen kaum. Jeder konzentriert sich, geht in Gedanken den Sprung durch. Kaum mehr als ein Wimpernschlag entscheidet - genug Zeit, um alles falsch zu machen; zu wenig, um einen Fehler noch zu korrigieren. Eine Siegchance hat deswegen nur, wem die perfekte Bewegung gelingt. Und dessen Sprung von den Kampfrichtern hohe Haltungsnoten bekommt: weil er ruhig geflogen ist, bei der Landung einen eleganten Ausfallschritt gemacht hat und ohne Wackler zum Stehen kam.

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Auch die Wartung der Skier gehört zum Sport

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So übt Rony mit seinem Trainer

"Startnummer 116", ruft der Kampfrichter. Ronny ist dran! Er setzt sich auf den Balken, zieht die Skibrille ins Gesicht, atmet tief durch. Dann geht alles blitzschnell: Mit fast 80 km/h schießt Ronny über den Schanzentisch, schwebt etwa vier Sekunden lang ins Tal und landet bei 60 Metern - zu kurz. Auch der zweite Sprung geht nicht viel weiter.

Kein Fehler bleibt verborgen

Ronny ist ratlos. "Du hältst die Arme nicht am Körper und kommst zu spät in die optimale Flughaltung", schimpft Gert Hübner in der Pause. Der Trainer hat die Sprünge mit der Videokamera aufgenommen und spielt sie seinen Schützlingen im Zeitlupentempo vor. Kein Fehler bleibt verborgen.

Die Tipps helfen. Am Nachmittag steigert sich Ronny auf 65,5 Meter und lächelt zum ersten Mal. "Einen guten Sprung fühle ich schon in der Luft. Da lupft es einen gleich ein Stockwerk höher", sagt er. Am Ende wird es nicht für einen Platz auf dem Siegertreppchen reichen, aber das ist nicht so schlimm.

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Von der Schanze aus betrachtet, sehen die Menschen im Tal aus, wie kleine Punkte

Carmen strahlt wie eine Siegerin: "Ich habe 55 Meter geschafft und damit eine Wette gewonnen. Morgen muss mir mein Trainer das Frühstück an den Tisch tragen." Die Mannschaftskameraden freuen sich mit. Teamgeist gibt Kraft. Besonders für den Moment, in dem Carmen und Ronny wieder allein auf dem Anlaufbalken sitzen und sich abstoßen - zum nächsten Sprung in die Tiefe.

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