Die Stadt der Diamanten

Nichts und niemand verlässt Oranjemund in Namibia ohne scharfe Kontrollen. Nur besonders einfallsreichen Schmugglern gelingt es, die Sicherheitskräfte zu überlisten

Diebstahl von Firmeneigentum ist weit verbreitet. Meistens handelt es sich jedoch nur um Briefumschläge und Bleistifte. In Oranjemund, im Süden Namibias, liegt der Fall anders: Hier betreibt die Namdeb Diamond Corporation eine der größten Diamantenminen der Welt. Für viele Bewohner dieser Region ist Diamantenschmuggel eine Art Volkssport. Sie müssen allerdings immer einfallsreicher werden, um an die wertvollen Steine heranzukommen. Es herrscht ein ständiger Wettlauf zwischen Schmugglern und den Sicherheitskräften der Mine.

Die Haltung von Brieftauben ist in Oranjemund strickt verboten, seit vor einiger Zeit eine flugunfähige Taube auf dem Minengelände gefunden wurde. Sie konnte nicht mehr abheben - die Rohdiamanten, die sie in einem handgenähten Rucksack am Körper trug, waren einfach zu schwer. Unter den Bewohnern der Diamantenstadt kursieren zahlreiche Anekdoten über geglückte und missglückte Schmuggelaktionen. Werner Ndkosho vom Sicherheitsdienst bestätigt: "Wir wissen, dass weiterhin Tauben eingesetzt werden." Inoffizielle Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 30% der Diamantenausbeute von Dieben beiseite geschafft wird. Schon nach den ersten Diamantenfunden im Jahre 1908 wurde von den deutschen Kolonialherren die Wüste Namib auf einer Fläche von 26.000 qkm zum Sperrgebiet erklärt und ist seitdem für die Öffentlichkeit unzugänglich.

Die größte Siedlung innerhalb dieser Sicherheitszone ist die firmeneigene Stadt Oranjemund mit gut 10.000 Einwohnern. Ohne strengste Kontrollen kommt hier nichts und niemand hinein oder hinaus. Dafür sorgt einer der größten privaten Sicherheits- und Überwachungsapparate der Welt. Die Arbeiter werden täglich geröntgt; alle Gegenstände, die als Versteck dienen können, bleiben auf ewig im Sperrgebiet. Seit Jahrzehnten hat kein Fahrzeug die Sicherheitszone verlassen, sie rosten auf einem riesigen Autofriedhof in der Wüste vor sich hin. Wesentlich gepflegter dagegen sind die Luxuskarossen, die in den Garagen der umliegenden Orte stehen. Sogar vor den Wohnheimen der Minenarbeiter in der Konzernstadt parkt so manche Limousine, eigentlich verwunderlich bei einem Monatsverdienst von umgerechnet etwa 750 DM. Vieles deutet darauf hin, dass die Schmuggler trotz Leibesvisitationen, Videoüberwachung und Patrouillenflügen immer wieder Schlupflöcher finden.

"360° - Die GEO-Reportage" besucht die verbotene Diamantenstadt Oranjemund und beobachtet die glänzenden Geschäfte der Minengesellschaft und der Schmuggler.

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