Die Eisenbahn vom Baikal zum Amur

Für zwei Zuginspektoren ist die 4000 Kilometer lange transkontinentale Bahntrasse durch Sibirien die zweite Heimat. In ihrem Waggon rollen sie vorbei an Sümpfen, Rentierweiden und einsamen Siedlungen. Vor allem aber: an der großen Leere

Ein Film von Wolfgang Mertin

Ihr "Büro" rollt auf Schienen zwischen Baikalsee und Pazifik, über Dauerfrostboden und vergletscherte Gebirgszüge, durch endlose Sümpfe und Rentierweiden: Sergej Kuplenski und Gennadi Laptjew sind Chefinspektoren auf der Baikal-Amur-Magistrale, deren Gleise sich 4000 Kilometer quer durch Sibirien ziehen Ganze 30 Jahre dauerte ihr Bau, und neben der Trasse wuchsen Städte und Siedlungen, die nur durch die Bahn mit der Zivilisation verbunden sind.

Die "Baikal-Amur-Magistrale", kurz BAM genannt, war das letzte große Prestige- und Propaganda-Projekt der Sowjetära. Sie sollte neben der Transsibirischen Eisenbahn als zweite transkontinentale Trasse das östliche Europa über den Baikalsee mit dem Pazifik verbinden. Parallel sollten Siedlungen entstehen, deren Bewohner die gewaltigen Erz- und Kohlevorkommen Zentralsibiriens erschließen würden. Im Jahr 2003, nach 30 Jahren Bauzeit, war die BAM mit der Fertigstellung des letzten großen Tunnels vollendet. Doch im neuen Russland fehlt es an Geld und Investoren, die sich an die Rohstofflager heranwagen. Die Züge rollen dennoch: Fünf Tage braucht ein Schnellzug von Moskau nach Tynda, der erst 1974 gegründeten "Hauptstadt der BAM". Hier leben Sergej Kuplenski und Gennadi Laptjew. Sie sind Chefinspektoren der Russischen Eisenbahn und für die Sicherheit der Züge, Gleise, Brücken, Tunnel und Bahnhöfe verantwortlich. Regelmäßig koppeln sie ihren Dienstwaggon an verkehrende Züge und unternehmen Inspektionsreisen entlang der BAM.

Ihre nächste Fahrt führt sie über 1500 Kilometer weit in Richtung Osten über den Pass des Seweromuisker Gebirges und durch den längsten Tunnel Russlands, der von freiwilligen Bauarbeitern unter Einsatz ihres Lebens gebaut wurde. Aus den Lagern dieser Männer sind Siedlungen entstanden, in denen heute hauptsächlich Mitarbeiter der russischen Eisenbahn leben - aber auch viele ehemalige Arbeiter, die nach der Fertigstellung der BAM keinen neuen Arbeitsplatz gefunden haben und sich mühsam durchs Leben schlagen. Nach einem Zwischenstopp in ihrer Heimatstadt Tynda geht es für die Inspektoren vorbei an der riesigen Kohlengrube von Nerjengrü bis nach Jakutien in das Land der Rentierhirten. Die bekommen nun eine Zugverbindungen an die Welt - und wissen nicht recht, ob sie ihnen Segen oder Fluch bringen wird.

"360° - GEO Reportage" zeigt das Leben entlang eines der größten und schwierigsten Eisenbahnprojekte der letzen 100 Jahre.

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4000 Kilometer rollen die Züge auf der transkontinentalen Bahntrasse durch Sibirien

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