Ein göttlicher Zug

Pater Sergej und sein Chor missionieren die russische Provinz - mit der Eisenbahn

An der Wand des Zugabteils prangt der goldene Jesus, vor ihm stehen die Gläubigen des Ortes und beten. Für einen einzigen Tag macht der Zug des russisch-orthodoxen Vaters Sergej in ihrer einsamen Gegend Rast, einige der alten Frauen haben Stunden auf seine Ankunft gewartet. Für viele Menschen in den entlegenen Ortschaften Sibiriens bildet die Kirche den einzigen, noch verbliebenen Halt. Aber so lange sich kein Geistlicher dauerhaft in ihrer Gegend niederlässt, ist die rollende Kirche für sie die einzige Möglichkeit, einen Gottesdienst abzuhalten.

Monoton rattert der Zug durch die verschneite Winterlandschaft. Drinnen sitzen Priester, andächtig auf den nächsten Halt wartend. Sie wollen nicht etwa nach Hause, sie sind es bereits - der Zug ist ihr Daheim. Seit einigen Jahren reisen sie mit der Bahn durch das Land, um all jene Orte zu besuchen, die keine Kirchen haben, oder in denen kein Geistlicher lebt, der einen Gottesdienst abhalten könnte.

Nach den Jahren der Sowjetmacht gibt es in dem einst so religiösen Russland kaum noch Kirchen. Von den einst 60.000 Gotteshäusern vor der Revolution sind heute etwa 7000 noch oder wieder in Betrieb. Und die befinden sich zumeist in den Städten. Auf dem Land gibt es zu wenig Kirchen für all jene, die sich von der modernen Marktwirtschaft allein gelassenen fühlen. Um jenen Hilfesuchenden entgegen zu kommen, hat die russisch-orthodoxe Kirche dieses rollende Gotteshaus eingeweiht. Mit ihr fahren vier Priester und ein Mönchschor quer durch Sibirien, spenden Trost und leisten geistlichen Beistand. Mehr können sie während ihrer kurzen Aufenthalte nicht tun. Und doch schaffen sie es zumindest, den wieder erstarkenden Glauben zu nähren. Auch, wenn sie selten wirkliche Hilfe anbieten können.

360° - Die GEO-Reportage begleitet die Priester auf ihrer Zugfahrt quer durch Sibirien und zeigt sie bei ihrer täglichen, keineswegs alltäglichen Arbeit.

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