Die Millionen-Dollar-Hirsche

Die Geweihe sibirischer Marale gelten in Fernost als Allheilmittel. Mit der Säge nehmen Wildhüter den Tieren ihren Kopfschmuck ab – ein blutiges, äußerst lukratives Geschäft

Ein Film von Klaus Reisinger und Frederique Lengaigne

Am Fuße des Altai-Gebirge, im Grenzgebiet zwischen Russland, China und der Mongolei, leben die Maral-Hirsche. Einmalig macht sie neben der Größe ihr majestätisches Geweih, das in der fernöstlichen Medizin ein beliebtes Heilmittel ist. Sibirische Wildhüter treiben die Tiere deshalb in den Sommermonaten zusammen und lotsen sie in einen Pferch, um ihnen ihren Kopfschmuck abzusägen. Die Treibjagd erfordert von den Männern einen enormen Kraftaufwand, denn Marale sind sehr widerspenstig. Trotz ihrer Erfahrung und Geübtheit gelingt eine reibungslose Geweihernte den Wildhütern nicht immer. Blitzschnell kann aus der Jagd eine blutige Angelegenheit werden.

"Das letzte Mal haben wir ungefähr 500 Marale inspiziert. Davon hab ich 60 ausgewählt, die wir dann beschnitten haben", sagt Sasha Tcherepanov, der gemeinsam mit seinen Brüdern je Saison 2500 Hirsche unter die Lupe nehmen muss. Es ist Juni im Hirschrevier Sauzar, und den Wildhütern bleibt für die Geweihernte nicht mehr viel Zeit. Denn jetzt ist der Kopfschmuck der Marale zwar ausgewachsen, jedoch noch mit Basthaaren überzogen und durchblutet – ein Zustand, in dem die Geweihe am wertvollsten sind. Mehrere Hundert Dollar kostet ein Geweih. Für die Abnehmer, die hauptsächlich aus Südkorea anreisen, ist der Preis kein Problem. Schließlich finden russische Bastgeweihe in ihrem Heimatland einen reißenden Absatz: In hauchdünne Scheiben geschnitten, verwenden sie Ärzte und Krankhäuser häufig als Teebeimischung.

Eine schmerzlindernde Wirkung versprechen sich Sasha und seine Brüder außerdem von dem Blutsud, der nach dem Kochen der Maral-Geweihe übrig bleibt. Seit kurzem bieten sie Hirschblut-Bäder auf ihrer Farm an, an denen vor allem Geschäftsmänner aus Russland großen Gefallen finden. Sie schwören auf die aphrodisierende Wirkung, die der Saft der Edelgeweihe in sich birgt.

Nur noch wenige Wochen trennen die Wildhüter vom ersten Kälteeinbruch und ihrer Rückkehr ins Dorf. An manchen Wintertagen kann die Temperatur im sibirischen Dreiländereck auf bis zu minus 55 Grad sinken. Bis dahin müssen alle Geweihe geerntet sein. Die Tcherepanov-Brüder stehen unter Zeitdruck. Über 400 Marale haben sie zusammen gepfercht, als die Herde plötzlich ausbricht. Auf den Zäunen suchen die Männer Zuflucht, um den Hufen der Hirsche zu entkommen.

"360° - GEO Reportage" begleitet den Wildhüter Sasha Tcherepanov und seine Brüder bei dem Spektakel.

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Die sibirischen Wildhüter lotsen die Tiere in einen Pferch

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