Venezuela - Die alte Frau und das Meer

Küstenfischer: An den Stränden Venezuelas leben die Menschen von der Sardinenfischerei. Aber die Erträge nehmen ab. Die Familie von Señora Vargas (Bild) kämpft um jeden Fisch – und um ihr Überleben.

Ein Film von Caterina Klusemann

In El Morro, an der Nordostküste Venezuelas, leben die Menschen seit Jahrtausenden von der Sardinenfischerei. "Wenn es keinen Fisch gibt, sind wir erledigt, es gibt kaum andere Arbeit", sagt die 78-jährige Luisa Vargas. Sieben Kinder hat sie mit Sardinen großgezogen, und auch die Familien ihrer 52 Enkel leben vom Meer. Doch in den letzten Jahren haben die Erträge massiv abgenommen, die Überlebensbedingungen sind härter geworden. Seit acht Monaten werden die Sardinen in El Morro sogar komplett vermisst – mit jedem Tag ohne großen Fang spitzt sich die Lage zu.

Wenn es Sardinen gibt, arbeitet Luisa Vargas trotz ihrer 78 Jahre Tag und Nacht ohne Pause: Sie hilft beim Ausladen der Boote, Ausnehmen der Sardinen oder dem Weitertransport in die Fabrik von El Morro. Doch im Moment kann sie nur, ab und zu beim Tragen einer Kiste Fisch anpacken. Lediglich kleine Haie, Makrelen oder Anchovis gehen den Fischern bei ihren Fangzügen vor der venezolanischen Küste ins Netz. Doch die bringen auf den lokalen Märkten nur das Nötigste zum Überleben ein – im Gegensatz zu den Sardinen, die für den Export bestimmt sind. Solange keine Sardinen in der Nähe von El Morro auftauchen, müssen die Männer des Dorfes weit hinaus aufs Meer ziehen - teilweise sogar in die Nachbarländer Surinam oder Guyana. Wochenlang sind sie dann von ihren Familien getrennt. Und leben immer mit der Gefahr verhaftet zu werden, weil sie illegal in fremden Hoheitsgewässern fischen.

Während der Abwesenheit ihrer Männer versuchen die Frauen, ein wenig Geld zu verdienen: Luisas Enkelin Naile vermietet ihre Waschmaschine an die Nachbarinnen, zusammen mit zwei ihrer Schwestern teilt sie sich einen Job in einer Suppenküche. Naile sieht immer weniger Zukunft in der Sardinenfischerei, und auch ihre Kinder wollen lieber Ärzte, Lehrer oder Anwälte werden, statt sich auf die Launen der Natur zu verlassen. Warum die Sardinen verschwunden sind, ist ungewiss. Offizielle Stellen sagen, die Meereserwärmung habe zum Ausbleiben der Algenblüten geführt, wovon sich die Sardinenlarven ernähren. Andere Gründe könnten die jahrelange Überfischung und die Verschmutzung der Küstengewässer sein. Doch im Gegensatz zu ihren Frauen bleiben die Fischer von El Morro optimistisch "Die Sardinen waren schon einmal sieben Jahre weg. Dann kamen sie wieder und wir haben weitergemacht. Wir wurden geboren, um Fischer zu sein – und so lange das Meer da ist, lebt die Hoffnung in jedem aus El Morro."

"360° - GEO Reportage" begleitet Luisa Vargas und ihre Familie bei ihrem täglichen Ringen mit der Natur.

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In Los Testigos haben Fischer tatsächlich vor zehn Tagen einen Schwarm Sardinen gefangen. Er wird in einem Netz gehalten

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