Kambodscha, Ratte süß-sauer

Zwei Monate im Jahr ist im Schwemmland des kambodschanischen Tonlé Sap Sees Jagdsaison: Dann werden Ratten gefangen. Die "360° - GEO Reportage" am Samstag, den 6. Juni um 19.30 Uhr

Ein Film von Gordian Arneth

Tiere, die in Europa Abscheu und Ekel verursachen, werden in Kambodscha gejagt, gegessen oder zum Verzehr verkauft. Zwei Monate im Jahr ist im Schwemmland des Tonlé Sap Sees Rattenjagd-Saison.

Jedes Jahr während der Regenzeit steigt das Wasser des Tonlé Sap Sees um viele Meter. Im September machen die Fischer daher immer weniger Fänge: Ihre Netze reichen nicht mehr bis auf den Grund. Deshalb weichen sie auf Ratten aus: Die Tiere leben bei Hochwasser auf den Bäumen und ernähren sich von Früchten. Hygienisch gelten sie deswegen als rein und können auch gegessen werden. Besonders armen Fischerfamilien sichert dies in der fischarmen Zeit ein zusätzliches Einkommen. 360° - GEO Reportage hat eine Familie beim Rattenfang und anschließendem Verkauf der Nagetiere an Restaurants und Krokodilfarmen begleitet.

Kambodscha, Ratte süß-sauer

Nur selten gelingt es, die Ratten direkt im Geäst zu erwischen. Einfacher ist es, mit mehreren Booten die Bäume zu umzingeln und die Tiere ins Wasser zu treiben, wo sie mit selbstgebauten Sechs-Zack-Speeren leichtere Beute sind.

Kambodscha, Ratte süß-sauer

Die Rattenfänger würzen das Fleisch mit viel Knoblauch, Zucker und Glutamat. Anschließend wird es gegrillt

Auf Rattenfang gehen die Fischer des Sees erst seit Ende der 1990er Jahre. Das Hochwasser, aber auch die Überfischung und der Verlust von Laichgebieten zwingen sie dazu. Dass die Tiere nun genießbar sind, verdanken die Fischer ebenfalls dem jährlichen Hochwasser: Während die Ratten den Rest des Jahres in Erdhöhlen leben, flüchten sie nun in die noch frei stehenden Baumkronen, um dort ihre Nester zu bauen. Statt Müll oder Unrat fressen sie vor allem Früchte und Blätter, weshalb ihr Fleisch nun als hygienisch unbedenklich gilt. Auch der 20jährige Sey Ha geht mit seinem Vater und den Nachbarn regelmäßig auf die Jagd. Mit dem Verkauf sichern sich die Familien während der fischlosen Zeit, wenn ihre Netze nicht mehr bis auf den Grund des Sees reichen, eine Einnahmequelle. Während Sey Ha’s Familie gezwungenermaßen zur Ratte greift, weil sie sich Huhn oder anderes Fleisch nicht leisten kann, gilt der Nager auf den Märkten oder in Restaurants als Spezialität. Dort ist Rattenfleisch teurer als Fisch. Sogar Städter kommen, um die Saisonware zu probieren. Wie in vielen Ländern Asiens erstarkt auch in Kambodscha die Mittelschicht. Schon einmal in der Geschichte des Landes standen Ratten auf dem Speiseplan vieler Menschen, als die Roten Khmer das Land terrorisierten und die Bevölkerung hungerte. Auch in Sey Ha’s Familie gab es Opfer – und Täter. Seine Mutter möchte sich diesem Trauma nun stellen und nach Siem Rep fahren. Die dortige Pagode befindet sich auf einem ehemaligen Killing field. Mönche haben hier mit der Aufarbeitung der Vergangenheit begonnen. Doch der Weg der Mutter muss erst einmal finanziert werden. Die Ratten sollen Sey Ha dabei helfen.

Wiederholungen:

Sonntag, den 7. Juni um 13.40 Uhr.

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