Das Kinderparlament von Rajasthan

Tagsüber hütet die dreizehnjährige Neraj Jath Ziegen in der dürren, ausgetrockneten Felslandschaft am Rand der Wüste Thar. Nach Sonnenuntergang besucht sie die Abendschule ihres kleines Dorfes. Und in ihrer knappen Freizeit ist sie Ministerin für Ackerbau und Viehzucht im Parlament der Kinder von Rajasthan

Der Bundesstaat Rajasthan im Nordwesten Indiens gehört zu den unwirtlichsten Regionen des Landes. Am Rand der Wüste Thar ist es trocken, die Menschen gelten als rückständig und arm. Und doch hat sich hier ein Projekt entwickelt, das in ganz Indien einmalig ist: Damit die Kinder die Bedeutung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erlernen, wurde das Parlament der Kinder gegründet. Die Idee entstand in den Abendschulen, die in den 1970er Jahren auf Initiative der nichtstaatlichen Organisation "Barefoot-College" - Barfuß-Schule - mit Unterstützung der UNESCO eröffnet wurden. Diese Schulen waren für Kinder gedacht, die tagsüber mit ihren Familien arbeiten mussten. Heute, nach über 25 Jahren, gibt es in der Region rund 150 Abendschulen mit über 3.000 Schülern.

Eine davon ist die dreizehnjährige Neraj Jath, die im Kinderparlament zur Landwirtschaftsministerin gewählt wurde. In ihrem Amt kümmert sie sich etwa um die Ausstattung der Schulen und die Wasserversorgung in den Dörfern. Ihre Eltern sind stolz auf die junge Politikerin, die ihnen mittlerweile nicht nur Kenntnisse im Lesen und Schreiben voraus hat, sondern auch unter den Erwachsenen im Dorf Respekt genießt. Gleichwohl muss Neraj zuhause ganz alltägliche Pflichten erledigen: Sie bäckt Chapati-Fladen, versorgt und melkt die Kühe und Ziegen und erledigt mit ihrer Mutter die Wäsche. Als Ministerin ist ihr Aufgabenbereich ungleich größer: Sie überwacht die Abendschulen, prüft, ob die Lehrer zuverlässig unterrichten, kümmert sich um defekte Schullampen und Wasserpumpen. Ihre Zuständigkeit geht über die Abendschulen hinaus.

Das derzeitige Hauptproblem der Menschen der Region und damit auch von Ministerin Neraj ist die lang anhaltende Dürre, die dazu geführt hat, dass die letzten Wasserreserven nicht gleichberechtigt unter den Familien und Kasten verteilt werden. So hat Neraj den Einfall, das traditionelle rajasthanische Puppentheater für ihre Ziele einzusetzen. Die Puppenspieler sollen Szenen aufführen, die den Dorfbewohnern zeigen, wie sie das kostbare Wasser sparen oder Zisternen bauen können. Davor jedoch muss sie den Ältestenrat des Dorfes überzeugen. Und das wird zur eigentlichen Herausforderung für Neraj. Denn in der traditionsverhafteten Gesellschaft Rajasthan zählt das Wort einer Frau wenig. Wird es da ein dreizehnjähriges Hirtenmädchen schaffen, die alten Männer für ihre Idee zu gewinnen?

"360° - GEO Reportage" zeigt das Leben einer ungewöhnlichen Parlamentarierin zwischen Ziegenstall und Politikbetrieb.

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