Der letzte Märchenwald

Der Böhmerwald lockt Touristen - und die Holzindustrie

Der Böhmerwald in Tschechien ist Wildnis mitten in Europa: Hier gibt es noch Urwälder, unberührte Hochmoore und sprudelnde Wildbäche. Im Nationalpark Sumava (auf deutsch Böhmerwald) wird die Natur sich selbst überlassen. Menschen dürfen dort weder jagen, noch Bäume roden oder anpflanzen. Doch das größte zusammenhängende Waldgebiet Europas, der letzte Märchenwald des Kontinents, ist gefährdet - nicht nur durch Menschen, die ihn als Freizeit- und Wirtschaftsraum nutzen wollen. Sondern vor allem durch Borkenkäfer: Seit Mitte der neunziger Jahre vernichten die Tiere unerbittlich riesige Flächen - 5000 Hektar sind bereits zerstört.

Für die Bevölkerung trägt die Nationalparkverwaltung die Schuld an der Borkenkäferplage. Denn die Idee, den Wald nicht wirtschaftlich zu nutzen, die Wildnis nicht zu ordnen, stößt in Tschechien auf großes Unverständnis. Sehr zum Kummer der Nationalparkverwaltung haben einige Kommunen bereits etliche tausend Hektar Wald, die während des Sozialismus enteignet wurden, zurückerhalten. Obwohl diese zum Teil im Kerngebiet des Nationalparks liegen, dürfen die neuen Besitzer dort wieder Bäume fällen, und auch Angeln, Jagen, Mountain-Biking und Klettern ist neuerdings erlaubt. Michael Valenta, Förster und Verfechter der Nationalparkidee, sieht den Böhmerwald in Gefahr. Wenn Teile des Parks touristisch genutzt werden, so befürchtet er, gerät die Eigendynamik des einzigartigen Biotops aus dem Lot, und sein einzigartiger Charakter wird zerstört.

Gegen die Käferplage würde Valenta am liebsten die Methoden seiner Kollegen aus dem angrenzenden Nationalpark Bayrischer Wald übernehmen: Sie überließen die befallenen Gebiete den Borkenkäfern. Große Flächen starben ab, und seitdem wächst ein junger Mischwald nach. Doch eine solche Strategie könnte den Böhmerwald im Bewusstsein der Tschechen noch weiter ins Abseits drängen. Deshalb gehen die Nationalparkwächter rigoros gegen die Schädlinge vor - bislang ohne großen Erfolg. Michal Valenta kämpft dennoch unermüdlich weiter für die Erhaltung des Böhmerwaldes als Nationalpark: "Wir brauchen die Wildnis, damit der Mensch die Schönheit der Natur begreift."

"360° - Die GEO-Reportage" führt die Zuschauer in den letzten Märchenwald Europas und lässt sie die grüne Wildnis hautnah erleben.

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