In acht Meilen um die Welt

In der acht Meilen langen New Yorker Roosevelt Avenue leben Menschen aus über 125 Nationen. Die Journalistin Elizabeth Mora-Mass recherchiert dort nach "Coyotes" - Schleppern für illegale Einwanderer

Die Roosevelt Avenue führt mitten durch das New Yorker Einwandererviertel Queens. Menschen aus etwa 160 verschiedenen Nationen leben hier offiziell - doch keine Behörde kann sagen, wie viele Nationalitäten wirklich versammelt sind. Kontinente prallen hier zusammen und stoßen voneinander ab, schrumpfen zu Miniaturstaaten in angrenzenden Straßenblöcken.

Vor den Backsteinfassaden mit Ladenschildern in unterschiedlichsten Sprachen stehen Garküchen, aus denen Dampfwolken von Chilihuhn-Tamales und Curry-Reis quellen. Mariachi-Melodien, indische Filmmusik, thailändische Schlager hallen zu einer wilden Kakophonie zusammen. Aus den ewig hupenden schwarzen Limousinen-Taxen "La mexicana" steigen in Saris oder Kimonos gehüllte Frauen und federgeschmückte amazonische Heiler. Und in kleinen Gärten der Sehnsucht wachsen Bohnenpflanzen, Korianderbüsche, Mais und Bananen. Die Roosevelt Avenue wird auch Korridor genannt: Vorhof der USA, Asphaltufer, auf das neue Emigrantenwellen schwappen - zuerst wegen der billigen Wohnungen und schnellen Subway zu den Jobs in Manhattan; später, weil der Magneteffekt ganze Gruppen von Freunden und Verwandten nachzieht.

Seit zwei Dekaden ist diese Straße der Spiegel lokaler Turbulenzen auf dem Globus: Guerillakampf in Kolumbien, Kollaps des Sowjetreichs, Verfall des Kaffeepreises, Ausbruch des Pinatubo auf den Philippinen - nach jeder Katastrophe kommen Geflohene im Korridor an und kapseln sich in dessen Nischen ein. Italiener, Griechen und Deutsche aus der ersten Einwanderungswelle haben das Viertel schon längst in Richtung Manhattan verlassen. Elizabeth Mora-Mass kam vor 17 Jahren aus Kolumbien hierher. Wegen eines brisanten Artikels über einen Drogenbaron war sie mit dem Tode bedroht worden und hatte innerhalb kürzester Zeit ihr Land verlassen müssen. Doch ihren Beruf hat sie nicht aufgegeben.

In schonungslosen Reportagen für die amerikanische und die kolumbianische Presse beschreibt sie heute das Leben der Einwanderer im Korridor und prangert Ungerechtigkeiten an. So stieß Elizabeth Mora-Mass etwa auf das Schicksal einer jungen Ecuadorianerin, die wie viele andere Einwanderer auf ihrer Suche nach dem amerikanischen Traum zum Opfer eines "Kojoten" wurde - eines Menschenschleppers, der sie mit falschen Versprechungen und für Tausende von Dollar illegal nach New York gebracht hat. Auf der Fährte des Kojoten durchquert die Journalistin die Welt der Roosevelt Avenue und stößt dabei auf immer neue Schicksale und Geschichten.

Zusammen mit der Journalistin Elizabeth Mora-Mass taucht "360° - Die GEO Reportage" in diesen Mikrokosmos ein und begleitet sie bei ihren Recherchen zwischen den Kulturen.

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Kulturelle Vielfalt prägt das Bild der Roosevelt Avenue