Das Dschungel-Orchester

Im bolivianischen Dorf Urubichá üben 200 junge Musiker für den großen Auftritt: Ihr Barockorchester fährt auf Konzertreise nach Peru

Urubichá, ein staubiges 4000-Seelen-Dorf im bolivianischen Südamazonien. Hier gibt es keine Autos, nur einfache Lehmhütten, giftige Schlangen, Esel, Schweine und Hühner, ein Telefon, drei Kramläden - und ein Barock-Orchester. Jedes vierte Kind im Dorf spielt ein Instrument oder singt im Chor.

Bis tief in die Nacht bereitet sich der 15-jährige Simon Aguape auf das wichtigste Konzert seines Lebens vor. Er spielt Geige im Dorforchester, beherrscht Bach und Vivaldi ebenso wie Barock-Partituren, die einst seine Vorfahren geschrieben haben. Ende des 17. Jahrhunderts hatten Jesuiten Noten und Instrumente nach Süd-Amazonien gebracht. Und tatsächlich ließen sich viele Ureinwohner mit Hilfe der Musik missionieren, denn nach ihrem traditionellen Glauben stellt sie die Verbindung ins Jenseits her. Sie bauten Instrumente, schrieben Messen und Opern, bis die Spanier 1767 die Jesuiten verjagten und viele Indianer versklavten. Durch das Orchester in Urubichá erlebt der südamerikanische Barock nun seine Renaissance. In Urubichá werden wieder Geigen und Cellos hergestellt. Aus der Dorfkirche, aus der Musikschule, aus den strohgedeckten Hütten Urubichás klingen von früh bis spät Streicher und Trompeten, Fagotte und Klarinetten, Harfen und Posaunen.

02e6d7ccfefe5c635455fe32c71d2c6d

In dem 4000-Seelen-Dorf Urubichá im Dschungel Boliviens spielt jedes vierte Kind ein klassisches Instrument

Simon lebt mit seinen beiden Brüdern, einer Schwester und den Eltern in einer strohgedeckten Lehmhütte ohne Strom und Wasser. Mühsam ernähren sie sich von einem kleinen Stück Land, ihre Mutter verkauft Webarbeiten. Auch Simons Brüder sind begnadete Musiker, beide Cellisten. Der 18-jährige Dionisio hat auf Einladung der bolivianischen Kirche dem Papst ein Geburtstagsständchen gespielt. Der 22-jährige Juan-Carlos hat vor dem spanischen König musiziert. Nun wird Simon auf einer Tournee durch Peru die erste Geige spielen. Für viele der jugendlichen Musiker ist diese Tournee die erste Auslandsreise ihres Lebens. Spontan verwandeln sie unterwegs Flughäfen und Eisenbahnzüge in Konzertsäle, bis Simon in der alten Inka-Hauptstadt Cuzco in einer prächtigen Barockkirche sein großes Solo gibt.

Das Orchester von Urubichá freut sich über Sachspenden. Informationen erhalten Sie bei GEO-Redakteurin Ines Possemeyer: possemeyer.ines@geo.de