Lead Awards Fotografin Andrea Grützner im Video-Porträt

Eine junge Fotografin, ein alter Dorfgasthof - und eine äußerst ungewöhnliche Bild-Idee: Was bei dieser tollen Kombination herauskommt, präsentiert Fotografin Andrea Grützner im Video ganz persönlich

Polenz ist ein Dorf am östlichen Rand der Sächsischen Schweiz, und es gibt dort noch immer einen Gasthof, der „Zum Erbgericht“ heißt. Die Erbgerichte der Region haben eine Vergangenheit, die im Mittelalter beginnt, als einzelnen Dorfvorstehern die Gerichtsbarkeit zugestanden wurde; und wer das Erbrichteramt bekam, erhielt dazu häufig auch Ausschank-, Schlacht- und Braurechte. Aus der Tradition des ehemali- gen Polenzer Erbgerichts entstand 1898 jenes mächtige Gebäude, nun in fünfter Generation in Familienbesitz, das auch eine Rolle im Leben der Andrea Grützner spielt. Denn sie hat es aus Kindertagen in Erinnerung, es hat sie nie losgelassen, es zieht sie seit Jahren immer wieder dorthin. Sie sucht die Geschichte dieses Hauses, sie spürt den Ereignissen in ihm nach, den Tanztees, den Festen, den Bällen, den Landkinovorführungen. Dem Pferd, das Eisschollen aus dem Dorfteich zum Keller des Gasthofs zog. Der Frau, die flüssiges Wachs mit einem Gänseflügel auf dem Parkett des Festsaals verstrich. Dem Sportunterricht, der dort stattfand. Der Schalmeienkapelle, die dort aufspielte. Den Todesnachrichten aus den Kriegen, die unter diesem Dach verarbeitet wurden.

Andrea Grützner: "Bann bedeutet Magie"

Andrea Grützner hätte also eine Chronik schreiben können vom Gasthof „Zum Erbgericht“ im Dörfchen Polenz an einem Deutschlandrand, wo ein Teil ihrer Verwandtschaft bis heute lebt. Eine Chronik in Worten. Und in Bildern. Sie hätte Schwarz-Weiß-Fotos reproduzieren können von Löschmannschaften, Fleischergesellen, streng blickenden Männern mit Feuerwehrhelmen, Frauen mit großen Schürzen – und hätte in Fortsetzung das Haus in seiner Gegenwart abbilden können, die Blumenkästen, den alten Giebel, die Kegelbahn, die Hirschgeweihe und Wildschweinfelle an der Wand, den Billardraum, das Frühstücksbuffet. Aber die junge Fotografin hat etwas anderes gemacht: Das Labyrinth der Erinnerungen, der eigenen und fremden, an all die Winkel und Treppen, an die Durchgänge und verblassenden Muster, an Bühnen und Schwellen, an Bilder und Trugbilder löst sie auf. Realer Ort? Abstraktion? Die funktionale Realität der Räume in diesem alten Gemäuer habe sie nicht vorrangig interessiert, sagt Andrea Grützner. Sie habe Metaphern gesucht für ihr Gefühl, in einer Mischung aus Fasziniertsein und Entfremdung durch dieses Haus zu wandeln. Und sie habe mit Schatten gearbeitet, vor allem mit von farbigen Blitzen geschaffenen Schatten, weil Schatten gut zu Erinnerungen passen – weil sie verdoppeln, irritieren, dekonstruieren. Wie zeigt man, was einen in den Bann schlägt, ohne dies genau beschreiben zu können? Die Fotografin sagt: „Bann bedeutet Magie, Verzauberung, Un-Wissen, Un-Sicherheit.“ Und Geheimnis, Versteck. Illusion.

Silber bei den Lead Awards 2015

Der GEO-Beitrag "Farben der Erinnerung" wurde bei den Lead Awards 2015 mit Silber in der Kategorie "Architektur- und Still-Life-Fotografie des Jahres" ausgezeichnet. Hier können Sie den im Original-Layout herunterladen