#51  
Alt 05.05.2010, 20:44
Benutzerbild von Waage
Waage Waage ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 20.02.2006
Ort: Sachsen
Beiträge: 1.995
Der Mensch hat sich die Ethik für seinen Kulturkreisen selber geschaffen. Wobei diese sehr unterschiedlich sein können.
__________________
Seit ich die Menschen kenne liebe ich die Tiere.
Mit Zitat antworten
  #52  
Alt 23.05.2010, 07:32
Benutzerbild von Waage
Waage Waage ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 20.02.2006
Ort: Sachsen
Beiträge: 1.995
Der Forscherdrang kann auch zu einem großen Problem für die sich auf natürliche Weise entwickelten Lebensarten auf der Erde werden.
[url]http://www.welt.de/die-welt/kultur/literatur/article7750885/WIR-SIND-GOTT.html

Forscher Craig Venter erschafft künstliches Leben
WIR SIND GOTT!
Von Alan Posener 23. Mai 2010, 04:00 Uhr

Es ist eine Jahrtausendsensation.



Craig Venter versucht seit Jahren die Biologie auszutricksen, um künstliches Leben zu schaffen. Nun ist ihm eine erster Durchbruch gelungen...

Am Anfang war die Information. Und die Information war bei Craig Venter. Und die Information wurde Fleisch und hieß DNA. Und Venter nahm eine tote Zelle und blies DNA in die Zelle, und siehe da, die Zelle lebte und ward fruchtbar und mehrte sich. Denn Venter hatte gesagt: "Es werde Leben!" Und es ward Leben. Künstliches Leben: JCVI-syn1.0.

Am 20. Mai gab der Entzifferer des menschlichen Genoms, Craig Venter, bekannt, dass es seinem Team gelungen war, ein künstliches Genom im Labor zu bauen und in eine bakterielle Zelle zu implantieren, aus der man zuvor die eigene DNA - die Erbinformation - entnommen hatte. Daraufhin begann die Zelle, Kopien nach den Anweisungen der implantierten Fremd-DNA herzustellen: künstliche Wesen, scherzhaft "Mycoplasma laboratorium" genannt. Was bisher Gott oder den Göttern vorbehalten war, das machen nun Menschen.


"Die Fähigkeit, neue Lebensformen zu entwerfen und herzustellen, markiert einen Wendepunkt in der Geschichte unserer Spezies und unseres Planeten", meint der englisch-amerikanische Physiker und Mathematiker Freeman Dyson. Er übertreibt nicht. Denn wie sein Sohn, der Wissenschaftshistoriker George Dyson, erklärt: "Ein Code, der in einem digitalen Computer generiert wurde, repliziert sich nun selbst als Genom einer Linie lebendiger Zellen." Sprich: Am Anfang war die Information. Und die Information wurde Fleisch und lebt. In der Petrischale. Noch. Bald auch in einem Mikroorganismus in Ihrer Nachbarschaft.

1976 veröffentlichte Richard Dawkins seine radikale Neuinterpretation des Darwinismus: "Das egoistische Gen" sah alle Lebewesen, den Menschen eingeschlossen, als bloße Hüllen für die Replikatoren, die sich selbst replizierenden Gene, die uns nur als Brücken in die nächste Generation benutzen. Indem Craig Venter einen Replikator - einen DNA-Strang - geschaffen hat, der eine tote Hülle wieder zum Leben erweckt und zur Fortpflanzung zwingt, hat er Dawkins' Theorie praktisch bestätigt. Das Merkwürdige ist, dass aus diesem blinden Treiben der egoistischen Replikatoren ein Wesen entstand, das diesen Mechanismus nun für seine eigenen Zwecke in Bewegung setzt.

Die Implikationen sind gewaltig. Sie reichen vom Spielerischen bis zum Schrecklichen. Zum Spielerischen gehört das "Jurassic-Park"-Szenario. Mithilfe der Informationen über die DNA ausgestorbener Arten wie Dinosaurier oder Neandertaler könnte man deren Erbmaterial künstlich nachbauen und diese Wesen neu erschaffen. Zwar dürfte es ein Problem geben, ein heutiges Tier zu finden, in dessen Eier man ein Dinausaurier-Genom einfügen könnte. Sehr viel leichter dürfte es sein, etwa ein Mammut-Genom in ein entkerntes Elefanten-Ei einzufügen, das so entstandene Mammut-Ei zur Zellteilung zu animieren und es zum Austragen - so Venter - "in eine Elefantenkuh zu importieren". Noch leichter wäre es, einen Neandertaler zu züchten. Doch spätestens bei dieser Frankenstein-Fantasie berührt sich das Spielerische mit dem Schrecklichen.

Zum Schrecklichen gehört jene Vision, die der Computeringenieur Bill Joy im April 2000 in seinem Essay "Warum uns die Zukunft nicht braucht" skizzierte: Terroristen oder unvorsichtige Wissenschaftler könnten einen Mikroorganismus in die Welt setzen, der als "Weiße Pest" alle Abwehrmechanismen unterwandert, die der Mensch in Jahrmillionen entwickelt hat und die Menschheit so sicher auslöscht wie die von Europäern nach Südamerika eingeführte Pest die wehrlosen Ureinwohner.

Zwischen dem Spielerischen und dem Schrecklichen liegt das Reich der Wunder, und auch die hat Bill Joy geschildert: die Schaffung Zehntausender neuer Spezies - Bakterien, Pflanzen, Tiere. Die Revolutionierung der Landwirtschaft durch neue Pflanzen, die gegen Krankheiten immun sind und unter Wüstenbedingungen reiche Ernte tragen; die Revolutionierung der Medizin durch neu erschaffene Bakterien, die Arteriosklerose beseitigen oder Krebszellen angreifen; die Revolutionierung des Klimaschutzes durch Algen, die überschüssiges C02 durch Fotosynthese in Öl verwandeln, und des Umweltschutzes durch Wesen, die etwa ausgetretenes Öl fressen und in Biomasse konvertieren. Alles ist möglich.

Alles. Auch die Vision Eric Drexlers, der 1986 in seinem Buch "Engines of Creation" warnte: "Künstliche Pflanzen mit 'Blättern', die nicht effizienter sein müssten als unsere heutigen Solarzellen, könnten echte Pflanzen verdrängen und die Biosphäre mit ungenießbarer Biomasse vollstopfen. Kräftige Allesfresser-Bakterien könnten echte Bakterien verdrängen, sich wie Flugpollen verbreiten, sich rasch vermehren und in wenigen Tagen die Biosphäre in Staub verwandeln. Gefährliche Replikatoren könnten so kräftig, so klein und so vermehrungsfreudig sein, dass sie nicht aufzuhalten wären - jedenfalls wenn wir keine Vorkehrungen treffen. Es fällt uns ja schwer genug, Fruchtfliegen und Viren unter Kontrolle zu halten."

Das war 1986 Science-Fiction, wie "Jurassic Park" 1993 und noch "I Am Legend" 2007: In dem Film mutiert ein genetisch modifiziertes Anti-Krebs-Virus und tötet in kürzester Zeit fast die gesamte Menschheit. Jetzt wird aus Science-Fiction Technikfolgenabschätzung.

Im Garten Eden gab es nur eine Schlange, die zum Naschen von der verbotenen Frucht verführte. Im neuen Paradies hängt an jedem Baum eine verbotene Frucht, zischelt es überall: "Nein, ihr werdet nicht sterben. Ihr werdet sein wie Gott." Und das werden wir wohl auch, ob es uns passt oder nicht.

Die alte jüdische Legende hält hier eine Lehre bereit, wenn auch eine andere als jene, die meistens daraus gezogen wird: Mit Verboten und Kontrolle war schon damals der Neugier und der Verlockung nicht beizukommen.

Eher sollte man auf die Offenheit setzen - darauf, dass der menschliche Erfindungsgeist noch für jedes Gift ein Gegengift, auf jedes Computervirus einen Virusschutz gefunden hat. Bald wird jeder Biologiestudent seine eigene Bakterie entwerfen und mit DNA vom Online-Shop bauen können. Kontrolle ist unmöglich, Vertrauen ist besser. Gegen die Bosheit und Dummheit der wenigen hilft wohl nur die Weisheit der vielen.

Im Garten Eden gab es zwei Bäume mit verbotenen Früchten. Nachdem sie vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen hatten, wurden Adam und Eva aus dem Paradies gejagt, bevor sie vom Baum des ewigen Lebens essen und vollends wie Gott werden konnten. Es sieht fast so aus, als hätten die beiden gerade den Weg dorthin zurückgefunden.[/url]
Cheetah hatte geschrieben, daß viele hochentwickelte Völker zu Grunde gingen.
Da kann ich ihr nur zustimmen. Auch die Forschung und der Wachstumszwang in dieser Gesellschaft kann nicht nur einige Völker untergehen lassen, sondern das ganze entstandene Leben auf unserer Erde.
__________________
Seit ich die Menschen kenne liebe ich die Tiere.

Geändert von Waage (23.05.2010 um 07:36 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #53  
Alt 28.05.2010, 05:50
Benutzerbild von Beo
Beo Beo ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 25.03.2006
Ort: zuhause
Beiträge: 4.585
Eigentlich hätte Monsanto ein eigenes Thema verdient...

[url]http://www.themen-der-zeit.de/content/Monsanto.1257.0.html[/url]

aber wer weiß, vielleicht überlebt es ja so länger:


Zitat:
Der amerikanische Albtraum

26.05.2010


Monsanto und die Gentechnik
von Johannes Wirz
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Wochenschrift
"Das Goetheanum" Ausgabe 19/2010. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Die französische Journalistin und Dokumentarfilmerin Marie-Monique Robin schildert in ihrem Buch ‹Mit Gift und Genen›, das bis heute in 16 Sprachen übersetzt ist, ihre detaillierte Recherche über Monsanto, den größten Saatgutkonzern der Welt. Sie hat eine Unmenge öffentlich zugänglicher Dokumente und Informationen studiert und viele Interviews geführt, die dokumentieren, durch welche perfiden Machenschaften die Gentechnik in der Landwirtschaft weltweit etabliert werden soll.
Auf seiner Homepage verspricht Monsanto die Verdoppelung der Erträge vom Stand 2000 bei Mais, Soja, Baumwolle und Raps bis 2030 und Ertragssteigerungen bei Weizen und Reis. Dabei sollen die Kulturen ein Drittel weniger Ressourcen verbrauchen, Bodenerosion und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln vermindern. Damit werde die Qualität des Trinkwassers gesteigert und das Leben der Bäuerinnen und Bauern in den Entwicklungsländern verbessert. «Das ist nachhaltige Landwirtschaft – und darum geht es beim Saatgut von Monsanto», so endet der Konzern seine Missionsbeschreibung. Gentechnik soll ins goldene Zeitalter führen!
Neben dem PC, auf dem ich mich durch die Homepage von Monsanto klicke, liegt das Buch von Marie-Monique Robin. Die darin dokumentierten Gespräche mit Bauern, Bürgern, Leidtragenden der ‹Pflanzenschutzmittel› des Konzerns, Vertretern von Behörden, Monsanto und NGOs vermitteln einen ungeschminkten Einblick in die unglaubliche Geschichte eines Konzerns, der sich anschickt, die Welt zu beherrschen.



Gier nach Weltherrschaft

Normalerweise bin ich ein Schnellleser, doch hier musste ich kapitulieren – zu unglaublich und erschreckend zugleich liest sich die Geschichte über den Einzug der Gentechnik in die Landwirtschaft. Die Autorin hat in vier Jahren akribischer Detektivarbeit das Bild eines monströsen antisozialen Organismus aufgedeckt, das bedrohlicher nicht sein könnte. Für den ökonomischen Erfolg und letztendlich zur Befriedigung seiner Gier nach Weltherrschaft sind dem Konzern alle politischen und wissenschaftlichen Mittel recht: Er treibt Landwirte in totale Abhängigkeit oder gar in den Ruin, trickst Konsumentinnen und Konsumenten aus, diskreditiert kritische Forschungsergebnisse und manipuliert eigene zu seinen Gunsten. Seit 14 Jahren werden in den USA großflächig gentechnisch veränderte (GV-)Kulturpflanzen angebaut – Mais, Soja, Raps und Baumwolle.
Ungeachtet der Behauptungen und Versprechen von Monsanto, mit weniger Arbeits und Maschineneinsatz höhere Erträge zu ermöglichen, nimmt das bäuerliche Einkommen wie in allen industrialisierten Ländern ab. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Preise für Saatgut und Pflanzenschutzmittel sind enorm gestiegen, die Erträge jedoch nicht gewachsen. Außerdem ist der Export nach Europa und Asien zum Teil sogar vollständig zusammengebrochen. Nur dank massiver Erhöhung der staatlichen Subventionen können die amerikanischen Farmer heute noch überleben.


Ökonomische Katastrophe

Es sind jedoch nicht nur die amerikanischen Bauern, die Monsanto mit falschen Versprechen zum Anbau von GVKulturen verführt hat. Eindrücklich zeigt die Autorin, wie mit staatlicher Unterstützung oder illegalem Anbau in Argentinien, Brasilien und Paraguay die traditionelle Landwirtschaft weitgehend zerstört wurde und riesige Monokulturen von Soja die einheimische Bevölkerung in Armut und Hunger treiben – Soja, das in den USA und in Europa für die Fütterung von Milch- und Schlachtvieh verwendet wird. Landflucht, Vergiftung der Landbevölkerung und Missbildungen bei Kindern durch RoundUp – für dieses Herbizid sind die GV-Pflanzen tolerant – sind weitere schreckliche Folgen. In anderen Ländern, allen voran in Indien, werden einheimische Saatguthersteller vom Konzern aufgekauft und die nicht manipulierten Baumwollsorten vollständig durch GV-Varietäten ersetzt.
Den Bauern bleibt keine andere Wahl, als Monsanto-Samen und das dazu passende Herbizid RoundUp zu kaufen. Hohe Produktionspreise und häufige Ernteausfälle führen zu einer hoffnungslosen Überschuldung, der sich viele Landwirte mit Selbsttötung entziehen – nicht selten, indem sie das Monsanto-Herbizid trinken. In Regionen, in denen die Bauern biologisch oder biologisch-dynamisch wirtschaften, sind solche Verzweiflungstaten nicht bekannt. Sie fallen nicht in die Verschuldungsfalle, weil das Saatgut weniger kostet oder zum Teil sogar selbst hergestellt werden kann. Ernteausfälle sind weniger dramatisch und können, falls sie eintreten, durch den Verkauf anderer Produkte abgemildert werden. Darüber hinaus können Produktionsgenossenschaften wie im Projekt bioRe, welches die Bio-Baumwolle für Coop Schweiz herstellt, in Notsituationen mit zinsfreien Darlehen rasch und fair helfen.



Behörden im Dienste von Monsanto

Der rasche und in der Öffentlichkeit kaum bemerkte Aufstieg der Gentechnologie in der amerikanischen Landwirtschaft wurde durch massive politische Einflussnahme des Saatgutkonzerns möglich. Anhand detaillierter Recherchen im Internet, von Interviews mit Verantwortlichen in der Behörde und ehemaligen Monsanto-Mitarbeitern zeichnet Marie-Monique Robin die Beeinflussung, ja Manipulation des Landwirtschaftsministeriums (USDA) ebenso wie der Gesundheitsbehörde (FDA) nach. Ein Filz von Beamten und Managern stellte sowohl bei dem gentechnisch hergestellten Wachstumshormon BST, das die Milchleistung bei Kühen steigert, als auch bei den GVKulturen sicher, dass Zulassung und kommerzielle Verwendung zügig vorangetrieben werden konnten. Dafür wurde das Zauberwort der «substanziellen Äquivalenz» kreiert, ein juristisches, nicht wissenschaftliches Konzept (!), das definiert, dass Lebensmittel aus GV-Produktion dieselbe oder eine vergleichbare Zusammensetzung haben wie diejenigen, die ohne Gentechnik hergestellt worden sind.
In der Folge durften Milch von gedopten Kühen ebenso wie Produkte aus GV-Anbau ohne Kennzeichnung verkauft werden – eine krasse Verletzung der Wahlfreiheit! Selbst Ergebnisse, welche zeigten, dass die Milch von BST-Kühen Krebserkrankungen beim Menschen beschleunigen kann und Versuche mit Mäusen und Ratten, in denen die Fütterung von GV-Mais zu Organschädigungen und Veränderungen im Blutbild führten, haben bis heute keine Änderung der Praxis bewirkt. Die gesundheitliche Beeinträchtigung der amerikanischen Bevölkerung wird in Kauf genommen!
__________________
Glaub nur zu wissen und wisse, dass Du glaubst.
Mit Zitat antworten
  #54  
Alt 28.05.2010, 05:54
Benutzerbild von Beo
Beo Beo ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 25.03.2006
Ort: zuhause
Beiträge: 4.585
Fortsetzung der Kriminalgeschichte Monsanto:

[url]http://www.themen-der-zeit.de/content/Monsanto.1257.0.html[/url]
Zitat:
Der Sieg über die Verbraucher ist nicht genug. Seit vielen Jahren wendet Monsanto mehrere Millionen Dollar auf und sitzt Tausenden von Bauern im Nacken, die der Konzern verdächtigt, sein Saatgut ohne Bezahlung von Patentgebühren anzubauen. Dabei hat sich in vielen Fällen gezeigt, dass Monsanto- Pflanzen auch auf Feldern von Bauern wachsen, die nie Saatgut von der Firma bezogen hatten. Die Gründe dafür sind vielfältig: Pollen- oder Samenverfrachtung verunreinigen die GV-freien Kulturen, Kontamination des Saatguts geschieht während des Transports oder beim Abpacken für den Verkauf. Nur in seltenen Fällen wehren sich die Farmer gegen solche Anklagen. Percy Schmeiser, der Rapsbauer aus Kanada, ist mit seinem Kampf gegen die Machenschaften von Monsanto weltweit zur Galionsfigur geworden und hat für seinen Widerstand den Alternativen Nobelpreis 2007 erhalten.
Robin erfährt in ihren Interviews, dass viele Farmer vor langwierigen und demütigenden Gerichtsverfahren zurückschrecken, sich mit Monsanto außergerichtlich ‹einigen› und hohen Schadenersatz bezahlen. Der Aufruf des Konzerns in Lokalradios, verdächtige Nachbarn zu melden, erinnert an die ‹Hexenjagd› von Arthur Miller – und hat an vielen Orten die ländliche Sozialstruktur zerstört. Ungeachtet der Tatsache, dass Michelle Obama im Garten des Weißen Hauses biologisch gärtnert, hat der amerikanische Präsident Barack Obama wichtige Positionen im neu geschaffenen National Institute of Food and Agriculture (NIFA) und im Büro der US-Handelsvertretung für Landwirtschaft mit ehemaligen Managern von Monsanto und CropLife America besetzt. In Sachen GVO darf also von der neuen Regierung auch in Zukunft keine Richtungsänderung erwartet werden.


Das wissenschaftliche Schlachtfeld
Immer wieder hat Marie-Monique Robin auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interviewt, die bei ihren Recherchen auf ungeahnte Risiken und Probleme von GV-Pflanzen gestoßen sind. Im Normalfall werden solche Ergebnisse von Herstellern offen entgegengenommen, weil sie Herstellungsprozess und Produkt verbessern helfen. Anders ist es im Falle der GVO. Mit erstaunlicher Brutalität werden dabei von Befürwortern der Biotechnologie nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Wissenschaftler selbst diffamiert. Auch große Wissenschaftsorganisationen schlossen sich beinahe bedingungslos der Kritik an – und gefährdeten oder zerstörten damit Karriere und Existenz der Betroffenen.
Der erste Fall betraf Arpad Pusztai, einen renommierten Physiologen in Großbritannien. Er fütterte Ratten mit GV-Kartoffeln und beobachtete eine Reihe von unerwarteten Organschädigungen. Nachdem der Direktor des Instituts Philipp James zunächst die Qualität seiner Arbeit lobte und dem Wissenschaftler sogar zu seinem Auftritt im Fernsehen gratulierte, ließ er wenig später auf Druck der englischen Wissenschaftsgesellschaft Royal Society, der britischen Regierung und der US-Regierung Pusztais Labor versiegeln und verhängte ein absolutes Redeverbot. Für seine Kritiker gab es keine Schweigepflicht und sie nutzten die Gelegenheit, die Bedeutung der Fütterungsversuche herunterzuspielen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit des Forschers zu ruinieren.
Von der Polizei beobachtet, gab Ignacio Chapela in San Francisco der Autorin ein Interview über seinen ‹Fall›. Er hatte zusammen mit seinem Mitarbeiter in Mexiko, dem Ursprungsland von Mais, entdeckt, dass alte, einheimische Landsorten mit Genkonstrukten aus GV-Pflanzen kontaminiert waren. Nach der Publikation der Ergebnisse in ‹Nature› erhob sich ein Sturm der Kritik und Empörung unter Wissenschaftlern, die den großen Saatgutkonzernen nahestanden. In einem Kniefallakt zogen die Herausgeber der Fachzeitschrift die Publikation zurück. Im Internet wurde Chapela von ‹Fachleuten› verleumdet. Sie wurden später als Mitarbeiter einer PRFirma, die für Monsanto arbeitete, entlarvt. Geradezu eine Groteske war die Reaktion der Zeitschrift ‹Nature›, als ein paar Jahre später Wissenschaftler aus einem Institut der mexikanischen Regierung die Ergebnisse von Chapela bestätigten. Die Herausgeber lehnten eine Publikation mit der Begründung ab, die Ergebnisse seien bereits bekannt. Obwohl Chapela vor einem Gericht erfolgreich gegen seine Entlassung an der Universität von Berkeley in Kalifornien gekämpft hatte, ist er wissenschaftlich ruiniert. Er hat keine Chance, für seine Projekte Drittmittel zu bekommen, und musste deshalb seine Forschungsarbeit weitgehend einstellen.
Noch schlimmer traf es Manuela Malatesta in Italien. Die Wissenschaftlerin hatte festgestellt, dass bei Fütterungsversuchen mit Mäusen die Gruppe, welche GV-Soja erhielt, Veränderungen der Zellen verschiedener Organe zeigte. Nach der Publikation der Ergebnisse wurde nicht nur die Finanzierung weiterer Untersuchungen gestoppt, sondern Malatesta musste die Universität verlassen. Auf die Frage, weshalb es so weit kam, antwortete sie: «Man will keine Antworten auf peinliche Fragen. Das ist die Folge dieser diffusen Angst vor Monsanto und den GVOs allgemein.»


Das Erwachen
Umgangssprachlich wird die gentechnische Veränderung von Pflanzen auch als Gen-Manipulation bezeichnet. Manipulation ist das Programm von Monsanto im umfassenden Sinne: im Wirtschaftsleben, im Rechtsleben und im Geistesleben. Nach der Lektüre des Buches von Marie-Monique Robin ist klar, dass wir in der gesellschaftlichen Diskussion über die Frage und Bedeutung der Gentechnik in der Landwirtschaft den naiven Standpunkt verlassen müssen. Wir wissen jetzt, dass GV-Anbau Hunger und Armut schafft, die traditionelle Landwirtschaft zerstört und die Umwelt vergiftet, elementare Grundrechte verletzt und den Auftrag der Wissenschaft nach unvoreingenommener Wahrheitssuche ad absurdum führt. Hier leistet das Buch restlose Aufklärung.
Der nächste Schritt, der den Pflanzen und ihrer Umwelt, Bauern und Konsumenten sowie der Souveränität der Länder Gerechtigkeit widerfahren lässt und eine nachhaltige Ökonomie fördert, muss erst getan werden. Er wird nur mit Respekt, Gewaltlosigkeit und Solidarität gelingen. Nach diesem letzten Satz schweife ich in Gedanken zu Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Sie haben mit ihren Volksbewegungen unter dem Stern dieser drei Begriffe die Welt verändert – den ‹Waffen› jeder freien, aktiven und verantwortungsbewussten Persönlichkeit.

Marie-Monique Robin
Mit Gift und Genen. Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert. aus dem Französischen von Dagmar Mallett
DVA München 2009, 464 Seiten
€ 19.95/Fr. 34.90
Johannes Wirz, geboren 1955, ist Molekularbiologe und Mitarbeiter am Forschungsinstitut der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum mit Schwerpunkt Bio- und Gentechnologie, Genetik und Ökologie.
__________________
Glaub nur zu wissen und wisse, dass Du glaubst.
Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen

Themen-Optionen
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.

Gehe zu