#271  
Alt 25.03.2011, 11:25
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Hallo Who!?!
Schön mal wieder einen schreibenden User hier zu begegnen. Lass Dich inspirieren, gibt sicher noch viel zu sagen:
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  #272  
Alt 25.03.2011, 14:50
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Und heute ist "Equal-Pay" Tag. Also gleiches Geld für gleiche Arbeit. Sollte für alle gelten - nicht nur für Frauen und Männer, sondern für Festangestellte und Leiharbeiter - Aus-und Inländer usw...
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Erfahrung ist etwas, das man nicht hat, bis kurz nachdem man es gebraucht hätte. (Unbekannter Verfasser)
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  #273  
Alt 30.12.2011, 10:23
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Patriarchat und religiöser Fundamentalismus

Zitat:
Ultraorthodoxe Juden in Israel

Naama und die Radikalen

Die kleine Naama war auf dem Schulweg, als ultraorthodoxe Juden sie eine Hure nannten und bespuckten. An dem Fall entzündet sich nun in Israel ein Streit über die religiösen Extremisten. Von Manuela Pfohl (stern.de 29. Dezember 2011)

Auch Ina Zeligman protestiert. Gegen die Ultraorthodoxen, gegen ihre zunehmende Radikalität, gegen eine extrem-religiöse Gesellschaft. 1991 ist die Jüdin aus der Ukraine nach Israel eingewandert, weil sie dem wachsenden Antisemitismus in der Heimat entgehen wollte. Und nun werden Frauen und Mädchen in ihrer Nachbarschaft bedroht, weil Männer ihnen das Recht absprechen, ihre Wege zu kreuzen. "Es ist unerträglich, mit ansehen zu müssen, wie Frauen in einem Land, wie diesem verfolgt werden", sagte sie einem Reporter der israelischen Tageszeitung "Haaretz". Und deshalb ist die 75-Jährige auf die Straße gegangen und hat mit selbstgemalten Schildern in dieser Woche gegen die Radikalen demonstriert.

Mehr als 10.000 Demonstranten waren in die westlich von Jerusalem gelegene Stadt gekommen, um ihrem Ärger über den wachsenden Einfluss extremistischer ultraorthodoxer Juden in der Gesellschaft Luft zu machen - und um ihr Mitgefühl für eine Achtjährige mit blondem Pferdeschwanz, blauen Augen und einer viel zu großen altmodischen Brille zu zeigen. Denn Naama Morgolese, Tochter jüdischer Einwanderer aus Chicago ist der Auslöser für eine der bemerkenswertesten Auseinandersetzung innerhalb der israelischen Gesellschaft.

Im ganzen Land kennt man Naama Morgolese, seit auf "Channel 2" ein Bericht über sie und ihre Mutter lief. In dem Beitrag erzählt das Mädchen mit ängstlicher Stimme, dass sie regelmäßig Bauchweh bekomme, wenn sie zur Schule müsse. Der Grund: Auf dem Weg in ihre moderne orthodoxe Mädchenschule wird sie, wie die anderen Kinder auch, seit einigen Monaten von einer Gruppe ultraorthodoxer jüdischer Extremisten bedroht, bespuckt und beschimpft. Die religiösen Hardliner fühlen sich durch den Anblick der Mädchen belästigt und fordern die Schließung der Schule Orat Barnot, weil die Mädchen, wie ihre Mütter auch, im öffentlichen Raum nichts zu suchen hätten. Eier flogen gegen die Kinder, faule Tomaten und sogar eine Stinkbombe hatten die Extremisten im Herbst in ein Klassenzimmer geworfen. Sie sei eine Hure, riefen die Männer erst kürzlich wieder, als sie mit langen Bärten, schwarzen Hüten und in langen schwarzen Mänteln auf der Straße standen und versuchten, die Zweitklässlerin mit ihrer Mutter am Weitergehen zu hindern.

Als Naama im Fernsehbeitrag zu weinen beginnt, zündet der Funke der Solidarität. Andere Medien greifen den Fall auf. Die führende Tageszeitung "Yediot Ahronot" fragt am Sonntag auf ihrer Titelseite: "Wer hat Angst vor einer achtjährigen Schülerin". Journalisten kommen in die rund 100.000 Einwohner zählende Stadt, um zu recherchieren. Am Montag wird ein Kamerateam angegriffen, fast 200 Extremisten randalieren, um ihr "Hoheitsgebiet" zu verteidigen, die Polizei muss mit Elektroschockern eingreifen und wird von den Extremisten als "Nazis" beschimpft. Es gibt einige Verhaftungen. Binnen Stunden erhalten die Eltern der Schülerinnen auf ihrer Facebookseite "Wir sind alle Orot Banot" unzählige Postings, in denen ihnen Beistand zugesichert wird. Eine Demo für den kommenden Tag wird geplant - doch niemand ahnt, dass am Ende wirklich so viele Menschen kommen werden und Oppositionsführerin Zipi Livni von der Kadima-Partei öffentlich erklärt, es ginge nicht allein um Beit Shemesh, sondern darum, dass die moderate zionistische Mehrheit des Landes entscheiden müsse, welches Bild von Israel der Welt gezeigt würde.

Quelle: http://www.stern.de/politik/ausland/ultraorthodoxe-juden-in-israel-naama-und-die-radikalen-1767597.html
Hätte man im Fernsehen nicht gezeigt, wie die kleine Naama zu weinen anfing, hätte es wohl auch nicht solche Proteste gegen die Ultraorthodoxen in Israel gegeben!?
Zitat:
Israel

Kulturkampf der Ultrafrommen

Von Lena Greiner und Gil Yaron, Hamburg und Jerusalem (Spiegel-Online 29.12.2011)

Militante Ultrareligiöse fordern Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit. Doch Tausende Israelis wehren sich gegen deren wachsenden Einfluss und die zunehmende Diskriminierung von Frauen. Es geht um mehr als Gleichberechtigung - sie kämpfen um den Charakter ihres Staates.


Beit Schemesch: Ein Ultraorthodoxer (links) im Streit mit einem säkularen Israeli

Es war nicht das erste Mal, dass Doron Matalon auf dem Weg nach Hause beschimpft wurde. Weil sie sich nicht an das ungeschriebene Gesetz der ultraorthodoxen Juden halten will, wonach Frauen im Bus hinten sitzen müssen. Oder andere Bürgersteige als Männer benutzen sollen.

Doch dieses Mal reichte es der jungen israelischen Soldatin. Sie war in der Nähe ihres Militärstützpunktes in den Linienbus gestiegen und schon fast an ihrem Ziel, als ein 45-Jähriger Mann sie anpöbelte, sie solle in den hinteren Busteil gehen. Matalon weigerte sich, wie sie in der Zeitung "Haaretz" sagte, aus Prinzip, und weil es dort stickig und eklig sei. Da begann der militant Religiöse die junge Frau als Hure zu beschimpfen, andere Männer stimmten mit ein. Der Bus wurde gestoppt, die Polizei gerufen.

Der Pöbler, ein Vater von elf Kindern, wurde festgenommen und vom Haftrichter gegen eine Kaution von umgerechnet 4000 Euro wieder auf freien Fuß gesetzt. Bis zu seinem Gerichtstermin darf er nicht mehr mit dem Bus fahren.

Der Vorfall zeigt den wachsenden Riss, der durch die israelische Gesellschaft geht: Ungefähr zehn Prozent der Sechs-Millionen-Bevölkerung sind ultraorthodox, ein Teil von ihnen ist extrem und militant. Den säkularen Israelis steht damit eine Minderheit ultrafrommer Juden gegenüber - klein, aber lautstark. Einzig vereint im Widerstand gegen die Palästinenser, könnten die Gruppen unterschiedlicher nicht sein: Während in Tel Aviv Körperkult und westliche Lebensweisen das Stadtbild bestimmen, wollen die Ultras an immer mehr Orten ihre Vorstellungen von Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit durchsetzen.

Am Donnerstag war zu diesem Zweck eine Kundgebung in Beit Schemesch geplant. Doch die Demo wurde abgesagt. Daraufhin randalierten die Ultrafrommen, zündeten Mülleimer an und warfen mit Steinen um sich. Die Stadt, 25 Autominuten von Jerusalem entfernt, war schon in den vergangenen Tagen zum Symbol für den Streit geworden. Nachdem dort der Schulweg für ein achtjähriges Mädchen, eine orthodoxe Jüdin, zu einem Spießrutenlauf wurde, weil sie aus Sicht der Radikalen nicht angemessen gekleidet war, demonstrierten am Dienstag Tausende Israelis. "Israel ist nicht Teheran", war auf ihren Schildern zu lesen. Israels Präsident Schimon Peres hatte die Öffentlichkeit aufgerufen, sich an der Protestaktion zu beteiligen.

In Jerusalem verschwinden Frauen aus dem Stadtbild

Auch in einigen Vierteln in Jerusalem werden fremde oder "unzüchtige" Frauen beschimpft, bespuckt und mit Steinen beworfen, wenn sie sich frei auf der Straße bewegen und keine langen Röcke oder Kopfbedeckungen tragen. Selbst religiöse Juden wehren sich jetzt dagegen: Der Rabbiner Uri Ayalon startete vor wenigen Wochen eine Medienkampagne, als er bemerkte, dass in Jerusalem inzwischen selbst sittsame Werbekampagnen umgestaltet und Frauen durch neutrale Gegenstände oder männlichen Models ersetzt werden.

...........

Die Radikalen haben in der Politik so viel Einfluss wie noch nie

Experten erklären die jüngste Radikalisierung anhand zweier Ursachen. Der Rabbiner Uri Ayalon sieht die Ultraorthodoxie in einer Krise. "Internet, Arbeitsmarkt und Medien setzen die Jugend fremden Einflüssen aus, vor denen die Eltern sie abschirmen wollen. Ihre Schwäche macht sie militanter", so Ayalon. Mordechai Kremnitzer vom Israelischen Institut für Demokratie spricht hingegen vom Machtzuwachs der Orthodoxen, die im Durchschnitt dreimal so viele Kinder haben als andere Paare. Sie stellen zwar nur zehn Prozent der Bevölkerung, aber rund ein Viertel der Erstklässler. Dank dieser Demografie hätten sie in der Koalition von Netanjahu "so viel Einfluss wie noch nie", sagt Kremnitzer.

Ayalon und Kremnitzer sind sich einig, dass auch der Fortschritt in den Verhandlungen mit den Palästinensern und die Räumung der Siedlungen im Gaza-Streifen 2005 die Orthodoxen radikalisierten. Ihnen sei klar geworden, dass der wichtigste Programmpunkt ihrer Bewegung, nämlich die Besiedlung Groß-Israels, nicht mehr durchführbar sei. "Die Rückkehr zu einem vermeintlich authentischeren Judentum wurde zur Ersatzideologie. Die verschiedenen religiösen Strömungen ringen jetzt darum, wer puritanischer ist", sagen die Experten.

Netanjahu müsse klare Kante zeigen, sonst drohe mehr Gewalt und Aggression, fürchtet DellaPergola. Eine verschärfte Bestrafung für Diskriminierung von Frauen wurde bereits angekündigt. Doch Strafvollzug allein könne reiche nicht aus, sagt der israelische Polizeichef. Vielmehr müssten sich die Rabbiner geschlossen gegen die Radikalisierung aussprechen. Davon sei aber noch nichts zu sehen.

Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806246,00.html
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Geändert von Chiron (30.12.2011 um 11:33 Uhr)
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  #274  
Alt 30.12.2011, 10:52
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Vielen Dank.
Anderseits, geht es hier um die Matri-patriarchale Frage oder um den Rechtsextremismus?
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  #275  
Alt 30.12.2011, 12:34
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Vielen Dank.
Anderseits, geht es hier um die Matri-patriarchale Frage oder um den Rechtsextremismus?
Hi Beo; Du kommst mir mit der Frage entgegen - denn ich hatte mir schon etwas dabei gedacht. (Hatte aber gerade etwas Probleme beim nachträglichen Bild hosten) .... und zudem ist's wieder ziemlich viel Text (für den einen oder anderen).

Wie aus den vielen Beiträgen schlussendlich hervor geht, gibt's mangels konkreter, greifbarer Beispiele nicht gerade viel zu einem existierenden "Matriachat" zu sagen. Hingegen zeigen Beispiele - wie das oben erwähnte, auf deutlichste Weise, wie gerade die Orthodoxie patriarchalisch geprägt ist. Und ich meine damit "Orthodoxie" auf breiter Fläche, wozu eben insbesondere der religiöse Fundamentalismus in allen Religionen zählt. Aber ebenso beziehen sich extremer Konservatismus wie auch Nationalismus bzw. Rechtsextremismus auf patriarchalische Orthodoxie. Ich finde es nicht nur interessant sondern auch geradezu wichtig, im Kontext zum Thema die Parallelen zwischen religiösem und rechtsextremen Fanatismus aufzuzeigen, denn sie sind meines Erachtens nach unübersehbar. (Schließlich hast Du nun selbst "Rechtsextremismus" mit dem obigen Beitrag assoziiert, ohne dass ich dazu ein Wort verloren hätte.)

Ich bin auch der Meinung, dass der religiöse Monotheismus eine tragende Rolle für die patriarchalischen Einflüsse bis in die heutige Zeit spielt - die ganze Geschichte des Monotheismus ist von Beginn an eine patriarchalische Geschichte, und wenn man sich allein auf die drei tragenden monotheistischen Religionen (jüdische, christliche und islamische) bezieht, entstammen sie eben dem selben patriarchalisch geprägten religiösen Weltbild - ausgehend vom jüdischen Weltbild. Ein solches Weltbild ist immer "rechts".

Ich frage mich, wo fängt eigentlich "Rechtsextremismus" an? ....an welcher Stelle gerät da etwas aus dem Gleichgewicht? Was ist überhaupt die "Mitte", die man dazu als Richtwert benützen könnte? Wenn ich mir so die Zustände der menschlichen Existenz auf dem Planeten anschaue, muss ich feststellen, dass der Konservatismus, bzw. die politische Rechte unterm Strich das Weltgeschehen bestimmt. Im Grunde ist der gesamte politische Zustand bereits als Extrem zu bezeichnen. Das Patriarchat zieht sich wie ein roter Faden durch fast alle Gesellschaftsordnungen und Denkmuster auch durch die hiesigen - und das seit tausenden Jahren. Wir sitzen dabei sinnbildlich selbst auf der rechten (patriarchalischen) Waagschale, die wir für "normal" und somit als Richtwert ansehen; für "rechtsextrem" halten wir lediglich das, was die rechte Waagschale noch mehr belastet als sie es ohnehin schon ist. Wer hat denn bezüglich der matria-patriarchalen Frage jemals schon mal so etwas wie eine "Mitte" erlebt?

Das, was wir vielleicht diesbezüglich als Fortschritte bezeichnen können, sind meiner Meinung nach gerade mal kleine Schritte in Richtung einer imaginären "Mitte", aber die patriarchalischen Einflüsse in unseren Denkmustern und in den verfügbaren oder denkbaren und auch praktizierten Ideologien sind nach wie vor patriarchalischen Ursprungs, den niemand so schnell von sich abschütteln kann. Es gibt übrigens meiner Meinung nach keinen "Linksextremismus", denn das, was man unter Umständen als solchen bezeichnet, ist ebenso extrem patriarchalisch und somit "rechts" geprägt.

Auf Deine Frage bezogen kann ich also nur sagen, dass Patriarchat, Rechtsextremismus und die darauf aufgebaute Orthodoxie gleichen Ursprungs sind und solche Zustände nun mal nichts mit einem Matriachat zu tun haben können, weil es solche Einflüsse auf die etablierten Denk- und Glaubensmuster seit tausenden Jahren einfach nicht gegeben hat. Selbst übertriebener Feminismus ist wie jeder andere -ismus Resultat patriarchalischen Ungleichgewichts in den Denkmustern.

Und auf die Religionen bezogen, kann man nur sagen: sie sind aufgrund ihrer festgeschriebenen Basis nicht reformierbar - sie sind im Grunde an der patriarchalisch geprägten Orthodoxie regelrecht festgenagelt - niemand wäre dazu bereit, etwa die Tora, die Bibel oder den Koran neu zu schreiben oder den vermeintlich "einen Gott" wenigstens als Repräsentant für zwei Geschlechter anzuerkennen und entsprechend als Sinnbild für ein Gleichgewicht der Kräfte zu sehen. Es sind die Religionen selbst, die stets Orthodoxie produzieren - es sind auch die so genannt gemäßigten Gläubigen, die mit dazu beitragen, ohne es zu wollen oder ohne sich dessen bewusst zu sein, denn auch sie tragen dazu bei, dass die Orthodoxie schlussendlich weiter fortschreitet und niemand die "orthodoxen Bücher" selbst in Frage stellt, auf denen die Religionen sich stützen. Welche Religion wurde eigentlich nicht von Männern geschrieben? Wenn alles "zwei Seiten" hat, warum dann nicht auch der vermeintliche "Gott"? Ob "monochromes" Denken den "Einen Gott" oder "Den Führer" hervorbringt, kommt unterm Strich auf's Selbe heraus. Das Resultat ist immer kleinkariertes Denken.

"Das Rätsel" (auf den Themen-Thread bezogen) kann sich eigentlich nur auf das "Matriachat" beziehen, denn Patriarchat erleben wir tagtäglich "live". Selbst die Vorstellung einer "Mitte" ist ein Rätsel, weil wir eine solche Ausgangsposition noch nie erlebt haben. Erst die Orthodoxie ermöglicht Ultraorthodoxie, so wie die Rechte Rechtsextremismus ermöglicht; die Grundlage für beide Phänomene bildet sich aus den selben patriarchalen Denkmustern.
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Geändert von Chiron (30.12.2011 um 14:17 Uhr)
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  #276  
Alt 30.12.2011, 13:50
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Welcher Frau wäre denn erlaubt gewesen eine Religion zu schreiben?
In den bekannten Systemen sind auch Männer mit alternativen Ideen verfolgt worden, Frauen hätten möglicherweise noch die Chance gehabt, dass man sie so wenig ernst genommen hätte, dass sie eine Schattenreligion im Dunkeln hätten führen können (huiii, dieser Konjunktiv ist aber extrem schwierig gewesen ).

Mir ist aber nichts dazu bekannt.

Bekannt ist mir nur, dass es in afrikanischen Völkern noch einige Schamaninnen gibt, diese haben da eine priesterliche Funktion (neben der medizinischen) aber da sie kein Gefolge oder kaum Gefolge haben sind sie nicht politisch in Erscheinung getreten.

Ich kenne keine Religion oder Staatsverfassung welche eindeutig eine Frau als Autorin hätte. Aber ich kenne ja nicht alles, kann sein dass es eine gibt.
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  #277  
Alt 30.12.2011, 15:29
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Zitat von Beo Beitrag anzeigen
Welcher Frau wäre denn erlaubt gewesen eine Religion zu schreiben?
In den bekannten Systemen sind auch Männer mit alternativen Ideen verfolgt worden, Frauen hätten möglicherweise noch die Chance gehabt, dass man sie so wenig ernst genommen hätte, dass sie eine Schattenreligion im Dunkeln hätten führen können (huiii, dieser Konjunktiv ist aber extrem schwierig gewesen ).

Mir ist aber nichts dazu bekannt.
Das Thema geht nun mal weit über die eigentliche Geschlechterfrage hinaus, auch wenn es sich anhand solcher Beispiele, wie die derzeitigen Vorgänge bei den religiösen Fundamentalisten, sehr deutlich zeigt, dass es auch noch immer um die Geschlechterfrage bzw. um die Gleichberechtigung geht. Man sollte das Thema jedoch nicht darauf reduzieren, denn prägnant sind schlussendlich die Denkmuster, die solche Extreme ermöglichen. Selbstredend leiden letztlich alle darunter - Frauen wie Männer; und selbstredend sind nicht nur Männer in ihren Denkmustern patriarchalisch geprägt - Frauen natürlich ebenso. Wenn man bedenkt, dass nahezu alle Systeme auf rein männlich ersonnene Ideen zurückzuführen sind - religiöse wie philosophische bis hin zu politischen Ideen, dann spricht diese Tatsache schon für sich. Dabei ist es völlig egal, ob solche Zusammenhänge z.B. in der Bildung von einem Lehrer oder einer Lehrerin vermittelt werden.

Das Denken ist über die Jahrtausende in eine Schieflage geraten, die sich lediglich bei solchen Extremen (wie obiges Beispiel) deutlich zeigt, aber auch sonst immer mit spielt. Wenn Frauen diskriminiert oder unterdrückt werden, ist dies natürlich das deutlichste Zeichen patriarchaler Denkweisen, aber solche Denkweisen fallen schließlich nicht vom Himmel; sie finden ihren Nährboden in der allgemein etablierten Orthodoxie. Die Grenzen zwischen "rechts" und "rechtsextrem" sind fließend; und wenn man nur "rechtsextrem" bereit ist abzulehnen, legitimiert man gerade dadurch "rechts", aus dem wiederum "rechtsextrem" hervor geht usw. - das ist eine absurde Situation, die immer wieder das selbe Ungleichgewicht im Denken produziert, weil auf diese Weise "rechts", bzw. patriarchale Denkmuster als normativ betrachtet werden; es ist ein "Teufelskreis", den es gilt, zu durchbrechen. Ich fürchte nur, dass es Jahrhunderte - wenn nicht Jahrtausende braucht, diesen extrem ungleichgewichtigen Einfluss aus den Denkmustern heraus zu bekommen. (falls die Menschheit überhaupt so lange in den von sich selbst produzierten ungleichgewichtigen Verhältnissen überdauern kann.)

... wie oben schon erwähnt, halten die Milliarden von Gläubigen allesamt am orthodoxen Religionsbild fest - deshalb braucht man einen Begriff wie "ultraorthodox", um sich selbst im religiösen orthodoxen Glauben als "koscher" betrachten und darstellen zu können. So verhält es sich auch mit den patriarchalen Denkmustern - man verurteilt zwar die Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen, aber ansonsten hält man die angestammten patriarchalen Denkmuster für normal und somit für völlig in Ordnung. Man lehnt im allgemeinen auch Neonazis ab; einen Sarrazin hält man wiederum für so in Ordnung, dass sein Buch zum Bestseller wird; da scheint sich über die Jahrtausende sinnbildlich eine Gehirnhälfte unterentwickelt zu haben - bei Männern wie bei Frauen.

Das Problem dabei ist, dass sich auf solche Weise immer wieder auf's Neue entsprechende Extreme bilden, weil kaum jemand wahr haben will, bereits selbst mit auf der extremen Schieflage zu stehen. Was kann man denn den Fundamentalisten vorwerfen? Dass sie Schriften wortwörtlich nehmen, die ansonsten (nur eben nicht ganz so wortwörtlich) von fast allen anderen gutgeheißen werden? Die Relation für das, was eigentlich richtig oder falsch ist, geht dabei völlig verloren. Die symbolische Waage ist längst in Schieflage, und weil wir's nicht anders kennen, halten wir die Schieflage für Gleichgewicht und urteilen entsprechend. Bis zu einem gewissen Grad wird der Extremismus geradezu legitimiert, weil die Grenzen dessen, was als rechtsextrem oder orthodox zu bezeichnen ist, im rechten Spektrum fließend sind und "rechts" als solches nun mal als normativ betrachtet wird.

Es ist nun mal kein Zufall, dass der Begriff "Recht" von von "rechts" abstammt und "rechts" in vielen Begriffen als anzustrebendes Normativ vorgegeben wird - Rechtsstaat, Gerechtigkeit, richtig etc. - das impliziert nicht nur, dass "links" falsch sei - es legt in gewisser Weise ein Ungleichgewicht im Denken vor - das ist letztlich nichts anderes als die in islamischen Kulturen verbreitete Sitte, die linke Hand als die Unreine zu betrachten, mit der man sich den Hintern säubert aber die man nicht zum Essen benützt. ... ich behaupte, dass dies sehr tief in unser Denken eingreift und wir in gewisser Weise verlernt haben, die Dinge in's Gleichgewicht bringen zu wollen und über die Jahrtausende schon gar nicht mehr wissen, was Gleichgewicht der Zustände überhaupt ist. Bei all dem ist es auch kein Zufall, dass eben die Linke ursprünglich mal als die weibliche Seite betrachtet wurde. Auf die Denkmuster bezogen hat dies heutzutage nicht mehr allzu viel mit der Geschlechterfrage zu tun; bei der Frage um patriarchale Einflüsse auf das Denken und auf die Systeme geht's buchstäblich um's Eingemachte.
Zitat:
Zitat von Beo
Welcher Frau wäre denn erlaubt gewesen eine Religion zu schreiben?
... ich glaube, Frauen wären erst gar nicht auf die Idee gekommen, aus ihren spirituellen Gepflogenheiten Gesetze zu formulieren und diese als Vorschriften dann auch noch festzuschreiben. Frauen bevorzugen direkte Kommunikation; sie können beispielsweise ohne Ermüdungserscheinung stundenlang telefonieren. ... sie hätten so etwas gar nicht nötig gehabt. Einen solchen religiösen Schwachsinn können sich nur Männer ausdenken - sorry, dass ich das sagen muss.
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Geändert von Chiron (30.12.2011 um 16:04 Uhr)
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  #278  
Alt 30.12.2011, 15:56
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Das Problem ist halt, dass die symbolische Waage als funktionaler Untergrund im Gleichgewicht nicht eben viel taugt.
Auch im Matriarchat gibt es eine Hierarchie, die ist zwar anders als im Patriarchat aber auch vorhanden.

Und die Fundamentalisten haben nur ein Problem: Sie nehmen irgend ein Gesetz so genau, dass man es nicht mehr mit menschlichen Zügen durchboxen kann ohne jemandes Recht extrem zu beschneiden.

Und eben da liegt auch ein wenig mein Problem: Wenn ich was gestalten will, muss ich Regeln einhalten. Mit Wildwuchs selbst im Garten erhalte ich zunächst eine Einöde und vielleicht in 50 Jahren eine Art Biotop, aber auch dann noch wird eine Anzahl bestimmter Pflanzen das Bild dominieren, was alles sonst noch da wachsen könnte ist verdrängt.

Klar: Garten vergleichen mit Kulturen ist schon etwas Wildwuchs, denn immerhin herrscht in einer Glaubensgemeinschaft ein Gesetz und Recht (wer immer das installiert hat)

Auch wenn das Problem über die Geschlechterfrage hinaus geht, ist es dennoch auffallend oft das Geschlecht, welches eine dominante Funktion bezüglich der Rechte des Trägers ausübt.
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  #279  
Alt 31.12.2011, 12:52
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Zitat:
Zitat von Beo
Das Problem ist halt, dass die symbolische Waage als funktionaler Untergrund im Gleichgewicht nicht eben viel taugt.
Auch im Matriarchat gibt es eine Hierarchie, die ist zwar anders als im Patriarchat aber auch vorhanden.
Ich seh' dies nicht als wirkliches Problem; eine "symbolische Waage" geht im Sinne des "Abwägens" im Grunde vielen Entscheidungen voraus. Die Frage stellt sich, weshalb denn nicht in ganz grundsätzlichen Bereichen wie z.B bezüglich Nachhaltigkeit in allen wichtigen Bereichen, womit auch das gesunde "ausgewogene" soziale Zusammenleben gemeint ist?

Die "symbolische Waage" existiert z.B. in der "Recht"sprechung prinzipiell noch - aber welchen Sinn macht es, das was wir unter "Recht" verstehen, begrifflich mit "rechts" in Verbindung zu bringen, wenn doch eigentlich das "Recht" etwas Ausgewogenes - sprich: die "symbolische Waage" repräsentieren sollte? Dies sieht vielleicht oberflächlich betrachtet "unwichtig" aus; jedoch halte ich gerade dies für ein gutes Beispiel dafür, wie etwas strukturell Ungleichgewichtiges mit der Zeit - insbesondere durch tagtäglich angewandte Sprache - normativ (unwichtig) wird und auf nicht unwesentliche Weise das Denken beeinflusst, wie etwa das politische Denken, das vielleicht besonders von möglichst großer "Ausgewogenheit" abhängt, um in konstruktivem Sinne zu funktionieren.

Zur Zeit kann man in der Politik (zumindest hier in Deutschland) beobachten, dass die meisten Parteien sich als Repräsentanz einer imaginären "Mitte" darzustellen versuchen; zunächst diente diese "Taktik" dazu, sich von den "Schmuddelkindern": den Linken abzusetzen; Schröder (SPD) ist damit damals Kanzler geworden - er profitierte davon, dass mit "links" die Mauer, die Stasi, Honnecker und überhaupt der ganze so genannte Kommunismus assoziiert wurde und gewann mit seiner proklamierten Abgrenzug von "links" auch viele Wählerstimmen in den "neuen Bundesländern". Dann bezeichnete sich vermehrt auch die CDU als Partei der "Mitte", dann die FDP und schlussendlich auch die Grünen. .... im Grunde eine Art Modeerscheinung, die offensichtlich erfolgversprechend war. Denn es war auch für die "Rechten" taktisch hilfreich, nicht mehr "rechts" zu erscheinen. Das Resümee war allerdings, dass seit dem unter der Fahne einer imaginären Mitte insgesamt ein gehöriger "Sozialabbau" stattfindet, an dem sich übrigens alle hier erwähnten Parteien bislang beteiligt haben - inhaltlich ist das gesamte Parteienspektrum nach rechts gerückt und auf einen ausschließlich marktorientierten Kurs eingeschwenkt.

Ausgewogenheit kann aber nicht wirklich stattfinden, indem "links und rechts" mal eben oberflächlich ausgeklammert wird, zumal der Ausgangspunkt ohnehin eher rechts angesiedelt und wie gesagt sogar in der Sprache und somit in der Kultur verankert ist. Nur der Hauch einer Tendenz nach "links" wird dabei übrigens nach wie vor als Schreckgespenst hoch gepuscht.

Die Vorbehalte vor "links" sitzen offenkundig wesentlich tiefer als die Vorbehalte vor "rechts" - trotz der Erfahrung aus der faschistischen Vergangenheit; deshalb konnte beispielsweise die jüngst aufgedeckte rechtsextreme Terrorgruppe so lange unbehelligt ihr Unwesen treiben und Menschen umbringen. Es geht also nicht "nur" um Symbole, sondern um ganz konkret zu beobachtende Zustände.

Die ausschließliche Marktorientierung in der Politik, die aus den dadurch entstandenen Krisensituation noch mehr befeuert wird, ist ohnehin durch den Ausschluss konkreter sozialer Aufgaben als "rechts" zu bezeichnen, denn auch die "bürgerliche" Tradition beruht auf marktwirtschaftlichen Konzepten und Konservatismus, auch wenn sich das so genannte "Bürgertum" gerne als "Mitte" der Gesellschaft sieht. (das Banken- und Finanzwesen kann man übrigens als Urgestein für das Bürgertum bezeichnen.) Die derzeitige wirtschaftliche Krisensituation und die damit verbundene soziale Situation ist geradezu ein Sinnbild für Unausgewogenheit nach rechts.

Man kann diese Unausgewogenheit durchaus auch auf die ökologische Situation übertragen - an Beispielen dafür mangelt es wirklich nicht. Genau genommen steht auch der Konflikt zwischen den Kulturen der islamisch und christlich geprägten Welt auf zwei rechten Beinen - zum einen die Religion und zum anderen die wirtschaftlichen Interessen. Beide "Phänomene" beruhen dabei auf patriarchale Traditionen, wie eben auch die "Schönschreibung" der rechten Seite in der Sprache und somit im Denken.

Ich wünsche Dir und allen anderen hier Verbliebenen und Geflüchteten übrigens einen guten Start ins neue und hoffentlich von persönlichem Glück geprägte Jahr 2012, auch wenn der Kalender in seinem Ursprung ebenfalls ein patriarchaler ist und nicht wirklich ernst zu nehmen ist.
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Geändert von Chiron (31.12.2011 um 13:10 Uhr)
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  #280  
Alt 31.12.2011, 13:39
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Den Wünschen schließe ich mich gerne an, Dir auch und ganzheitliches Denken und Fühlen möge wachsen

denn das ist wohl das, was statt den Archaten am wichtigsten ist.

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