#211  
Alt 24.04.2012, 13:07
Benutzerbild von Beo
Beo Beo ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 25.03.2006
Ort: zuhause
Beiträge: 4.585
Ganz einverstanden, fast ganz, denn es gibt da eine Schar von Familien aus verschiedenen Herkünften (sowohl geographisch als religiös) bei denen muss:
Zitat:
und die sozialen Kontakte sind quasi von Hause aus auf die entsprechende Nationalität, bzw. mehr oder weniger auf die Familie beschränkt, weil sonst gar keine Kommunikation möglich wäre.
geändert werden in
und die sozialen Kontakte sind quasi von Hause aus auf die entsprechende Nationalität, bzw. mehr oder weniger auf die Familie beschränkt, WEIL sonst Kommunikation möglich wäre
Weil es nämlich nicht erwünscht ist, gerade den Kindern wird von den Eltern verboten, selbst in den Schulen Kontakte ausserhalb des Unterrichts zu führen, sie DÜRFEN nicht mit ihren Kameraden kommunizieren.

Dass sie es trotzdem tun ist gelegentlich ein Glück, nicht immer, denn die familiären Strafen sind hart bis tödlich!

Klar, das sind nur Extremfälle welche dann vielleicht auch Schlagzeilen machen, aber wie in allen Dimensionen ist auch hier keine klare Grenze sondern ein fliessender Übergang von integrationswillig bis revolutionär eigenständig (vor nicht Europa den Koran als Staatsreligion und damit auch Staatspolitik einführt, reden wir mit keinem!).

Erlebt habe ich beides, und ich habe auch eine Kollegin die einen Moslem geheiratet hat.
Irgendwie hat sie dann auch noch eine Scheidung geschafft, was wirklich extrem schwierig gewesen sein muss. Nach ihrer Heirat war nichts mehr zu hören von ihr, keine Kontaktmöglichkeit mehr und danach ist auch kein Kontakt mehr entstanden.

Ich hatte versucht im ungefähr vorletzten Beitrag einfach das Erleben als Student mal zu schildern, als Student, der selbst unsicher ist, nach seiner Identität sucht, sein Land nicht gerade liebt, aber dennoch Heimatgefühle entwickelt hatte und irgendwie durch die ganzen Fremdlinge noch mehr entwurzelt worden ist.
Dazu kam dass die Einheimischen meist eher als Konkurrenten auftraten denn als Verbündete.
OK. das war mein persönliches Erleben und Schicksal, gewiss nicht zu verallgemeinern, und es hat mich auch nicht zum Fremdenhasser gemacht, keineswegs!
Es ging mir aber darum zu zeigen, wie eben Angst entsteht bei einer auftretenden massiven Erscheinung irgend einer Art während ja jene Familien, die bereits als isolierte Familien sich installieren (mit vielleicht einem hypothetischen Wunsch, nach dem Krieg wieder nach Hause zu gehen) bereits mit der Angst ihre Eigenart zu verlieren sich eben nicht bekannt machen mit den anderen Arten zu leben.
Da ist nicht einmal Angst, da ist eine Überzeugung die einzig richtige Lebensart zu haben, welche an Zeugen Jehovas oder ähnliche Sekten erinnert.

Da kannst Du bilden wollen wie Du willst, es kommt allerhöchstens an wie man in Facebook seine Landsleute findet, der Rest spielt sich dann online ab.

Aber klar, in allem anderen sehe ich das wie Du es siehst, es ERLEBT sich nur im Augenblick der Begegnung nicht immer so cool überlegt. Insbesondere auf nicht schulischer Ebene, Dancing oder Heimweg auf der Strasse.
__________________
Glaub nur zu wissen und wisse, dass Du glaubst.
Mit Zitat antworten
  #212  
Alt 24.04.2012, 15:44
Benutzerbild von Chiron
Chiron Chiron ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 03.06.2006
Beiträge: 1.554
Zitat:
Zitat von Beo
Klar, das sind nur Extremfälle welche dann vielleicht auch Schlagzeilen machen, aber wie in allen Dimensionen ist auch hier keine klare Grenze sondern ein fliessender Übergang von integrationswillig bis revolutionär eigenständig (vor nicht Europa den Koran als Staatsreligion und damit auch Staatspolitik einführt, reden wir mit keinem!).
Ich denke, dass eigentlich NUR Extremfälle in die Schlagzeilen gelangen - eine erfolgreiche Integration aber mit Sicherheit nicht; und das wird zeitweilig zum Problem für eine relativ objektive Beurteilung. Ich selbst habe sowohl Extremfälle wie auch gelungene Integration (nach landläufiger Definition) erlebt und selbstredend die Graustufen dazwischen. Ich glaube jedoch, dass bewusster Integrationsunwille eher die Ausnahme ist. Die Hintergründe sind einfach zu vielschichtig, wobei der mitgebrachte Bildungsmangel meistens die Hauptursache ist.

Zudem kann man wohl auch feststellen, dass je einfach gestrickter die Denkweise ist, um so mehr wird dies mit Tradition, Patriotismus, Religion und entsprechend überkommenen Moralvorstellungen kompensiert (das ist übrigens auch bei uns der Fall) ... auch wenn in Deutschland aufgrund der geographischen Bevölkerungsdichte z.B. die Denkweise zwischen Land- und Stadtbevölkerung mehr und mehr zu verwischen scheint und die Unterschiede nicht mehr so krass hervor treten, wie's noch vor 20 Jahren der Fall war. Das ist beispielsweise auf die Türkei bezogen völlig anders - da treten die Unterschiede in der Denkweise der Migranten aus unterschiedlichen Regionen meistens sehr viel deutlicher hervor, weil die Distanzen wesentlich größer sind. Die konservative Rechte mit samt der extremen Religionsbindung ist auf dem Land immer sehr viel deutlicher vertreten - im Grunde wie bei uns.

Der größte Teil der Migranten in Deutschland sind Türken - wobei man eigentlich meistens gar nicht mehr von "Migranten" reden kann und viele bereits in der dritten Generation hier leben und mittlerweile Deutsche sind. Und dabei darf man nicht vergessen, dass die Menschen zu Zeiten des so genannten "Wirtschaftswunders" regelrecht angeworben wurden, um hier in den Fabriken am Fließband zu arbeiten. Ein großer Teil der "ersten" Generation ist also ganz klar aus wirtschaftlichen Gründen gekommen - und eben auch in wirtschaftlichem Interesse der deutschen Industrie. (dies muss man leider manchmal in Erinnerung rufen) ... die meisten dieser Menschen hatten gar nicht vor, sich hier gänzlich niederzulassen, und kaum jemand hat darüber nachgedacht, dass auch Kinder in die Welt gesetzt werden. Und schon gar nicht dachte man daran, dass diese Kinder ungewollt andere Wurzeln schlagen könnten und es aus unterschiedlichen Gründen gar nicht so einfach sein würde, wieder zurück in die Türkei zu gehen, wie's sich die meisten anfänglich gedacht hatten.

Es sind solche Zusammenhänge, die bezüglich der Menschen mit türkischer Herkunft in Deutschland eine spezielle Geschichte mit sich bringt, die vielleicht nicht alles aber vieles erklären kann. Die meisten haben sich nie als Einwanderer gesehen, was neben des oft geringen Bildungsstands (viele kamen aus Anatolien oder vom Schwarzen Meer) zusätzlich zu Sprachbarrieren beitrug - man konnte sich selbst einreden, es würde sich nicht der Mühe lohnen, die Sprache korrekt zu lernen.

Ich kenne aber auch Leute, die in den 70ern hier studiert haben, 'ne Frau kennenlernten, heirateten und hier blieben - Intellektuelle, die mit der Zeit deutscher wurden als viele Deutsche - mit samt entsprechend konservativer Kleinkariertheit - sozusagen Integration mit Overkill-Effekt - also das, was sich so mancher Rechtskonservative unter Integration vorstellt. ... solche Leute findet man aber nicht in Berlin-Neukölln - dafür des öfteren in der Politik.

Ich kenne aber auch viele Iraner, die allesamt unfreiwillig und aus politischen Gründen hier sind; da kenne ich niemanden, der aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen ist. Und weil unter diesen Migranten die Mehrzahl aus sozusagen "bürgerlichen" Verhältnissen stammt, ist auch der Bildungsanspruch entsprechend hoch - und Du wirst kaum einen Iraner finden, dem man Integrationsprobleme oder Kommunikationsprobleme nachsagen kann. Und islamische Fundamentalisten findet man da in der Regel auch nicht - es gibt in der älteren Generation lediglich einige Monarchisten, die dem Schah nachtrauern und auf ihre Weise konservativ sind. Ich kenne auch einige gläubige Muslime darunter, die sich jedoch mehr den Sufis zugehörig und sich in der Tradition des persischen Dichters Hafez fühlen, der sich übrigens den Sinnenfreuden absolut nicht abgeneigt zeigte und der mit seinem Divan irgendwie das Gegenteil des iranischen Mullah-Regimes repräsentiert - es macht übrigens Spaß, Hafez zu lesen, und Du wirst ihn in fast jedem iranischen Migranten-Haushalt finden.

Einer meiner besten Kumpels ist türkischer Herkunft - zuweilen machen wir Musik zusammen. Er ist in Köln aufgewachsen und spricht, wenn er denn will, lupenreines kölsches Dialekt - er redet natürlich auch dialektfreies Deutsch. Bei ihm mutet es schon sehr komisch an, wenn er zuweilen angerufen wird und plötzlich türkisch redet - denn selbst mit seiner Frau und seiner Tochter redet er deutsch. Man kann ihn zwar nicht als überzeugten Atheisten bezeichnen, aber er hat überhaupt kein Interesse an Religion - der Islam spielt da überhaupt keine Rolle. Und ich kenne einige andere Leute mit türkischer Herkunft, die das ganz ähnlich sehen.

Ich erzähle dies deshalb, weil das eine Seite ist, von der man fast gar nichts mitbekommt, die aber zweifellos dazu gehört. Integration ist etwas, was man nicht herbei zaubern kann - weder mit einem Gesetz, das Migranten zum Deutschunterricht zwingt, noch mit einer vom Innenminister installierten jährlichen "Islamkonferenz" zu der Mullahs als Vertreter für unterschiedlichste Menschen eingeladen werden, die sich teilweise gar nicht oder nur beiläufig in dem Begriff "Islam" wiedererkennen. Das ist nämlich genau das, was letztlich dabei rauskommt, wenn man eine solch komplexe Sache kleinkariert pauschalisiert - die Leute werden nicht primär als Individuen wahrgenommen, sondern als Gruppe, was wiederum zu entsprechenden Vorurteilen führt und das genaue Gegenteil von Integration bewirkt. Die letzte "Islamkonferenz" vor ca. einer Woche, die ja eigentlich dem "Dialog" der Kulturen dienen soll, ist kläglich gescheitert, was soll denn auch dabei raus kommen, wenn der Initiator - der CSU-Innenminister Friedrich im Grunde ähnlich gestrickt ist, wie fundamentalistische Mullahs - nur eben deutschpatriotisch-christlich? ... und dann auch noch - wie gesagt - insgesamt völlig an den Menschen und ihren Problemen vorbei.
__________________
"Die Schöpfung der Welt geht weiter." (Jules Renard)

Geändert von Chiron (24.04.2012 um 15:48 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #213  
Alt 24.04.2012, 17:50
Benutzerbild von Beo
Beo Beo ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 25.03.2006
Ort: zuhause
Beiträge: 4.585
Kan man sich mal überlegen:
Woher kommt die Verallgemeinerung und Pauschalisierung?

Ich vermute, die Tendenz ungenau zu klassifizieren korreliert mit der Angst des Einzelnen. Je unsicherer man sich fühlt, um so weniger nimmt man sich Zeit genau hin zu sehen, mit wem man es zu tun hat.

Passend dazu ist die Wirtschaftslage, zunehmende Arbeitslosigkeit, manche müssen sich billigere Wohnungen suchen und es hat keine....

Wenn es dem Leuten gut geht und sie Wohlstand haben haben populistische Volksverhetzer keine Chancen, umgekehrt schon, und es ist auch zu beobachten, dass eben diese national getrimmten Voten und Personen stets dann Aufstiege verbuchen können, wenn die allgemeine Befindlichkeit im Lande am sinken ist.
__________________
Glaub nur zu wissen und wisse, dass Du glaubst.
Mit Zitat antworten
  #214  
Alt 25.04.2012, 10:09
Benutzerbild von Chiron
Chiron Chiron ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 03.06.2006
Beiträge: 1.554
Zitat:
Zitat von Beo
Kann man sich mal überlegen:
Woher kommt die Verallgemeinerung und Pauschalisierung?

Ich vermute, die Tendenz ungenau zu klassifizieren korreliert mit der Angst des Einzelnen. Je unsicherer man sich fühlt, um so weniger nimmt man sich Zeit genau hin zu sehen, mit wem man es zu tun hat.
Interessante Frage; ich denke, dass auch dies zwei Seiten hat; Verallgemeinerung und Pauschalisierung kann, um sich etwa schnellst möglich einen groben Überblick zu verschaffen, auch hilfreich sein; in diesem Sinne glaube ich sogar, dass dies in gewisser Weise Folge der Evolution ist - dies hat sicher auch etwas mit der Vermeidung von Ängsten, Unsicherheiten und Anstrengungen zu tun. Jedoch ist die Fähigkeit, Zusammenhänge zu analysieren, schließlich auch Folge der Evolution, die allerdings Bereitschaft zur Anstrengung voraussetzt.

Nicht zuletzt ist der Mensch im Grunde ein soziales Wesen und von der Gruppe abhängig - die Orientierung an die Gruppe oder Identifizierung mit ihr ist somit ebenfalls folgerichtig; er lässt sich somit schnell von einer Gruppendynamik anstecken, deren tatsächliche Ursache er u.U. gar nicht wirklich versteht. Da es unter den noch vorhandenen Spezies eigentlich gar keine natürlichen Feinde mehr gibt (wenn man mal von Viren etc. absieht), ist er über zahllose vom Menschen selbst erdachte Mechanismen sich selbst zum größten Feind geworden. Dazu zählt sicher auch die Tatsache der unübersichtlichen Komplexität der Systeme, die allein auf die Spezies Mensch zurückzuführen sind, was zu zahlreichen entsprechend unübersichtlichen Unsicherheiten führt. Ich kann mir vorstellen, dass die Naturwissenschaften mehr über die Welt wissen als über die Komplexität dessen, was der Mensch mit sich selbst anrichtet.

Vermutlich kann Oberflächlichkeit in diesem Sinne bis zu einem gewissen Grad Selbstschutz sein und gleichzeitig kann sie auf einem Bildungsdefizit beruhen, das wiederum individuelle Unsicherheiten provoziert etc. ...

Derartige persönliche Defizite und Unsicherheiten wirken sich natürlich förderlich für Orthodoxie, Patriotismus bis hin zu Nationalismus und schlussendlich tradierte Religionen aus, die nicht nur als Norm gelten, sondern deshalb gar nicht wirklich hinterfragt werden; man hält sich bei andauernder Unsicherheit an dem Ast fest, den man als einzigen Orientierungspunkt zu kennen glaubt.

Auf das Individuum bezogen glaube ich, dass die meisten Leute sich noch nie wirklich gefragt haben, wer sie eigentlich selbst sind. Oft identifiziert man sich zuerst mit seinem Beruf, sofern man über einen verfügt; das tritt meistens schon beim Kennenlernen zutage und gehört zu den ersten Fragen an das Gegenüber. .... ist aber heutzutage nicht immer so einfach zu beantworten - in einer Zeit, in der immer mehr Menschen fast jeden Job annehmen müssen und sich längst nicht immer mehr wirklich damit identifizieren wollen. Bei einem Arbeitslosen erzeugt eine solche Frage wohl oft einen Kloß im Hals - er wird wohl mit Ausflüchten antworten.

Kaum jemand würde freiwillig zugeben, sich insgeheim mit dem neuen I-Pad, mit dem Smartphone, mit dem Auto oder sonst irgend einem Konsumkram zu identifizieren. Fußballfans identifizieren sich lauthals mit ihrem Verein. Und wenn die WM läuft, sind sie alle Patrioten. Und wenn in den Medien permanent von islamistischen Anschlägen, islamischen Fundamentalisten etc. die Rede ist, dann ist es naheliegend, dass sich dann viele mit dem christlichen Abendland identifizieren, das doch von "Freiheit und Demokratie" durchzogen ist, obwohl davon angesichts der globalen Finanz- und Wirtschaftsmacht mit samt dem Wachstumsjunk gar keine Rede mehr sein kann. Wie gesagt, die meisten wissen vermutlich nicht mal mehr, wer sie eigentlich sind. "Wir sind Papst!"

Vielleicht ist es ja auch das, was die größten Ängste schürt - erfahren zu müssen, wer man denn eigentlich ist!? ..... das führt natürlich auch noch zu weiteren Fragen, wie z.B. was Lebensqualität ist, was die 24 Std. des Tages und schlussendlich das Leben ausfüllt etc. - wie individuell ist man eigentlich wirklich oder ist man doch eher ein "Bork" wie bei "Startrek" - trotz oder vielleicht durch Facebook ohne wirkliche Persönlichkeit!? ..... mit einer Demokratie ausgestattet, die eigentlich wirkungslos ist!? Jedenfalls wirst Du aus dem kollektiven Wachstumssystem ausgespuckt, wenn Du nicht genügend Effizienz einbringst, nicht funktionierst und nicht konsumierst. Wenn Du nicht in's statistische Raster passt und nicht mit der Herde blökst, dann bist Du nichts.
Zitat:
Zitat von Beo
Wenn es dem Leuten gut geht und sie Wohlstand haben haben populistische Volksverhetzer keine Chancen, umgekehrt schon, und es ist auch zu beobachten, dass eben diese national getrimmten Voten und Personen stets dann Aufstiege verbuchen können, wenn die allgemeine Befindlichkeit im Lande am sinken ist.
Weshalb wohl auch Krisen so wichtig sind; nicht nur in Europa ist zu beobachten, dass sich die konservative Rechte bis hin zu den Ultrarechten quasi permanent an der Macht halten und das, was sich noch sozialistisch nennt (wie z.B. in Frankreich) oder sozialdemokratisch (wie in Deutschland) gerade mal beim Wahlkampf links blinkt.
__________________
"Die Schöpfung der Welt geht weiter." (Jules Renard)

Geändert von Chiron (25.04.2012 um 10:43 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #215  
Alt 25.04.2012, 14:44
Benutzerbild von Beo
Beo Beo ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 25.03.2006
Ort: zuhause
Beiträge: 4.585
Dass die Evolution die Pauschalisierung oder das Vorurteil hervor bringt stimmt erst in zweiter Linie, denn die Wahrnehmung hat sich ja im Laufe der Entwicklung verfeindert und kompliziert (kompliziert vom Symptom zum Syndrom: Es bedarf vieler Merkmale um Freund oder Feind zu klassifizeren).

Das geht aber nur in Friedenszeiten so komplex ab. Im Kriegsfall reicht die Farbe der Uniform und wer Spion spielen will in der falschen Uniform, der hat es auf dieser Kontaktebene leicht.

Schwieriger wird es wenn es um die Details geht, da muss man Sprache und Slang beherrschen, um nicht erkannt zu werden.



Zu fragen, wer man selbst sei, EIGENTLICH, ist eine Phase in der Kindheit, da fragt fast jedes Kind: "Wo kommen wir her und wer sind wir?"
Es gibt noch Kulturen, in denen diese Frage nicht geklärt wurde, sie leben im Steinzeitalter, heute noch, und man lässt sie, sperrt ab um sie herum und sorgt dafür, dass sie ihr Leben weiter führen können.
So weit ich weiss im Amazonasgebiet, aber auch da wird es eng, enn das mit der Abholzung so weiter geht.
Ich sage dies nur, weil die individuelle Entwicklung und die kulturelle Entwicklung ganzer Völker ähnliche Fortschritte aufweisen.
Da gibt es ein magisches Zeitalter, in welchem jedes Ding beseelt ist — aber weil die Dinge nicht antworten (oder wir ihre Antwort nicht wahrnehmen können), gibt man es wieder auf. Dennoch behält man bei, dass irgend jemand alles geschaffen haben muss. Die Christen sind da noch nicht drüber weg, genau so wenig wie die anderen grossen Religionen, abgesehen vom Buddhismus.


Übrigens ist der Buddhismus auch die einzige mir bekannte Philosophie, welche die Selbsterkenntnis als Sinn des Leben sozusagen ausübt und voraussetzt.

Das bedeutet aber lange nicht, dass jeder Buddhist frei von Vorurteilen wäre, auch da klassiert man sehr bald. Und auch da gibt es strenger und leichter oder legerer Gläubige. Das heisst aber mehr Praktizierende, wenn jemand nach seiner Philosophie lebt.



Dennoch kommt es eben sehr auf die Lage des Individuums an.
Ein verletztes Tier beisst auch jene, welche ihm helfen wollen und diesbezüglich unterscheidet sich das Mensch nicht von anderen Tieren.
Und sich als verletzt zu empfinden ist eine Fähigkeit, welche das Mensch zur Perfektion in die hintersten Ecken der Wahrnehmung entwickelt hat, da reicht eine ungeschickte Anrede und man ist Todfeind.
__________________
Glaub nur zu wissen und wisse, dass Du glaubst.
Mit Zitat antworten
  #216  
Alt 26.04.2012, 12:33
Benutzerbild von Chiron
Chiron Chiron ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 03.06.2006
Beiträge: 1.554
Zitat:
Zitat von Beo
Zu fragen, wer man selbst sei, EIGENTLICH, ist eine Phase in der Kindheit, da fragt fast jedes Kind: "Wo kommen wir her und wer sind wir?"
.. ein gutes Beispiel, auch wenn Kinder eine solche Frage eher selten so konkret formulieren, sondern mehr damit beschäftigt sind, sich selbst und die Umwelt kennenzulernen; möglicherweise sind sie sogar die besseren, weil unbekümmerten Philosophen.

Andererseits ist die Erfahrung mit dem "Ich" und dem "Du", bzw. mit dem "Ich" und der äußeren sozialen Umgebung damit längst nicht abgeschlossen und viel mehr ein ständiger Prozess, z.B. auch mit prägnanten Veränderungen wie Pubertät, Beziehung, eigene Familie, Arbeitswelt, Midlifecrisis, Alter etc. etc. - auch während dieses Prozesses fragt man sich eher selten so bewusst und konkret, wer man eigentlich ist, obwohl man fast tagtäglich damit beschäftigt ist, sich selbst mit der sozialen Umwelt zu arrangieren oder halt mit sich selbst klar zu kommen; „Alles fließt“ (pánta rheî), wie Heraklit sagte - die Frage nach dem "Ich" ist also auch eine Frage, die sich niemals abschließend beantworten lässt und sich ständig neu stellt. Wie oberflächlich geht der Einzelne unter den Vielen damit um - oder wird das wahre "Ich" in der Regel lieber vor sich selbst verdrängt; sprich: man macht sich lieber was vor?
Zitat:
Zitat von Beo
Übrigens ist der Buddhismus auch die einzige mir bekannte Philosophie, welche die Selbsterkenntnis als Sinn des Leben sozusagen ausübt und voraussetzt.

Das bedeutet aber lange nicht, dass jeder Buddhist frei von Vorurteilen wäre, auch da klassiert man sehr bald. Und auch da gibt es strenger und leichter oder legerer Gläubige. Das heisst aber mehr Praktizierende, wenn jemand nach seiner Philosophie lebt.
Als DER Sinn des Lebens stellt sich diese Frage ja auch nicht - und man kann schließlich kein tiefer gehendes Interesse an Philosophie erwarten, obwohl eigentlich jeder eine Art "Philosophie" betreibt, wenn vermutlich ebenfalls eine von einer Gruppe übernommene; ob bewusst philosophisch oder unbewusst; der Zusammenhang des Vorurteils mit dem Verhältnis/Vergleich des "Ich" zum "Du" oder weiter gefasst: des "Wir" zum "Ihr" (Gruppen-Vorurteil) ist wohl unbestritten!? Der prägnante Unterschied ist nur, dass das Gruppen-Vorurteil, wie jede Gruppendynamik viel weniger darauf basiert, wie der Einzelne tatsächlich das Gegenüber im Vergleich zu sich selbst reflektiert; da spielt dann nicht das "Ich" als Orientierung die erste Rolle, sondern die Gruppe, der man sich zugehörig sieht oder in der man sich befindet. Auf diese Weise ist die eigentliche und tatsächliche Selbsterfahrung als Ausgangspunkt zur Orientierung vor dem Urteil weitestgehend ausgeschaltet.

Man kann dies beispielsweise bei randalierenden Fußballfans leider sehr häufig beobachten, wenn sie sozusagen Gruppen-Vorurteile entwickeln, die absolut nichts mit der persönlichen Reflektion eines "Ich" und "Du" zu tun haben; die Hooligans hauen auf alles drauf, was die Kappe des gegnerischen Vereins trägt. Ich kann mir ebenso vorstellen, dass die meisten Neo-Nazis selbst überhaupt keine wirklichen Erfahrungen mit Ausländern machen, bevor sich eine derartige Antihaltung entwickelt. Und in den Brennpunkten der Städte treffen die Jugendlichen bereits bestehende Gruppen an oder wachsen sozusagen in sie hinein. Das fängt mancherorts sogar schon im Kindergarten an.

Nur zeigt sich das Gruppen-Vorurteil eher selten so offensichtlich, denn offensichtlich wird's immer erst durch ausgeführte Taten, die dann in die Schlagzeilen geraten. Ein bereits bestehendes Gruppen-Vorurteil - und sei es auch sehr gering ausgeprägt, kann sich hoch schaukeln; wozu nicht selten auch die Medien erheblich beitragen, wenn beispielsweise der Islam permanent in in einen entsprechend extremen Kontext gesetzt wird, unterstützt dies unterschwellig die Kleingeister. Im Umkehrschluss trifft dies natürlich auch auf ein solch hoch geschaukeltes Gruppen-Vorurteil zu, das beispielsweise ausgelöst durch die Mohammed-Karikaturen oder nach irgendwelchen Koran-Verbrennungen zu beobachten war. .... mal vom Holocaust ganz abgesehen, halte ich das Gruppen-Vorurteil geradezu grundsätzlich für gefährlich, zumal wir es fast tagtäglich in immer wieder unterschiedlicher Form erleben, auch wenn wir nicht direkt oder persönlich daran beteiligt zu sein scheinen, wenn deshalb ganze Kriege vom Zaum gerissen werden können oder unterschwellig ganze Bevölkerungsgruppen verbal vorverurteilt werden. Auch da ist die persönliche Reflektion zwischen dem "Ich" und dem Betroffenen weitestgehend ausgeschaltet.

Ich könnte Dir zahlreiche Beispiele nennen, aus denen hervor geht, wie wenig die Identifikation mit dem eigenen Ich und dessen wirklich selbst erlebten Erfahrung mit dem anderen eine Rolle in der derzeitigen Gesellschaftsform spielt. Und ebenso gibt's ohne Ende Beispiele für das, womit sich viele Menschen, statt mit sich selbst, stellvertretend identifizieren. Und das meiste davon entsteht aus einer Gruppendynamik heraus - selbst dann, wenn wir von "Informationen" aus den Medien berieselt werden und/oder wenn wir dem gewohnten Trott des Alltags durch Job und Konsum folgen. Meine These ist, dass sich die meisten Menschen immer mehr von sich selbst entfernen und sich im wahrsten Sinne des Wortes fast ausschließlich mit dem "Mainstream" identifizieren, der in einer Gruppendynamik entsteht und sie zugleich zum Spielball der Systeme mutieren, weil es auf diese Weise an Bezugspunkten der Selbsterkenntnis mangelt.

Das so genannte "Burnout-Syndrom" ist ebenfalls ein Beispiel dafür, wie es sich auch physisch auswirken kann, wenn man völlig den Bezug zu sich selbst verliert wenn man sein Leben fast ausschließlich im systematisch vorgelegten Hamsterrad verbringt; dann sagt der der Körper: "Hey Junge - komm mal wieder zu Dir!" ... viele finden sich dann in einer Leere wieder, und dann erst geht die Suche nach dem "Ich" los.

Mir ging's bei der Frage um das "Ich" und der Reflektion mit der äußeren Welt um die Frage der Beurteilungsfähigkeit, die nur so möglich ist; wie sieht bezüglich der Beurteilung der gesellschaftlichen Gegebenheiten das Verhältnis zwischen "Ich" und Gruppendynamik aus? .... steht diese Voraussetzung noch in einem gesunden Verhältnis? Man sagt ja auch: "wenn man sich nicht selbst zu lieben in der Lage ist, kann man auch niemand anderen lieben" oder: "was du nicht willst, was man dir tut, füge auch keinem anderen zu." Ich glaube, dass dies eine ganz grundsätzliche Voraussetzung für ein gesundes soziales Miteinander ist - und eben auch die Voraussetzung dafür, dass sich Vorurteile, die sich nie ganz ausschließen lassen, in halbwegs gesunden Dimensionen bewegen.

Wobei auch dies in hohem Maße etwas mit Bildung zu tun hat - primär die Bildung, die auf Lebenserfahrung beruht. Für mich ist es angesichts der derzeitigen gesellschaftlichen Begebenheiten bezeichnend, dass bei den letzten PISA-Test-Ergebnissen die Sozialkompetenz stets besonders miserabel hervor ging - mit absteigender Tendenz. Das hat meiner Ansicht nach u.a. auch etwas damit zu tun, dass sich die Kids - wie auch viele Erwachsene - mehr mit ihrem Handy identifizieren als mit sich selbst; welche auf Vergleich basierende Beurteilung des Gegenübers soll denn dabei raus kommen, wenn beim scheinbaren Vergleich das tatsächliche "Ich" quasi ignoriert und etwa durch einen Konsumartikel ersetzt wird? Wie viel Raum lässt das Leben im Hamsterrad für die Bildung eines wirklichen Selbstbewusstsein, das schließlich auch auf Selbsterkenntnis beruht? Ich glaube, dass ein solches Defizit durchaus unnötige Vorurteile und insbesondere Gruppenvorurteile begünstigt und sogar erzeugt; in besonders ausgeprägtem Maße dann, wenn dies die Vielen genau so handhaben und es insgesamt für normal gehalten wird, sich etwa mit Konsumartikeln, dem Fußballverein, mit der Nationalität oder der Religion zu identifizieren und so gut wie gar nicht mit dem eigenen "Ich".
__________________
"Die Schöpfung der Welt geht weiter." (Jules Renard)

Geändert von Chiron (26.04.2012 um 18:02 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #217  
Alt 26.04.2012, 20:21
Armin1 Armin1 ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 11.05.2008
Beiträge: 1.009
Zitat:
Zitat von Chiron Beitrag anzeigen
..
Wobei auch dies in hohem Maße etwas mit Bildung zu tun hat - primär die Bildung, die auf Lebenserfahrung beruht. Für mich ist es angesichts der derzeitigen gesellschaftlichen Begebenheiten bezeichnend, dass bei den letzten PISA-Test-Ergebnissen die Sozialkompetenz stets besonders miserabel hervor ging - mit absteigender Tendenz."
I am back!

Wo wurde denn in der PISA Studie denn bitteschön die Sozialkompetenz vermessen?
Mit Zitat antworten
  #218  
Alt 26.04.2012, 21:08
Benutzerbild von Chiron
Chiron Chiron ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 03.06.2006
Beiträge: 1.554
Zitat:
Zitat von Armin1
I am back!
Hi Armin!
Zitat:
Zitat von Armin1
Wo wurde denn in der PISA Studie denn bitteschön die Sozialkompetenz vermessen?
... der Zweifler ist zurück! Du tust so, als sei PISA-Studie Dein zweiter Vorname, würdest sie auswendig kennen und ich würde hier unhaltbare Behauptungen in den Raum stellen. . .... ich muss zugeben, dass ich die PISA-Studien-Ergebnisse der letzten beiden Jahre hier nicht schriftlich vorliegen habe und weiß auch nicht, ob sie ausführlich im Netz zu finden sind. Meine Bezugsquelle der Info ist - sofern es erlaubt ist: Ranga Yogeshwar; er hat sich mit den Ergebnissen ausführlich beschäftigt und berichtete in einer Talkshow zum Thema "Bildungssituation in Deutschland" darüber. (es ging um leichte marginale Verbesserungen der Ergebnisse im Vergleich zur vorherigen Studie und darum, wie dies zu bewerten sei, da die üblichen Boulevard-Zeitungen dies in Schlagzeilen schon als Erfolg feierten)

Yogeshwar hob explizit diesen Punkt der Ergebnisse mit der Kritik hervor, dass dies seiner Meinung nach viel zu wenig Beachtung in der Bewertung offizieller Stellen und der Öffentlichkeit findet, zumal das aktuelle Ergebnis zur Sozialkompetenz im Vergleich zur vorherigen Studie sogar noch schlechter ausgefallen war. Ich fand es beachtlich, dass er es in dieser Sendung mit Nachdruck hervor hob und gehe davon aus, dass Yogeshwar sich dies nicht einfach aus der Nase gezogen hat - insbesondere nicht in einer Sendung der ARD speziell um dieses Thema, denn Yogeshwar hatte offenbar als "Wissenschaftsexperte" der ARD den Auftrag, die Studienergebnisse auszuwerten. Fazit war übrigens, dass sich einige Ergebnisse lediglich minimal verschoben hatten und es keinen Grund zum Frohlocken gibt. Jetzt kannst Du Ranga Yogeshwars Aussage anzweifeln oder Dich selbst informieren.

P.S. @Armin1: Hältst Du die Sozialkompetenz als Lernziel in der Schule für so belanglos, dass Du sie für die PISA-Studie so selbstverständlich ausschließt? ... oder willst Du sie nur für unmöglich halten, weil Dir vielleicht der soziale Kontext zum Thema nicht schmeckt, zumal er von mir, einem für Dich sperrigen "Links-Sympathisanten" kommt?
__________________
"Die Schöpfung der Welt geht weiter." (Jules Renard)

Geändert von Chiron (26.04.2012 um 23:40 Uhr)
Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen

Themen-Optionen
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.

Gehe zu