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28. Januar 2011
Test: Was leistet ein Hobbyradler?

„Zieh, zieh, zieh!“ ruft der Mann mit dem Lactatmessgerät in der rechten Hand und quetscht mir noch einen Tropfen Blut aus dem Ohrläppchen. „Gut so! Nicht nachlassen.“
Ich hocke vornübergebeugt auf dem Ergometer und trete. Schweiß läuft mir über die Stirn. Ein grün leuchtendes Display zeigt die Trittfrequenz an, ich soll sie bei 75 halten. Das war anfangs keine große Herausforderung, fast ohne Widerstand schnurrte das Schwungrad auf de
r Rolle. Doch nach jeder Messung des Lactats in meinem Blut verändert Marc, der Mann mit dem Messgerät, den Rollwiderstand. Nach jedem Mal muss ich 30 Watt mehr Energie einsetzen, um 75 Umdrehungen in der Minute zu kurbeln. Inzwischen sind 340 Watt nötig. Ich keuche. Marc tupft mir mit einem Tuch die Stirn ab. "Suuuuper! Los: Zieh, zieh!"
Ein sonniger Wintertag in Zürich. An einem Berghang, rund 20 Straßenbahnminuten von der Innenstadt entfernt, liegt der Campus der ETH, der Eigenössischen Technischen Hochschule Zürich. Das Institut für Sportphysiologie finden wir in der dritten Etage eines funktionalen Baus mit wenig Charme aber grandiosem Ausblick über die Stadt und auf die Berge. Hier haben Piero Fontana und Marco Toigo vor einigen Jahren ein Start-Up gegründet. Exerscience soll wissenschaftliche Erkenntnisse aus Sportphysiologie, Biomechanik und Ernährung bündeln, so könne der Sportler sein Leistungspotenzial voll ausschöpfen. Genau das richtige, wenn jetzt schon absehbar ist, dass man kaum so viel trainieren kann, wie man sich vorgenommen hat.

Am Anfang muss das Potenzial ermittelt werden. Und deshalb hocke ich in einem kleinen Laborraum voller Apparate auf dem Ergometer und trete. Ich habe keinen Blick für die in der Wintersonne glitzernde Stadt, keinen Blick für die signierten T-Shirts und Autogrammkarten bekannter und unbekannter Sportler, die sich mit kurzen Zeilen bei Exerscience bedanken. Ich habe nur einen Blick für 75.
Es ist nicht leicht, zu vermitteln, was es bedeutet, 340 Watt zu erzeugen. Eine herkömmliche 60-Watt-Glühbirne hat einen Stromverbrauch von 0,06 kw/h. Würde ich also eine Stunde lang 340 Watt treten, könnte ich einen kleineren Kronleuchter flackern lassen oder zwei Kühlschränke betreiben. Aber im Moment ist der Gedanke, eine Stunde lang 340 Watt schlicht unvorstellbar. Dafür reicht die Form noch nicht. Zudem wird die Energieerzeugung dadurch erschwert, dass mir eine Maske über das Gesicht gezogen wurde, die Nase ist zu, ich kann nur durch den Mund atmen. Die Luft muss eine schmale, mit Mess-Sensoren gespickte Röhre passieren. Und genau diese Erschwernis ist der Grund dafür, dass Claus Peter und ich in die Schweiz gereist sind.
Das Exerscience-Team misst nicht nur Herzfrequenz und Lactat. Sie ermitteln das Potential eines Sportlers, in dem sie dessen maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit analysieren: Wie tief atmet der Sportler ein? Wie groß ist sein Lungenvolumen? Wie gut verwertet er den Sauerstoff? In welchem Verhältnis diese Werte zum Körpergewicht stehen, wird in einem Wert dargestellt, eine nüchterne Ziffernfolge, hinter der es schlicht heißt „relativ (pro kg Körpermasse)“. Um letztere zu ermitteln, hat es allerdings einen furchtbaren Moment gegeben, ich musste auf eine Waage steigen, die dann mein Gewicht anzeigte: 96 Kilogramm. Wahnsinn. Und das will ich über 22 Alpenpässe wuchten?

„Super! Zieh weiter! Nicht nachlassen.“ Zwei Minuten lang habe ich 370 Watt getreten, jetzt bin ich bei 400 Watt. Doch ging es gerade noch verhältnismäßig leicht dahin, spüre ich plötzlich wie meine Beine sich schwertun, den Druck aufrechtzuhalten. Wie mich plötzlich Kleinigkeiten stören, ich verändere die Position des Lenkers, ändere meine Körperhaltung, in der Absicht mehr Luft in die Lungen zu kriegen, weiter treten zu können. Und dann ist es vorbei. Als hätte mir jemand den Stecker gezogen. Mehr geht nicht.
In der Auswertung wird sich zeigen, dass meine Performance nicht schlecht war. Gemeinsam gehen wir die Werte durch. Und während ich mich noch ärgere, dass ich nicht genug Biss gehabt habe, um die 400 Watt zu Ende zu kurbeln, sorgt Jens bei mir für Zuversicht. Lungenkapazität und Sauerstoffaufnahmefähigkeit seien sehr gut. Auch der Verlauf von Pulsfrequenz und Laktat lägen im oberen Drittel. Und er berichtet von einem Profi, den sie hier mal auf den Bock gesetzt hätten - und der die 500 Watt geschafft hätte. „Aber im Sommer, wenn ihr von der Transalp zurück seid, dann kriegt ihr das auch hin.“

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Claus Peter Simon, 49, (verheiratet, zwei Kinder), geschäfts-
Dirk Lehmann, 49, (geschieden, zwei Kinder), Redakteur beim Reisemagazin GEOsaison (da unter anderem zuständig für die Themen Reisenews, Hotels und Wellness) fährt seit zehn Jahren Rennrad, seine bisher beste Platzierung: 63. bei den Hamburger Cyclassics. Sein Ziel: noch vor dem 50. aus eigener Kraft über die Alpen - und nicht letzter werden.
Arianna Dadaschi, 27, Moderatorin und Fernstudentin der Kultur-