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Zwei Norddeutsche mit dem Rad durch die Alpen
Tag der Freude

Blick auf einige Radler in den letzten Kehren am Passo di Mortirolo (Foto aus dem Picasa-Webalbum der Tour Transalp, Fotograf: Uwe Geissler)
Statt zur Pasta-Party, die jeden Abend als Kohlenhydrat-Festival den Etappen-Tag beschließt (manchmal muss man allerdings verdammt lange warten, bis man einen Teller Spaghetti mit Fleischsauce ausgehändigt bekommt), sind wir in Livigno in ein Restaurant gegangen und haben da Nudeln und Pizza gegessen. Währenddessen ging ein heftiger Gewitterschauer über dem Tal nieder, und wir fragten uns, wie wohl der Ablauf sein wird, wenn es auch am Morgen so heftig regnet. Rollen wir dann in unseren Radklamotten zum Start, werden während der mehrminütigen Prozedur total nass und erklimmen so einen Pass, auf dessen Höhe die Temperatur kaum mehr als 5 Grad beträgt?
Doch all diese Bedenken zerstreuen sich am Morgen. Wolken hängen über dem Tal, ein feiner Regenspreu kühlt die Gesichter, doch an einigen Stellen blitzt schon blauer Himmel durch. Zuversichtlich verlässt das Tour-Fahrerfeld Livigno. Während wir in Block D gerade los fahren, sind die Führenden schon im Anstieg auf den ersten Pass, dazwischen zieht sich eine lange Reihe bunter Radler die Bergflanke hinauf, klatschend verabschiedet man uns aus dem Alpendorf mit seinen charakteristischen Holzhäusern.
Drei Pässe müssen heute erkraxelt werden. Die ersten beiden sind schnell abgehakt, ich drücke sie im großen Gang durch. Die lange Abfahrt beginnt mit einer nicht ungefährlichen Schussfahrt durch mehrere Galerien, das sind zur Seite offene Tunnel, unbeleuchtet, und an einem bedeckten Tag ziemlich dunkel. Wir haben das Glück, dass ein Motorrad des Medical Teams vor uns her fährt und folgen dem Rücklicht. Es ist eine gute Orientierungshilfe. Und doch fährt das Unbehagen mit: Der Asphalt ist löchrig, die Tunnelwände sind unverputzt, mit rund 70 Km/h rasen wir ins Halbdunkel. 1200 lebendige Kanonenkugeln.
Ich fühle mich gut heute, genieße die Hatz über das eher wellige Terrain mitten im Hochgebirge, wir begleiten einen Fluss, fahren durch Dörfer, ich winke den Kindern, die uns winken. Kurz hinter der ersten Verpflegungsstelle geht mein linkes Pedal kaputt. Ich kann den Schuh zwar noch sicher aufsetzen, doch nicht mehr am Pedal ziehen. Für den heftigen Anstieg zum Passo Mortirolo nicht gerade ein Vorteil. Der Mortirolo ist ein mythischer Pass, 12,6 Kilometer lang, 1300 Höhenmeter sind zu überwinden, die steilsten Passagen stemmen sich mit 17 Prozent dem Radler entgegen.
Mit großem Respekt begebe ich mich in den Anstieg - und merke schnell, dass ich heute „gute Beine“ habe. Ich trete und trete und trete die 33 Kehren nieder. Zweimal halte ich an. Einmal um mich zu belohnen dafür, dass ich die Hälfte der Strecke geschafft habe, es gibt einen Schluck Energiedrink und ein Stück Riegel. Das zweite Mal um ein Foto vor dem Pantani-Denkmal zu machen. Ich bin eigentlich kein großer Fan dieses frühzeitig verstorbenen Kletterzwerges, der wie viele Radheroen der 1990er Jahre tief im Dopingsumpf steckte. Ich bewundere eher Rouleure wie Fabian Cancellara, Jens Voigt, Tony Martin. Aber wenn ich schon mal hier bin? Und während ich da stehe, kommt auch Claus Peter angestampft, der sich ein Stück hatte zurück fallen lassen. Noch ein Erinnerungsfoto.

Team geo.de am Pantani-Denkmal
So bekloppt es für einen Nicht-Rennradfahrer auch klingen mag, aber der Mortirolo ist ein schöner Pass. Lange führt die schmale Straße, auf der keine Autos und keine Motorräder unterwegs sind, durch einen duftenden, Schatten spendenden Kiefernhain. Immer wieder öffnen sich weite Blicke über das Tal. Oben angekommen, passiert man Wiesen, auf denen Vieh weidet. Und auf der anderen Seite geht es über eine steile, sich am grünen Berghang entlang windende Straße hinunter. Man fliegt vorbei an steilen Wiesen, einfachen Gehöften, stillen Dörfern mit kleinen Kirchen. Schließlich kommen wir auf die Straße nach Ponte di Legno. Mit durchschnittlich 3,5 Prozent geht es hinauf in den Ort. Ein schöner Tag auf dem Rad neigt sich dem Ende zu. 
Radelnder Reporter am Passo di Mortirolo (Foto aus dem Picasa-Webalbum der Tour Transalp, Fotograf: Uwe Geissler)
Im Ziel sprechen wir mit vielen Radlern. Die meisten freuen sich, dass sie heute mehr Zeit haben, dass sie nicht erst so spät ins Ziel kommen. Sie finden es gut, dass sich plötzlich so eine Mischung aus Radsport und Reisen einstellt. Jetzt, nach fünf Tagen auf dem Rad, wissen die Radler, dass sich das Rennen auf einen schmalen Personenkreis konzentriert. Wir anderen können nichts mehr gewinnen – außer neuen Eindrücken. Dazu gehört der überraschende Spaß an einem knüppelharten, alles fordernden Aufstieg. Es geht gar nicht so sehr darum, noch einen Pass zu sammeln.
In Ponte di Legno sitzen wir schließlich auf Plastikstühlen, die Füße stehen in einer mit kaltem Wasser gefüllten Schüsseln, und uns werden die Beine mit einem den Stoffwechsel anregenden Salzpeeling eingerieben. Die Sonne scheint, es ist kurz vor 1500 Uhr. Rund zwei Stunden nach den ersten sind wir durch das Ziel gefahren. Aber wir haben uns deutlich verbessert – in den Platzierungen. Aber auch beim Radfahren selbst. Es ist verrückt, aber nach fünf Tagen beginnt die Tortour Transalp für uns zur Tour zu werden. An dem Tag, an dem wir einen der steilsten Alpenpässe überhaupt hinauf gefahren sind.
Der 19-Prozenter: fast umgekippt am Mortirolo

Heute morgen hat sich erstmals ernsthaft die Kleidungsfrage gestellt. Der Regen hatte aufgehört, aber dunkle Wolken zogen durch Livigno. Auf der ersten Anhöhe, dem Passo Foscagno auf rund 2200 Metern, sollten es gerade mal sieben Grad sein. Das heißt Armlänge, wasserdichte Überschuhe gegen Kälte und Regen, eine Helmmütze, natürlich eine Regenjacke und zur Sicherheit lange Handschuhe für die Abfahrt. Die sind dann doch nicht nötig, genau so wenig wie die Helmmütze, denn auf der fast 40 km langen Abfahrt (nur durch kleine Hügel unterbrochen) steigt dann fast minütlich die Temperatur und die Sonne kommt durch.
In den zwei, drei schlecht asphaltierten Galerien ist es, wie ich später erfahre, zu hässlichen Stürzen weiter vorne gekommen. Als Dirk und ich durchbrausen, liegt noch eine Trinkflasche auf dem Asphalt und lehnt ein Rad im Dunkeln an der Wand, ein wenig gespenstisch … Ohnehin gehören Stürze leider zur Realität einer Veranstaltung mit 1200 Rennradfahrern. Aber nicht nur um Unfälle muss sich das Rescueteam kümmern, auch ab und an um Entkräftete, die sich bergauf in eine Fast-Ohnmacht fahren und dann an den Tropf kommen. Manche können dann weiterfahren, andere nicht. Sieben bis zehn Prozent der Teams sind es, die wegen Sturz, Krankheit oder Entkräftung das Ziel einer Transalp nicht erreichen, hat uns Tour-Chef Uli Stanciu in Sonthofen erzählt.
Vielleicht doch nicht so schlecht, dass ich bergrunter ein echter Schisser bin. Eigentlich finde ich mich schon ziemlich schnell, aber auf dem Rad kommt mir 80 km/h viel gefährlicher vor als z.B. auf Skiern. Hier werde ich oft noch in einem Affenzahn überholt, aber die meisten haben auch deutlich mehr Bergerfahrung als wir Hamburger.
Heute, am bis zu 19 Prozent steilen Mortirolo, hätte es mich absurderweise fast beim bergauf fahren erwischt. Auf einer Rampe kurbelt vor mir ein russischer Kollege mit Tempo fünf, schwankt mit dem Vorderrad und kippt plötzlich zur Seite, prallt an eine Mauer. Vorbei komme ich nicht, aus den Pedalen auch nicht, aber ich kann mich gerade noch an der Mauer abstützen, mit der anderen Hand in die Bremse - und überlege dann, wie ich wieder in Gang komme. Für Leute mit mehr Bergerfahrung sicher auch kein Problem, aber für Tiefebenen-Radler, die plötzlich auf einer enormen Schräge stehen, schon.
Der Mortirolo ist auf der ganzen Strecke ein fieser Geselle, er gilt als einer der, wenn nicht sogar der härteste Alpenpass überhaupt. Andererseits ist er traumschön, schmal, fast kein Verkehr, viel Schatten, wunderbare Landschaft - und er gibt einem ein großartiges Gefühl, wenn man oben angekommen ist; und - wow! - schieben mussten wir nicht. Das Ziel Ponte die Legno ist dann recht schnell erreicht, nach "nur" 111 km. Daher können wir schon früh im Hotel Mirella einchecken, dass einen bezaubernden Ausblick aus dem vierten Stock bietet, ein großes Schwimmbad hat und dessen Küche mit einer lombardischen Spezialität aufwartet.

Blick aus dem Hotel Mirella
Hier kümmert man sich liebevoll um unsere Räder, die in einem Kellerraum eingeschlossen werden, und dessen Stromversorgung bis morgen früh gekappt wird, um Dieben keine Chance zu geben. Ein gar nicht so unwichtiger Faktor, denn solche Großveranstaltungen ziehen Leute an, die wissen, das dort enorme Werte auf engem Raum zusammen stehen; hier gibt es viele Teams, deren Räder zusammen einen fünfstelligen Betrag wert sind. In Naturns, höre ich, wurde in eine Hotelgarage eingebrochen und Material entwendet. Dem Kollegen hat dann der Hotelier sein Rennrad für die Weiterfahrt zur Verfügung gestellt. Wenn das kein Service ist ....
Herrlich - das Fussbad danach in Ponte di Legno
Auf das Dach der Tour Transalp - und hinein in die Regenfront

Ich auf der Abfahrt vom Stilfser Joch.
Es ist kurz nach 22 Uhr und draußen regnet es Bindfäden - besser gesagt, es schüttet seit drei Stunden. Was wird morgen sein? Mehr als sieben Stunden im Regen? Das war eigentlich nicht gebucht.
Heute waren es mehr als sieben Stunden in der Sonne. Zwar "nur" 118 Kilometer, aber die hatten es in sich. Ein Mitfahrer sagte am Abend zuvor: Mit der Auffahrt zum Stilfser Joch beginnt die Tour erst. Und sie erreicht ihren Höhepunkt, auf mehr als 2700 Metern. Rund 2200 Höhenmeter waren davon am Stück zu überwinden. Erstaunlicherweise fielen sie uns leichter als gedacht. Die spektakulären 48 Kehren, die scheinbar in eine senkrechte Felswand gemeißelt wurden, setzen einfach ungeahnte Energien frei. Und wenn man sich so von Serpentine zu Serpentine hangelt, fällt zumindest mir das Fahren deutlich leichter als wenn es endlos gerade Rampen hinauf geht. Der Puls hat sich inzwischen auf unter 140 eingependelt, ganz anders als am ersten Tag, als ich stundenlang im 160er-Bereich unterwegs war.

Subjektiv viel anstrengender dann der Passo Foscagno, der uns nach dem Stilfser Joch vor allem wie ein fieses Hindernis zum ersehnten Etappenziel in Livigno erschien. Am Ende mussten wir dann zweimal den steilen Zieleinlauf hinauf fahren, weil uns das Fernseh-Team vom SWR, das Dirk heute begleitete, zunächst verpasst hatte.
Heute ist es dem besten Masters-Team doch tatsächlich gelungen, die schnellsten jungen Männer, knapp abzuhängen: 4:23.58 zu 4:24.28! Und auch in der Gesamtwertung sind besten älteren Semester gerade mal 38 Sekunden (!!!) zurück. Das verspricht noch einen heißen Kampf um die Preisgelder.
Begonnen hatte der Tag bei mir mit einem kleinen Schreck: Zehn Minuten vor dem Start stellte ich fest, dass die Decke des Hinterreifens an einer Stelle eine wulstige S-Form angenommen hatte (okay, man sollte sich sein Rad schon am Abend genau ansehen, eigene Blödheit). Der Schwalbe-Support hat den Mantel dann aber in Rekordzeit gewechselt, so dass ich noch genügend Zeit hatte, den Startblock D zu finden (der Mann hat einfach mit einer Hand den Mantel abgezogen, Wahnsinn, ich brauche dafür Heber-Werkzeug und meist diverse Anläufe). Aber bei Abfahrten mit Tempo 70 auf nicht immer superasphaltierten Straßen sollte es keine Kompromisse bei den Reifen geben. Dankenswerterweise hatte die Organisation einige stockdunkle Tunnel bei der Abfahrt vom Stilfser Joch etwas beleuchtet, was extrem hilfreich ist, wenn man mit Sonnenbrille in ein dunkles Loch schießt (zumal ich Maulwurf die Brille nicht einfach absetzen kann).
Am Abend dann der nächste Schreck, meine Tasche ist nicht im Hotel, Dirks schon. Ich sehe mich schon in den verschwitzten Klamotten von heute weiterfahren (weil die, würde man sie waschen, bei der Feuchte draußen nicht über Nacht trocknen). Aber nachdem wir das Taschenteam alarmiert hatten, dauerte es kaum eine halbe Stunde und das gute Stück stand in der Lobby. Puh!
Aber was ist nur morgen, wenn es schon vor dem Start regnet und zehn Grad kalt ist. Wird dann eine Abkürzung erlaubt sein, fahren wir ein Kriterium rund um Livigno - oder sollen wir tatsächlich stundenlang …. am besten gar nicht daran denken …
Tag des Genusses

„Heute beginnt die Tour Transalp richtig“, sagt jemand am Start und verstärkt damit meinen Respekt vor der so genannten Königsetappe noch mehr. Ob heute der König der diesjährigen Transalp gekürt wird, oder ob es sich nicht eher „bloß“ um die nominell schwierigste Etappe handelt, zeigt sich aber erst später. Mit einer Distanz von 118 Kilometern und insgesamt 3500 Höhenmetern stellt der vierte Tag den Teilnehmern einiges in den Weg - vor allem aber den Passo Stelvio. Das Stilfser Joch ist ein 26 Kilometer langer Anstieg mit mehr als 2000 Höhenmetern am Stück, verteilt auf 48 Kehren. Ein Teil davon windet sich durch ein Wäldchen, und erst wenn man sich aus dem herausgekurbelt und die Baumgrenze überfahren hat, sieht man diese gewaltige Felswand mit all ihrer Wucht und Schönheit. Flachrandradler wie ich fahren bis zu der Stelle schon rund eine Stunde gen Himmel. Fast 2,5 brauche ich bis zur Passüberfahrt auf 2750 Metern Höhe.
Es ist eine zähe Schinderei. Die Steigungsprozente variieren zwischen 8 und 11, anfangs sind die Kehren - Tornanten - noch weit von einander entfernt, und der Countdown macht nicht so richtig Spaß. Später liegen sie dann eng übereinander, man zählt sie richtig runter. Und je näher wir dem Gipfel kommen, desto mehr Menschen stehen in den Kurven und feuern uns an. Schließlich erreichen wir die Passhöhe. Wie viele ist sie ein Unort, an dem abstruse Souvenirs verkauft werden, Getränke für Fantasiepreise und Snacks, deren Geruch einem schon den Magen umdrehen. Aber der Fernblick ist grandios - auf die schneebedeckten Gipfel, auf die sich in Kurven hinaufwindende Straße, noch immer sind unzählige Radler unterwegs.
Die rasante Abfahrt über Serpentinen und durch Tunnel mit Geschwindigkeiten bis 80 Km/h verlangt volle Konzentration. Und doch bleibt viel Gelegenheit, sich an dieser grauen, schroffen Welt aus Stein zu berauschen. Diese Fahrt auf das Stilfser Joch hinauf und die dazugehörige Abfahrt, die enthalten all jene Momente, für die ich diesen Sport so mag. Für die ich überhaupt an dieser Tour teilnehme. Ja, es ist eine Mörderanstrengung. Aber noch mehr ist die Fahrt ein Genuss.
Allerdings stimmen auch die Bedingungen. Die Sonne scheint, es ist aber nicht so heiß. Meine Beine fühlen sich gut an, der Hintern tut dafür doppelt so weh wie gestern (aber jammert nicht jeder über seinen Hintern?). Und auch diesmal missfällt mir der kleine Pass, den Sadist Stanciu, der Routenplaner der Veranstaltung, eingebaut. Man muss auf verkehrsreicher Straße durch eine Kleinstadt und darf mit dem Umstand Bekanntschaft machen, dass die italienischen Autofahrer total stolz darauf zu sein scheinen, ganz dicht an einem Radfahrer vorbeizurasen. Weil wir noch ein Kamerateam auf dem Stilfser Joch getroffen haben, erreichen wir erst nach mehr als sieben Stunden das Ziel. So lange haben weder Claus Peter noch ich je im Sattel gesessen. Und wir wissen, dass der Hintern morgen dafür noch mehr büßen wird. Egal. Reichlich bedienen wir uns am im Startbereich aufgebauten Buffet mit Melone, Käsebrocken, Bressaola, Brot, Cola...
Mit vielen Radlern habe ich heute gesprochen. Bedanken möchte ich mich für die Tipps („Eine Kehre fährst du am besten von außen oben an, dann rollst du quasi ein Stück in den Anstieg hinein.“), für die Aufmunterungen („Los, ihr radelnden Reporter!“) und für das viele Lob, erst recht wenn es so charmant ist, wie das von Alexandra, die sagte: „Ich bin nur mitgefahren, weil ihr mitfahrt - ihr habt auch so wenig Trainingskilometer...“
Morgen dann der Hammeranstieg auf den Passo di Mortirolo, bis zu 19 Prozent steil. Und das zumindest bei nassen Bedingungen, auch Regenschauer werden nicht ausgeschlossen. Vielleicht muss ich mein Rad schieben. Denn ob ich kaum fünf Km/h fahre oder 4 Km/h gehe, ist doch eigentlich egal. Wäre da nicht die Radlerehre. Aber mit der beschäftige ich mich ein anderes Mal. Dafür bin ich jetzt einfach zu müde.
Livigno - Auch ohne Hightech ans Ziel!
Heute habe ich mir die Räder auf der Tour Transalp mal etwas genauer angeschaut. Mir fiel nämlich morgens vor dem Start ein Rennrad auf, das anders war als die Räder darum herum. Es hatte einen schlichten schmalen Stahl-Rahmen, eine Shimano-Deore-Schaltung (!), eine Alu-Sattelstütze und das Verrückteste: Es hatte eine Transalp-Startnummer am Lenker! Fasziniert ging ich näher. Beim Hochheben traf's mich dann blitzartig im Kreuz. Das waren ja mindestens 10 Kilo! Warum tat ein Mensch sich sowas an? Ich drehte mich um, aber wo ich hinsah, nur Alu und Carbon in den modernsten Formen und Farben. Ich nahm mir vor, im Zielbereich genauer darauf zu achten, ob noch andere "Retroräder" unterwegs waren. Und tatsächlich, ich bekam noch vier weitere Räder vor die Kamera.
Diese zwei habe ich beim Vorbeigehen geknipst und daher die Namen der Besitzer nicht parat.

Und hier sind die Räder von Ute aus Heidelberg...
...und Roland aus Rottenburg am Neckar!

Besonders toll fand ich die Teampartner Jörg und Michael mit ihren Rädern.
Jörgs Rennrad ist von 1998, also 15 Jahre alt und wiegt um die 10 Kilo. Den Hersteller Crek gibt es wohl nicht mehr. Berühmt-berüchtigt ist der Lüneburger für die roten Punkte auf seinem Rad und den Rückspiegel am Lenker. Ob auf der nun schon 8. Transalp oder den 12 Malen auf den Cyclassics in Hamburg, Jörgs Rad fällt immer auf. "Heute bin ich ein Kuriosum!" hat Jörg mir nicht ohne Stolz verraten.



Michaels Cannondale hat schon 20 Jahre auf dem Buckel. Die lila Schönheit wiegt satte 12 Kilo und nimmt es dieses Jahr mit der 7. Transalp auf. Und das ohne eine einzige Panne! Ich staune nicht schlecht, wie zuverlässig die beiden alten Renner ihren Dienst zu tun scheinen.


Ihr seht, man braucht nicht das Neueste vom Neuesten um sich erfolgreich die Berge raufzuquälen. Ich werde nächstes Jahr aber trotzdem meine BMC Racemachine zur Transalp mitnehmen... :-)
Tag des Durstes
Nominell galt die dritte als leichte Etappe: 2600 Höhenmeter, kein furchteinflößender Pass, den es zu überwinden galt. Von der Papierform (die ja längst eher eine Pdf-Form ist), schreckte die Strecke nur durch ihre Länge: 160 Kilometer! Selbst wenn man in Norddeutschland an einem Jedermann-Radrennen teilnimmt, muss man für eine solche Distanz bis zu fünf Stunden einkalkulieren. Wie lange würden wir wohl in den Alpen brauchen?
Doch einen Faktor hätte man bei der Berechnung – für die es ja eine Formel gibt, nur hatte Claus Peter heute morgen keine Lust, ein paar Zettel mit Werten und Zahlen zu füllen – nicht berücksichtigen können: das Wetter. Bis zu 40 Grad zeigt mein Radcomputer heute an. Beim Aufstieg zum fast 1600 Meter hoch gelegenen Reschen und auf den steilen Rampen hinauf zur Vinschgauer Höhenstraße brutzelt die Sonne den Inhalt unserer Helme. Manche Radler müssen sich in den Schatten eines Baumes stellen. Auch ich steige zwei Mal ab, gieße mir das Wasser aus meiner Flasche über Kopf und Trikot. Und so bekloppt es klingt, während man sich so langsam auf diese brutale Höhenmeterschlacht einkurbelt, genießt man besonders die Momente, in denen man fix und fertig ist. Steht da, blickt über eine grandiose Tallandschaft, Höfe am Hang, weit unten winzige Kirchen, Straßen, ein Flusslauf, in der Ferne die dramatischen Berge, blau, weiße Schneefelder blitzen in der Sonne. Weiter gehts.
Auch heute gilt wieder, die Route ist toll. Doch zwei Kritikpunkte muss sich die Organisation der Tour Transalp gefallen lassen: Es wurde viel zu wenig Wasser ausgegeben. Zwar hieß beim Briefing am Vorabend, dass es sehr warm werden würde, dass man genügend Getränke dabei haben müsse. Aber wir Hobbyrennradler haben nur zwei Flaschenhalter am Rad (wie die Profis), aber eben keine Teammitglieder, die am Straßenrand stehen und Flaschen an ihre Fahrer verteilen. In unseren Trikottaschen stecken ein paar Energieriegel, ein paar Trinkgele, ein Mobiltelefon, ein Erste-Hilfe-Set, ein Kleidungsstück für den plötzlichen Wetterwechsel. Mehr Flüssigkeit kann man nicht tragen. Und dann geht es vielen wie mir: Sie wissen schlicht nicht, wie viel Wasser man bei einer Bergaufpassage trinkt, wie viel man sich über den Kopf gießt. Schnell leeren sich die beiden Flaschen. Drei Tankstellen auf 160 Kilometer sind zu wenig.
Über noch eine Sache waren sich heute viele Jedermänner (-frauen selbstverständlich auch) einig: Den letzten Anstieg hätten wir nicht gebraucht. Jetzt kann man zwar sagen, gehört zum Rennen, die Rad-Wahnsinnigen schreien ständig nach mehr Kilometern, nach tollen Zahlen und neuen Rekorden (deshalb ist diesjährige Tour Transalp auch die längste). Doch das Erlebnis dieser unfassbaren Tiefblicke, das Glücksgefühl, einen Gipfel erreicht zu haben, die Fahrt durch die zwar von irrer Hitze umwehten, aber fantastisch anspruchsvollen Sträßchen in den Apfelplantagen bei Naturns, wären nicht weniger beeindruckend gewesen - ohne diesen stumpfsinnigen Kraxler hinauf nach Tarsch. Weniger ist mehr.

Claus Peter und ich haben den heutigen Tag aber trotzdem gut geschafft. Nun ja, Claus Peter, der ja bekanntermaßen der beste Bergfahrer Norddeutschlands ist (zumindest in Norddeutschland), war etwas besser drauf als ich. Aber wir waren ungefähr so schnell wie gestern und haben sogar ein paar Plätze gut gemacht. Im Ziel haben wir uns dann eine Apfelschorle geholt, einen Vinschgauer mit Salami und die Füße im Brunnen am Rathaus von Naturns gekühlt. Bis uns Boris abholte, er ist unser Gastgeber vom Wellnesshotel „Tyrol“ in Rabland, das ist ein sehr geschmackvoll renoviertes Hotel, dem man von vorn gar nicht ansieht, wie modern Einrichtung und Zimmer sind, wie groß der Wellness-Bereich. Wir haben uns turboentschleunigt (nun ja, so schnell waren wir ja gar nicht...): sind im Außenpool geschwommen, haben im Whirlpool die Muskeln gelockert, sie in der Sauna mit Blick auf die Bergwelt vom Latschenkieferaufguss zerdampfen lassen, bekamen ein schönes Vier-Gänge-Menü serviert. Am Ende waren wir uns sicher, dass so eine Tortour nur so funktioniert, indem man sich erst schindet und es sich dann gut gehen lässt. Morgen steht die Königsetappe an. Wir müssen das Stilfser Joch hoch fahren. 26 Kilometer bergauf bis auf 2753 Meter.
Wir sind doch genau so bekloppt wie die anderen.
Wo bin ich? Hitzeschlacht im Vinschgau

Gleich geht es los für Block D
Heute fahren wir gen Süden, nach Naturns, unweit von Meran. Die mit 160 km längste und wohl auch heißeste Etappe der Tour. Auf den letzten Kilometern durch die Apfelplantagen des Vinschgaus schien die Luft zu stehen, wahrscheinlich kommen die Bratäpfel zu Weihnachten hier aus der Gegend, erhitzt direkt am Stiel. Nach rund 150 Kilometern hatten die Streckenplaner (die manche Mitleidenden heute für Sadisten gehalten haben müssen) noch eine knackige Steigung von 100 Höhenmetern eingebaut, die es in praller Sonne in sich hatten und den letzten noch vorhandenen Schweiß aus den Poren trieben. Aber wie heißt es in der Tourbeschreibung so schön: "Eine vergleichsweise leichte Strecke" hatten wir angeblich heute zu bewältigen. Hmmm, möchten wir die anderen wirklich noch kennenlernen??? (nebenbei: morgen wartet das Stilfserjoch, mit mehr als 2200 Höhenmetern am Stück).

"Stop" in Naturns - der Mannschaftswagen des russischen Teams
Großartig heute die Vinschgauer Höhenstraße, eher ein schmaler Weg, der von der Charakteristik her an schleswig-holsteinische Knicks erinnert, die sich allerdings durch die Ebene schlängeln und nicht Berge herauf und herunter. Die Blicke in die Gletscherwelt des Ortler sind tatsächlich großartig, auch wenn wir dann doch nicht anhalten um die Aussicht zu genießen. Obwohl das am Ende völlig egal gewesen wäre, denn auf eine gute Platzierung kam es uns nicht an und kommt es uns nach den ersten drei Tagen erst recht nicht mehr an. Nicht, dass es ein Maßstab wäre, aber wir liegen inzwischen 5:57 Stunden hinter den Gesamtführenden - das entspricht ungefähr einer kompletten Tagesetappe!!!!!

Sonne und Anstrengung scheinen sich auch auf die Denkleistung auszuwirken, denn heute Abend habe ich Dirk gefragt, wo wir denn eigentlich am Morgen gestartet sind. Plötzlich verstehe ich, wie man sich als Tourneesänger fühlt, der abends in der Halle nicht mehr weiß, wo er ist. Auch der könnte übrigens in Ischgl gewesen sein, dieser etwas absurd zugebauten Spaß-Location, die noch dazu unterkellert ist mit Laufbändern zu Überbrückung einiger Höhenmeter. Auf diese Weise fühlt man sich als Besucher wie auf dem Frankfurter Flughafen zwischen den Terminals. Nur das dort keine Riesenfotos von Udo Jürgens, Tina Turner und anderen hängen.
Wo saßen wir doch gleich so entspannt vor dem Start, ach ja, in Ischgl
Naturns - Und täglich grüßt das Murmeltier
Was die Jungs so machen, das erfahren wir ja tagtäglich in ihren aufschlussreichen Erlebnisberichten. Damit ihr jetzt mal einen Überblick von meinem Tag bekommt, gibt es von mir heute einen typischen Arbeitsalltag als Transalp-Infocounter-Girl, der mit minimalen Abweichungen für die ganze Woche gilt.
06.30h Der Wecker klingelt und die Yogamatte, übrigens von allen als Isomatte verkannt, wird ausgerollt. Ich beginne den Tag nämlich immer mit 10 Minuten Sonnengruß - soviel Zeit muss sein!
7.15h Fertig gepackt geht's runter zum gemeinsamen Frühstück mit dem Orga-Team. In ländlichen Gegenden wie in den Alpen freue mich mich immer wieder auf das Frühstück! Da gibt es so herrliche Sachen wie deftige Rühreier mit Tiroler Schinken, Brötchen wie zu Ommas Zeiten - und mit guter Alpenbutter und selbstgemachter Marmelade drauf ist das wahrlich ein Genuss. Morgen ist aber Schluss mit lustig, denn jetzt sind wir in Italien, und hier gibt man sich zum Frühstück mit Kaffee und Brioche zufrieden...
7.45h Abfahrt zum Startbereich. Da die Hotels immer in der Nähe liegen, fahren wir eigentlich nie lange zum Start.
8.00h - 9.00h Für mich gibt's noch nicht viel zu tun, deswegen nutze ich die Zeit zum Plaudern mit den Teilnehmern über so ziemlich alles Mögliche. Besonders interessieren mich ihre Trainingsgewohnheiten, die Räder, die sie fahren und ihre Vorbereitungen auf die Transalp. Da kann's dann auch mal passieren, dass der Herr Wolfgang Sacher, mehrfacher Paralympics-Goldmedaillen-Gewinner, seine Handykamera zückt und ein Foto von einem macht. Danke nochmal, Wolfgang!
9.00h Startschuss. Klatschen und Bejubeln der Teilnehmer.
9.30h Ab ins Auto zum nächsten Etappenort. Je nachdem ist dieser zwischen 1-3 Stunden entfernt. Das mit der Anfahrt kann manchmal eine ziemlich knappe Kiste werden, wie z. B. gestern, wo wir fast nicht vor das erste Fahrerfeld mit dem Inizio-Gara-Fahrzeug gekommen wären. Das hätte für uns eine längere Kaffeepause am Straßenrand bedeutet. Auch schön!
10.30h - 13.30h Meine Kollegin Judith und ich richten unseren Infocounter in der Nähe der Zielverpflegungsstation ein und versorgen uns mit den notwendigen Unterlagen, die wir den ganzen Nachmittag brauchen werden. Das sind die Hotelliste der Teilnehmer, die Shuttle-Bus-Pläne mit den verschiedenen Orten, in denen die Hotels angefahren werden, sowie die speziell für die Transalp erstellten Ortskarten-Ausschnitte. Darauf sind die wichtigsten Punkte für die Teilnehmer verzeichnet: Bike Camp, Bike Parc, Duschen, Camping Platz, Taschenausgabe und natürlich der Standort der Pasta Party. Wir laufen meist noch die Strecke zu den einzelnen Stationen ab, um die Wege gut erklären zu können.
13.30h - 18.00h Die Spitzenfahrer kommen gegen 13.30h im Ziel an, nach und nach trudeln auch die anderen Teilnehmern ein. Ab jetzt ist Hochphase für uns: Die Teilnehmer belagern unseren Counter und wollen wissen: In welchem Hotel bin ich und wo liegt es? Wie komme dahin? Gibt es Shuttle Busse? Kann ich mein Hotel umbuchen? Wo ist das Bike Camp? Kann ich da auch duschen? Wo ist der Bike Parc? Gibt es einen Taxistand? Wo ist die Pasta Party? Wann fängt sie an? Wann hört sie auf? So geht das den ganzen Tag. Aber wer denkt, er höre hier einen beschwerlichen Unterton heraus, der irrt. Ich liebe diesen Job! Selbst als Moderatorin kann ich nicht so lange und mit so vielen unterschiedlichen Leuten quatschen wie hier. Und vor allem sind das ja alles Menschen, die das gleiche wunderbare (beste) Hobby (der Welt) haben wie ich!

18.00h Zielschluss. Der Infocounter wird abgebaut. Danach gehe ich mit meinem Computer ins Pressebüro, wo es Internet gibt und dort tippe ich meinen Blogeintrag. Das kann schon mal 1-2 Stündchen dauern, aber dann wird alles auf den Server hochgeladen und abgeschickt.
21.00h Ankunft im Hotel. Ich werfe mich schnell in meine Laufklamotten und gehe noch eine halbe Stunde joggen. Zum einen, um vom Tag runterzukommen, zum anderen, weil ich dann endlich Zeit habe, mir die schöne Gegend anzugucken. Berge habe ich ja weniger in Berlin. Und ohne diese kleine Auszeit würde ich immer nur zwischen den Hotels und den Start-Ziel-Bereichen hin- und herfahren ohne wirklich in Kontakt mit der Landschaft zu kommen - und dafür ist es hier einfach zu schön.
Das war's von mir für heute. Ich hoffe, ihr wisst jetzt Bescheid über meinen tollen Job hier auf der Tour Transalp. Ciao e a domani!
Tag des Kampfes

Nachdem die erste Etappe der Tour Transalp mir eine Lektion in Demut erteilt hatte (dabei spottete ich vorher noch über die „abgezogenen Kaninchen“ bei der Pastaparty), schien der Montag dem Schmerz gewidmet zu sein. Als ich aufstand, tat mir der Rücken immer noch vom ungewohnten Bergauftreten weh, der Hintern fühlte sich nach langem Sitzen wund an, der Nacken hatte Schwierigkeiten den Kopf zu halten (hat er ihn doch ganz lange stützen müssen), die Hände waren erschöpft vom Bremsen, und die Beine staksten wie aufgeweichte Pappröhren die Treppe runter, als ich mich auf machte zum Frühstück im Hotel. Ich kam mir vor wie ein dummer, alter Mann.
Und fragte mich, wie diese Mechanismen wohl funktionieren: Da mag man einen Sport, schaut ihn sich gern im Fernsehen an, identifiziert sich immer mehr mit den Helden, die man da leiden sieht, antizipiert quasi deren Kampf, so dass man nach gewisser Zeit auch von anderen als ein Experte der Sportart gesehen wird, dann kauft man sich ein Rennrad und beginnt selbst zu fahren. Anfangs ist das harmlos wie jedes Hobby. Doch plötzlich passiert etwas: Als Folge von Überheblichkeit? Oder ist eine Art Wirklichkeitsverlust?
Denn erst beginnt man immer mehr Geld in sein Hobby zu stecken, kauft immer teurere Räder, immer exklusiveres Zubehör, verwendet mehr und mehr Zeit auf sein Hobby. die Nicht-Radler unter den Freunden werden unwichtiger, mit den Radlern entwirft man Trikots, trifft sich auf Ausfahrten (verblüffenderweise befreundet man sich nicht unbedingt, ich jedenfalls habe meine Radel-Kumpel Achim kaum erkannt, als ich ihn zum ersten Mal ohne Helm und Trikot sah). Schließlich braucht man eine Herausforderung. Etwa die Tour Transalp. Dafür muss man trainieren. Beim ersten Einsatz reicht es nicht, unglaublich viele andere Radler bolzen an einem vorbei. Das nagt am Selbstbewusstsein. Man nimmt sich vor wieder zu kommen, mehr zu trainieren, besser zu werden. Das erklärt, warum es auch bei der diesjährigen Tour so viele Wiederholungstäter gibt. Wir treffen zwei Brüder, die schon mehrere Male ein Team waren („Im letzten Jahr hat er sich den Daumen gebrochen, um nicht mitfahren zu müssen:“), ein junger Mann fährt mit seinem Onkel („Zusammen sind wir 104 Jahre alt.“), und es gibt sogar zwei Paare, die auf der Transalp ihre Flitterwochen verbringen.
Aber ich schweife ab. Ich war die Treppe des Hotels runter kommen, um zu frühstücken. Hatte ich man sich soeben noch gefragt, ob ich nicht ganz dicht bin, fühle ich mich im Frühstücksraum plötzlich wohl, umgeben von anderen Menschen, die auch mit wehen Beinen zum Buffett schleichen, sich hinsetzen als hätten sie einen Bandscheibenvorfall, denen man ansihet, dass auch sie Respekt haben vor dem heutigen Tag. Ganz nebenbei: Über den „Linser Hof“ gibt es nicht viel zu berichten, es bietet eine gehörige Portion 70er Jahre Charme in wundervoller Landschaft, beim Frühstück verbellt die Kellnerin jeden, der sich an einen Platz setzen möchte, den sie nicht dafür eingedeckt hat (dabei ist es nur zu nachvollziehbar, dass man lieber mit Blick auf die Berge frühstückt. Nix zu machen).
Wir starten in Block C. Und das gefällt mir, die Stimmung ist entspannt. Wer hier steht hat im Feld keine Gegner, der einzige Gegner ist der innere Schweinehund. Meine Schmerzen lassen schon kurz nach dem Start nach. Claus Peter und ich haben uns vorgenommen, heute nicht zu überpacen, wir peilen eine durchschnittliche Herzfrequenz von unter 150 Schlägen an. Die Etappe ist toll, Anstiege, Abfahrten, Blicke. Es macht richtig Spaß. Bis zum letzten Berg. Bis dahin quälte uns die Strecke nur mit dem 1793 Meter hohen Arlbergpass. Nach der Abfahrt ging es durch das beschaulich-schöne Montafon – bis zum Schlussanstieg: Die Silvretta-Hochalpenstraße führt vom 1051 Meter hoch gelegenen Partenen auf die Bielerhöhe, auf 2032 Meter.
Da lacht er noch: auf einer der Abfahrten, die viel zu wenig Erholung bringen. (Foto: Uwe Geissler)Was soll man sagen? Die Straße ist ein Traum, windet sich in vielen Kehren hinauf (Beschreibung und Fotos hier). Von oben hat man einen wundervollen Blick. Doch die Anstrengung ist enorm. Meist zeigt mein Garmin Edge 800 Steigungswerte um 10 Prozent an, oft geht bis hinauf auf 14 Prozent. Dabei knallt die Sonne auf uns Radler nieder, bis zu 37 Grad wird es an diesem Tag heiß. Da kann man sich noch so sehr vornehmen, nicht mit zu hohem Puls zu fahren, immer wieder springt der in Bereiche deutlich jenseits der 160. Und immer wieder stelle ich mir die Frage, ob ich diese Rampe überhaupt hoch komme. Ich steige ab, fülle eine Flasche mit Wasser aus einem der vielen Rinnsale, und fahre weiter. Irgendwann nervt mich meine stumpfe Rechnerei („Die Steigung ist 16 Kilometer lang, ich fahre ca. 7 Km/h, wie lange brauche ich?“), ich hole mein iPhone hervor, wähle eine Playlist mit Liedern von Nora Jones und kurbele einfach weiter. „Sunrise, Sunrise - looks like Morning in your Eyes...“
Ischgl - Montag Ruhetag

Pfiat Eich ole mitanaunder und schlafts guad!
PS. Ich brauche echt mal wieder ein paar Fotos OHNE dieses blaue Shirt...!

Claus Peter Simon, 49, (verheiratet, zwei Kinder), geschäfts-
Dirk Lehmann, 49, (geschieden, zwei Kinder), Redakteur beim Reisemagazin GEOsaison (da unter anderem zuständig für die Themen Reisenews, Hotels und Wellness) fährt seit zehn Jahren Rennrad, seine bisher beste Platzierung: 63. bei den Hamburger Cyclassics. Sein Ziel: noch vor dem 50. aus eigener Kraft über die Alpen - und nicht letzter werden.