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14. Juni 2011
Es begann mit einem Schmerz in der linken Ferse. Er war plötzlich da und heftete sich an jeden Schritt. Ein kleiner Kläffer, ein Köter, der einem knurrend und bellend hinterher läuft und ins Bein zwackt. Mit spitzen Zähnchen sitzt der Schmerz in der Achillessehne. Anfangs dachte ich noch, ach, ist nicht so schlimm, hört bestimmt von allein auf. Bis das Bein oberhalb der Stelle sichtbar angeschwollen war. Mist.
Eine Internet-Recherche ergab, die Stelle muss gekühlt werden. Viele Betroffene empfehlen eine Trainingspause, homöopathisch orientierte Sportler raten dazu, Traumeel einzunehmen, wer der Schulmedizin vertraut, nennt Voltaren, und einige Radler schlagen vor, die Sitzposition zu überprüfen. Ich schnalle mir ein Kühlpack um die Ferse, vereinbare einen Termin bei einem Physiotherapeuten, der selbst Triathlet ist und weiß, dass eine Trainingspause keine Option ist, und frage mich, was wohl der Auslöser war. Habe ich zu hart trainiert?
Tatsächlich bin ich ein paar Wochen immer im dicksten Gang die Hügel hoch gestampft, so lange bis ich fast „blau“ vom Rad gefallen bin. Die Folge: kräftige Oberschenkel, eine gewisse Berghärte (zumindest für die „Berge“ Norddeutschlands) und eine gereizte Achillessehne? Es kann aber auch am neuen Rad liegen, das kompakter ist als mein alter Alu-Hobel, viel agiler, so dass man ständig ans Limit geht, und hatte ich nicht bei meiner ersten längeren Ausfahrt bemerkt, dass der Scott-Sattel nicht zu meinem Hintern passte, eine wunde Stelle führte dazu, dass ich meinen altgedienten Alias von Specialized montierte - und mich gleich zu Hause fühlte. Habe ich zu spät umgebaut und so meine Achillessehne ruiniert?

Für die Sitzoptimierung gibt es in Hamburg vor allem einen Namen: Medletics. Mike Lorenz, einst Fahrer der U-15-Auswahl der DDR und immer noch aktiver Radsportler, hat sich vor fünf Jahren selbstständig gemacht als Personal Trainer, eines seiner Spezialthemen: Fahrradphysik und Biomechanik. Ich vereinbare einen Termin.

Mikes Labor nimmt einen kleinen Bereich im Verkaufsraum von "Finisher Sport" ein, einem auf Ausdauersportarten – Schwimmen, Laufen, Radfahren – spezialisierten Händler in Hamburg. Zwischen sündhaft teuren Zeitfahrmaschinen warten auf mich ein Radständer, ein PC, eine Kamera, diverse Maße und ein muskulöser Kerl mit Kojak-Frisur. Mike betrachtet mein Rad. „Wow! Ein schönes Teil. Und was ein Rohr!“ Er zeigt auf die Sattelstütze, die fast 20 Zentimeter aus dem Rahmen ragt. „Hast du so lange Beine?“
Schon sind wir mitten drin im Prozedere. Mike stellt mich an einen Apparat, mit dem die Beinlänge ermittelt wird. Doch die Messanlage ist tatsächlich ein Stück zu kurz für mich. „Wahnsinn“, sagt der Sitzoptimierer, „so was sieht man auch nur selten: 95 Zentimeter Beine!“ Dann zieht Mike eine dünne Matte über meinen Sattel, die ist gespickt mit Sensoren, die ermitteln werden, wie sich mein Körpergewicht verteilt. Er richtet die Kamera aus, nimmt meine Daten auf. Dann sitze ich auf Rad und fahre los.

Auf dem ersten Blick ist im Video gar nicht zu erkennen, was nicht stimmt. Doch Mike analysiert die Schwachstellen: Die Beine seien zu gestreckt, so komme die Kraft vor allem aus der Fußspitze und aus der Zugbewegung, besser ist es mit der Sohle Druck nach unten auszuüben. Der Lenker ist zu weit nach unten geneigt, die Arme müssen überstrecken und ermüden dadurch zu schnell. Zudem schlägt er vor, den Sattel vorzuziehen. Die Computer-Analyse gibt dem erfahrenen Trainer recht: Das Programm stuft mich als "Schambeinbelaster" ein, meine Position ist eher vorn auf dem Sattel. Nicht gut, sagt Mike, gerade im vorderen Beckenbereich bündeln sich viele Nerven, Nackenschmerzen und Taubheitsgefühle in den Händen können die Folgen sein. Auch eine schmerzende Achillessehne? Auf dem Monitor sehe ich rot und gelb eingefärbte Bereiche, sie zeigen wo der Druck besonders groß ist.

Mike baut mein Rad um. Legt eine Lehre an, zückt einen Taschenrechner, löst Schrauben, verschiebt den Sattel, richtet den Lenker auf. Am Ende hat sich meine Sitzposition zwar nur um wenige Millimeter verschoben – und doch deutlich verändert: Ich hocke tiefer auf dem Rad, aufrechter, kann die Schaltgriffe leichter fassen, trete mehr von oben auf die Pedale. Mike erklärt die Vorteile: Gerade bei langen Bergaufpassagen ist eine bequeme Position bei der Obergriffhaltung – mit aufgerichtetem Körper greift man den Lenker von oben – wichtig, bei Bergabpassagen zählt ein sicherer Untergriff, dass man die Bremsen perfekt erreicht. Ich sitze deutlich weiter hinten. Die Auswertungen der magischen Matte zeigen zudem, aus dem Schambeinbelaster ist ein Sitzbeinbelaster geworden.
„Super“, sagt Mike, sichtlich zufrieden mit seinem Werk. Er zeigt mir auf dem Monitor, dass die roten und gelben Bereiche kleiner geworden sind und zum hinteren Teil des Sattels gewandert. Besonders vorn überwiegen jetzt grüne Farbflächen, vulgo wenig belastete Stellen, und blaue, gar nicht belastete. „Du wirst sehen, das bringt was.“
Bei der ersten Ausfahrt ist es so ungewohnt, dass ich das Rad am liebsten sofort wieder zurückbauen würde. Ich komme mir vor, wie die Prinzessin auf der Erbse, Änderungen von wenigen Millimetern wirken wie gewaltige Verschiebungen. Doch nach und nach komme ich in den Tritt. Und später zeigt die Auswertung, dass ich meine 42-Kilometer-Hausrunde zwar nicht schneller fahre als sonst. Doch mit leicht niedrigerem Puls. Sollte sich das bestätigen, hätte sich der Umbau jedenfalls gelohnt.
Meine Achillessehne allerdings zeigt sich von all den Veränderungen unbeeindruckt. Sie schmerzt immer noch. Dem Arzt genügt ein kurzer Blick. „Sie haben einen Senk-Spreiz-Fuß“, sagt er. Die Achillessehne läuft nicht gerade über das Fersenbein sondern schräg. Daher die Reizung. Der Arzt verschreibt mir einen Verband, eine Packung Voltaren und empfiehlt mir Keileinlagen für meine Rennradschuhe. Und dann die bange Frage: Werde ich fahren können? „Mit etwas Glück sollte die Verletzung in zehn bis 14 Tagen ausgeheilt sein.“ Noch zwei Wochen bis zum Start der Tour Transalp.
coole Idee