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23. November 2012
Radfahren in Kathmandu: die tollkühnen Männer auf ihren klapprigen Kisten

Das Metzger-Fahrrad: Dieser junge Mann fährt täglich mit frischem Schweine- und Ziegenbock-Fleisch durch die Straßen am Stadtrand von Kathmandu. Das Fleisch wird direkt auf der Ladefläche zerteilt
Ich habe viel Respekt für die Radfahrer in Kathmandu. Der Straßenverkehr in Nepal gehört zu den gefährlichsten der Welt – laut UN starben im Jahr 2010 rund 1700 Menschen bei Verkehrsunfällen. Eine monströse Zahl, wenn man bedenkt, dass für die meisten der überwiegend armen Nepali (jährliches Pro-Kopf-Einkommen laut Auswärtigem Amt: 645 Dollar) ein Pkw unbezahlbar ist. Cirka 350.000 Fahrzeuge, darunter viele motorisierte Zweiräder, sollen in in dem Land zugelassen sein. In Deutschland sind rund 50 Millionen Fahrzeuge angemeldet, knapp 4000 Verkehrstote zählte man zuletzt.
In Kathmandu wähnt man sich dem Verkehrstod immer nah. Es liegt vor allem am eisenharten Straßen-Darwinismus: Der stärkere drückt den schwächeren von der Fahrbahn. Lastwagen verdrängen Pkws, Autos schieben Mopeds und Radfahrer weg. Ganz unten in der Hackordnung stehen die Fußgänger. Doch als solcher kann man sich immer noch in einen Hauseingang retten oder einfach ein Geschäft betreten. Als Radfahrer aber muss man immer auf der Hut sein, bremsen, den Weg frei machen, schnell vom Rad springen. Und wenn es dann doch dazu kommen sollte, dass man mit einem Auto kollidiert, dreht dessen Fahrer durch. Und alle Umstehenden geben ihm Recht, denn es ist in der Gesellschaft tief verankert, dass der Wohlhabende und damit Privilegierte eher Auto fährt als Fahrrad. Die meisten Rechte hat er zudem.


Das Umzugs-Rad: Der Fahrer mietet das Rad für etwa 2500 Rupien (ca. 21 Euro) pro Monat und verkauft dann die Transportkapazität und die eigene Kraft. Für diesen Umzug etwa verlangt er 1500 Rupien, ca. 13 Euro
Auch deshalb habe ich dann doch davon Abstand genommen, in Kathmandu zu radeln. Dabei sind die Fahrräder in der Stadt besonders. Man fährt hier vor allem indische Fabrikate, Modelle von Avon oder Atlas. Sie haben einen schweren Stahlrahmen, keine Gangschaltung und eine mechanisch recht aufwändige Gestänge-Bremse, die nicht auf die Flanken greift sondern auf die Innenflächen der Felgen. Weil viele Fahrräder vor allem als Lastentransporter dienen, haben sie besonders dicke Speichen. Ich habe in Nepal kein Bike in den Händen gehalten, das weniger als 20 Kilogramm zu wiegen schien.
In diesem Beitrag zeige ich einige Fotos, die ich von Lastradlern und Rikschafahrern in Nepal gemacht habe. Mit den meisten habe ich auch gesprochen und viel gelernt. Es gibt eigentlich kaum einen professionellen Radfahrer in Kathmandu, dem das Rad gehört, mit dem er seine Dienste anbietet. Die Allermeisten mieten die Rikscha oder das Lastrad, die Preise dafür liegen bei etwa 2500 Rupien (ca. 21 Euro) pro Monat. Allerdings sind diese Angaben mit Vorsicht zu genießen, um mehr Geld von ausländischen Fahrgästen zu bekommen, übertreiben die Radler ihre Kosten. Auf Mitleid zu spekulieren, ist in Nepal eine anerkannte Verhandlungsmethode.


Das Taxi-Rad: Für eine Fahrt mit der Rikscha zahlen Touristen rund 300 Rupien (ca. 2,60 Euro; Einheimische fahren günstiger). Wer gut verhandelt, hat für 1000 Rupien einen Fahrer für einen ganzen Tag. Reich wird man so nicht, in Kathmandu gibt es einige hundert Rikschas, die Fahrer ruinieren sich gegenseitig die Preise, langes Warten bis zum nächsten Kunden gehört zum Geschäft
Die Einnahmen dürften sehr gering sein. Eine Rikschafahrt kostet in Kathmandu kaum mehr als 300 Rupien. Die Fahrer dürfen nur da warten, wo auch andere Rikschas stehen, sonst gibt es Ärger – zumindest mit anderen Fahrern. Und es warten immer sehr viele Rikschas. Das ist typisch für das Land, in dem sich ein Händler mit seinen Waren immer neben jemand anderen stellt, der bereits mit demselben Gut handelt. Und so bleiben entweder alle auf ihren Waren sitzen oder die Preise fallen. In den meisten Rikschas Kathmandus, so hat man den Eindruck, sitzen vor allem die Rikscha-Fahrer selbst. Offenbar ist es erlaubt, unterwegs neue Fahrgäste zu kobern. Deshalb wird man in Kathmandu ständig gefragt: „Where do you go?“
Wer als Ausländer ein Rad in Kathmandu leihen will, hat zwei Möglichkeiten: Bei vielen Hotels teure Bikeshops mäßig ausgestattete Mountainbikes an zu Preisen von ca. 30 US-Dollar für einen halben Tag. Oder man versucht sein Glück bei einem einheimischen Verleiher. Das billige China-Mountainbike hätte ich bereits für 300 Rupien bekommen können. Ich habe dann doch darauf verzichtet und mich fahren lassen. Wie meine Versuche endeten, selbst eine Rikscha zu steuern, erzähle ich in einem späteren Beitrag.

Falsch-Fahrer: Das Lastrad wird hier als Rikscha benutzt. Ob das in der nepalesischen Straßenverkehrsordnung zulässig ist? Wahrscheinlich gibt es gar keine

Das Schlaf-Rad? Der Mann schläft auf seinem Lastkarren. Angeblich stehen die Karren-Schieber in der Rangordnung noch unter den Lastrad-Fahrern

Der Fahrrad-Verleih ist ein junges Business in Kahtmandu. Dieser Vermieter im Stadtteil Thamel bot mir ein Mountainbike für 1500 Rupien – 13 Euro – pro Tag an. Als ich nicht darauf einging, kam er mir mit dem Preis immer mehr entgegen, verlangte schließlich nur noch 300 Rupien, knapp 3 Euro. Das Mountainbike aus indischer Produktion ist mäßig ausgestattet, aber immerhin fahrtüchtig
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Dirk Lehmann, Redakteur beim Reisemagazin GEO SAISON, ist schon in Kanada und in Kambodscha geradelt, in Vietnam und im Vinschgau, er interessiert sich für Bike-Gadgets, -Bekleidung und -Hotels, hat kein Auto sondern fährt einen Randonneur.
tol seite.