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14. September 2012
Wie fischt man unter dem Eis? (Von Michiel van Dorssen, Techniker)
Vor wenigen Stunden haben wir unseren durch den Unfall verletzten Kollegen (siehe BLOG vom 10. September) in Kirkenes per Helikopter abgegeben, das Wetter hat gut mitgespielt und so hat er als kleinen Trost noch eine schöne Sicht auf die Nordnorwegische Küste bekommen. Er ist nun zurück nach Deutschland unterwegs, um seinen Armbruch operieren lassen zu können, und wir fahren schnurstracks nach Norden zurück, um auf 88°N und 60°Ost wieder die Stationsarbeiten aufzunehmen. Für den BLOG berichtet heute Michiel van Dorssen aus der Arbeitsgruppe Iceflux, der das einzigartige Untereis-Trawl SUIT entwickelt hat.
Vor gut zehn Jahren stellte mir Jan Andries van Franeker, ein Biologe des niederländischen Forschungsinstituts IMARES, eine mehr als ungewöhnliche Aufgabe. Als ich ihn das erste Mal traf, sah ich ein seltsames Holzmodell auf seinem Tisch stehen. Das allererste SUIT (engl. Surface and Under-Ice Trawl) der Welt. Ein Gerät, das das Fischen unter dem Eis ermöglichen sollte. Ich sollte es nur noch aus Stahl nachbauen. Es sollte simpel konstruiert und widerstandsfähig sein, und es sollte auch noch funktionieren. "Funktionieren" beinhaltete: An einem Stahlrahmen sollte ein 2,5 x 4 x 14 m langes Fischernetz befestigt werden. Das Gerät musste von achtern zu Wasser gelassen werden, es sollte selbständig nach Steuerbord ausscheren, und natürlich auch noch ohne viel Aufhebens unter das Eis gleiten. Es sollte sodann an der Unterseite des Eises entlang gleiten, und so die obersten zwei Meter der Wassersäule befischen. In dieser Schicht vermutete van Franeker viele Beutetiere der Vögel, Robben und Wale der Antarktis. Ob ich das verwirklichen könne.
Foto: Hauke Flores SUIT während des Scherens hinter Polarstern
Eine wilkommene Herausforderung, die mich dazu veranlasste, sogleich Schwarz auf Weiß festzuhalten, dass jegliche Erfolgsgarantie ausgeschlossen sei.
Ich begann also mit der Arbeit. Die Formgebung entstand rein nach Augenmaß, die Abmessungen wurden ‚über den Daumen gepeilt'. Die erste Schwierigkeit bestand darin, dass wir das Gerät in den Niederlanden nicht unter Eis testen konnten.
Inzwischen suchte van Franeker nach einem geeigneten Doktoranden, der die Ergebnisse der SUIT-Fischerei wissenschaftlich aufarbeiten sollte. Ende 2003 wurde Hauke Flores (siehe auch BLOG vom 29. August) mit dieser Aufgabe betraut. Im März/April 2004 wurde das SUIT während einer Herbstexpedition in der Antarktis dann zum ersten Mal eingesetzt. Unsere Gruppe bestand aus Jan Andries van Franeker, André Meijboom, Hauke Flores und mir. Hiernach durften wir auch noch an eine Winter- und einer Sommerexpedition in die Antarktis teilnehmen. In dieser Zeit haben wir das SUIT fortwährend verbessert und verschiedenste praktische Probleme gelöst. Und inzwischen ist aus dem SUIT auch noch ein Träger für eine ganze Batterie von Messapparaten geworden, die die Datensammlung rund um die Fischerei vervollständigen.
Foto: Norbert Schröder Das neue SUIT Team (vlnr): Benjamin Lange, Carmen David, Michiel van Dorssen, Hauke Flores
Zehn Jahre nach den ersten praktischen Vorstudien des SUIT hat sich sein Einsatzgebiet beträchtlich erweitert. Flores, inzwischen promoviert, arbeitet nun für das AWI. Er setzt das Begonnene fort, weiterhin in Zusammenarbeit mit van Franeker, und bekam die Gelegenheit zur Teilnahme an der IceArc Expedition ARK XXVII/3. Nun arbeiten zwei Doktoranden mit dem SUIT, Carmen David und Benjamin Lange. Auch mich hat er gebeten, als technische Unterstützung dabei zu sein. Durch Pech und Schaden hatten wir in der Antarktis die ein oder andere lehrreiche Erfahrung gesammelt. Ich hatte eigentlich erwartet, dass meine Anwesenheit nicht mehr nötig wäre, nachdem alle Kinderkrankheiten durchstanden waren. Allerdings kann hinter einem so großen Schiff und unter Eis, das sich von einem tonnenschweren Gerät absolut nicht beeindrucken lässt, immer noch so einiges schief gehen.
Foto: Hauke Flores Der verbogene SUIT-Rahmen. Ich bekomme tatkräftige Unterstützung von Axel Nordhausen und Steffen Jescheniak
IceArc unterscheidet sich in vieler Hinsicht von unseren früheren Reisen. Eine neue Gruppe mit einem veränderten Fanggerät in einer neuen Region. Nach einer kurzen Einarbeitungsphase funktioniert die Gruppe so, wie es sein soll, die Aufgaben sind gut verteilt, und jede(r) trägt seinen/ihren Teil bei. Das Fanggerät, auf dieser Reise versehen mit maßgeschneiderten Auftriebskörpern von OceanWide Safety at Sea, verhält sich genau, wie es sein soll. In dieser neuen Region allerdings ist das Eis meist dicker und rauer als in der Antarktis. Auch hiermit haben wir unsere Lektion gelernt: Während des dritten Hols ging es schief, und der Stahlrahmen kam ziemlich ramponiert aus dem Wasser. Gottseidank sah es schlimmer aus als es war. Nach zwei Tagen schleifen, biegen und schweißen war das SUIT wieder einsatzbereit. Seither verliefen alle Hols ohne größere Schäden. Als Konstrukteur finde ich es großartig, so engen Kontakt zu Arbeit und Resultat zu haben. So sehe ich nicht nur die konstruktiven Schwachstellen aus erster Hand, sondern auch die praktischen Konsequenzen. Auf diese Weise entstehen die Pläne, die später in meiner Werkstatt in den Niederlanden verwirklicht werden.
Foto: Benjamin Rabe Alle packen an beim Aussetzen des SUIT
Es ist mir wichtig herauszustellen, das unsere Arbeit ohne die Zusammenarbeit mit und die Unterstützung von vielen Menschen an Bord unmöglich wäre. Für das Aussetzen und Einholen des SUIT brauchen wir die maximal zur Verfügung stehende Anzahl Hände an Deck. Dies verlangt viel Einsatz und Disziplin. Gottseidank können wir inzwischen auf jahrelange Erfahrungen bei Decks- und Brückenbesatzung bauen. Allen voran sorgen Kapitän Uwe Pahl, Chiefmate Steffen Spielke und Bootsmann Burkhardt Clasen mit seinen Männern mit Enthusiasmus dafür, dass wir erfolgreich fischen können. Fahrtleiterin Antje Boetius behält die Übersicht, ist gleichzeitig flexibel und sorgt dafür, dass jede Forschungsgruppe an Bord zu ihrem Recht kommt. Alle denken und helfen mit: das Erfolgsrezept einer gelungenen Polarexpedition.
Vor gut zehn Jahren stellte mir Jan Andries van Franeker, ein Biologe des niederländischen Forschungsinstituts IMARES, eine mehr als ungewöhnliche Aufgabe. Als ich ihn das erste Mal traf, sah ich ein seltsames Holzmodell auf seinem Tisch stehen. Das allererste SUIT (engl. Surface and Under-Ice Trawl) der Welt. Ein Gerät, das das Fischen unter dem Eis ermöglichen sollte. Ich sollte es nur noch aus Stahl nachbauen. Es sollte simpel konstruiert und widerstandsfähig sein, und es sollte auch noch funktionieren. "Funktionieren" beinhaltete: An einem Stahlrahmen sollte ein 2,5 x 4 x 14 m langes Fischernetz befestigt werden. Das Gerät musste von achtern zu Wasser gelassen werden, es sollte selbständig nach Steuerbord ausscheren, und natürlich auch noch ohne viel Aufhebens unter das Eis gleiten. Es sollte sodann an der Unterseite des Eises entlang gleiten, und so die obersten zwei Meter der Wassersäule befischen. In dieser Schicht vermutete van Franeker viele Beutetiere der Vögel, Robben und Wale der Antarktis. Ob ich das verwirklichen könne.
Foto: Hauke Flores SUIT während des Scherens hinter PolarsternEine wilkommene Herausforderung, die mich dazu veranlasste, sogleich Schwarz auf Weiß festzuhalten, dass jegliche Erfolgsgarantie ausgeschlossen sei.
Ich begann also mit der Arbeit. Die Formgebung entstand rein nach Augenmaß, die Abmessungen wurden ‚über den Daumen gepeilt'. Die erste Schwierigkeit bestand darin, dass wir das Gerät in den Niederlanden nicht unter Eis testen konnten.
Inzwischen suchte van Franeker nach einem geeigneten Doktoranden, der die Ergebnisse der SUIT-Fischerei wissenschaftlich aufarbeiten sollte. Ende 2003 wurde Hauke Flores (siehe auch BLOG vom 29. August) mit dieser Aufgabe betraut. Im März/April 2004 wurde das SUIT während einer Herbstexpedition in der Antarktis dann zum ersten Mal eingesetzt. Unsere Gruppe bestand aus Jan Andries van Franeker, André Meijboom, Hauke Flores und mir. Hiernach durften wir auch noch an eine Winter- und einer Sommerexpedition in die Antarktis teilnehmen. In dieser Zeit haben wir das SUIT fortwährend verbessert und verschiedenste praktische Probleme gelöst. Und inzwischen ist aus dem SUIT auch noch ein Träger für eine ganze Batterie von Messapparaten geworden, die die Datensammlung rund um die Fischerei vervollständigen.
Foto: Norbert Schröder Das neue SUIT Team (vlnr): Benjamin Lange, Carmen David, Michiel van Dorssen, Hauke FloresZehn Jahre nach den ersten praktischen Vorstudien des SUIT hat sich sein Einsatzgebiet beträchtlich erweitert. Flores, inzwischen promoviert, arbeitet nun für das AWI. Er setzt das Begonnene fort, weiterhin in Zusammenarbeit mit van Franeker, und bekam die Gelegenheit zur Teilnahme an der IceArc Expedition ARK XXVII/3. Nun arbeiten zwei Doktoranden mit dem SUIT, Carmen David und Benjamin Lange. Auch mich hat er gebeten, als technische Unterstützung dabei zu sein. Durch Pech und Schaden hatten wir in der Antarktis die ein oder andere lehrreiche Erfahrung gesammelt. Ich hatte eigentlich erwartet, dass meine Anwesenheit nicht mehr nötig wäre, nachdem alle Kinderkrankheiten durchstanden waren. Allerdings kann hinter einem so großen Schiff und unter Eis, das sich von einem tonnenschweren Gerät absolut nicht beeindrucken lässt, immer noch so einiges schief gehen.
Foto: Hauke Flores Der verbogene SUIT-Rahmen. Ich bekomme tatkräftige Unterstützung von Axel Nordhausen und Steffen JescheniakIceArc unterscheidet sich in vieler Hinsicht von unseren früheren Reisen. Eine neue Gruppe mit einem veränderten Fanggerät in einer neuen Region. Nach einer kurzen Einarbeitungsphase funktioniert die Gruppe so, wie es sein soll, die Aufgaben sind gut verteilt, und jede(r) trägt seinen/ihren Teil bei. Das Fanggerät, auf dieser Reise versehen mit maßgeschneiderten Auftriebskörpern von OceanWide Safety at Sea, verhält sich genau, wie es sein soll. In dieser neuen Region allerdings ist das Eis meist dicker und rauer als in der Antarktis. Auch hiermit haben wir unsere Lektion gelernt: Während des dritten Hols ging es schief, und der Stahlrahmen kam ziemlich ramponiert aus dem Wasser. Gottseidank sah es schlimmer aus als es war. Nach zwei Tagen schleifen, biegen und schweißen war das SUIT wieder einsatzbereit. Seither verliefen alle Hols ohne größere Schäden. Als Konstrukteur finde ich es großartig, so engen Kontakt zu Arbeit und Resultat zu haben. So sehe ich nicht nur die konstruktiven Schwachstellen aus erster Hand, sondern auch die praktischen Konsequenzen. Auf diese Weise entstehen die Pläne, die später in meiner Werkstatt in den Niederlanden verwirklicht werden.
Foto: Benjamin Rabe Alle packen an beim Aussetzen des SUITEs ist mir wichtig herauszustellen, das unsere Arbeit ohne die Zusammenarbeit mit und die Unterstützung von vielen Menschen an Bord unmöglich wäre. Für das Aussetzen und Einholen des SUIT brauchen wir die maximal zur Verfügung stehende Anzahl Hände an Deck. Dies verlangt viel Einsatz und Disziplin. Gottseidank können wir inzwischen auf jahrelange Erfahrungen bei Decks- und Brückenbesatzung bauen. Allen voran sorgen Kapitän Uwe Pahl, Chiefmate Steffen Spielke und Bootsmann Burkhardt Clasen mit seinen Männern mit Enthusiasmus dafür, dass wir erfolgreich fischen können. Fahrtleiterin Antje Boetius behält die Übersicht, ist gleichzeitig flexibel und sorgt dafür, dass jede Forschungsgruppe an Bord zu ihrem Recht kommt. Alle denken und helfen mit: das Erfolgsrezept einer gelungenen Polarexpedition.
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Danke fuer diesen Artikel und viel Erfolg mit dem neuen Geraet.