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29. August 2012
Im verborgenen Garten (Von Hauke Flores)
Foto: Hauke Flores Herzförmiger Schmelztümpel auf einer EisscholleAuf dem Land allerdings würde niemand einen Garten anlegen, der nur wenige Wochen erhalten bleibt. Außer bei der Bundesgartenschau natürlich. Hier aber gibt es keinen Baumeister. Die Natur schert sich nicht um die Dauerhaftigkeit ihrer Werke. Und wie in den Gärten der Natur üblich, lockt eine üppige Pflanzenwelt auch eine Vielzahl tierischer Besucher an.
Über einen von ihnen habe ich in meinem Blog vom 09. August bereits berichtet: Den Polardorsch, den wir mit unserem Untereis-Netz fangen. Dieser kleine Fisch ist nicht zu verwechseln mit dem atlantischen Kabeljau, der an der Ostsee auch Dorsch genannt wird. Wegen seiner geringen Größe taugt er auch nur bedingt zum Verzehr.
Wie Fische, die an Riffen und Felsufern leben, nutzen Polardorsche die Labyrinth artigen Strukturen und Höhlensysteme, die sich in Presseisrücken und älteren Eisschollen bilden. Sie ernähren sich bevorzugt von kleinen Krebstieren. Vor allem von Flohkrebsen, die sich ebenfalls speziell an das Leben unter dem Eis angepasst haben.
Foto: Hauke Flores Flohkrebs Gammarus wilktitzkii im BordaquariumFlohkrebse, oder Amphipoden, kann man auch in heimischen Bächen und Tümpeln oder am Meeresstrand finden. Sie sind eng verwandt mit den Asseln, den wohl bekanntesten landlebenden Krebstieren. Wer schon einmal Flohkrebse gesehen hat, wird sie als kleine, graue, wuselige Tiere in Erinnerung haben. Arktische Eisamphipoden können mehrere Zentimeter lang werden. Sie sind oft wunderbar gefärbt: manche sind orange, andere knallrosa. Eine Art ist weiß, aber trägt purpurrote Beine und Antennen. Die Eisamphipoden finden ihr Auskommen an der Unterseite des Eises, wo sie sich von Eisalgen oder Kleintieren ernähren. Und wiederum als Nahrung dienen für den Polardorsch und andere Räuber.
Nur wenige Zentimeter unter dem Eis beginnt die schwebende Welt des Freiwassers. Hier gibt es Lebensformen wie aus einer anderen Zeit. Das Freiwasser der Tiefsee ist der größte Lebensraum auf der Erde. Und der am wenigsten erforschte. Wer hat schon von fliegenden Schnecken gehört? Oder räuberischen Gallertmassen?
Foto: Hauke Flores Flügelschnecke Clione limacina im Bordaquarium. Die Eierstöcke des weiblichen Tieres leuchten gelb
Engelsgleich schlagen die Schwingen der daumengroßen Flügelschnecke Clione limacina unter dem Eis. Leicht rosa heben sie sich von dem tiefblauen Hintergrund der arktischen Tiefsee ab. Der schalenlose, kegelförmige Körper ist fast durchsichtig, mit Ausnahme der tief rot gefärbten Spitze. Deutlich erkennt man die Organe im inneren des Tieres. Der Magen ist leer. Clione limacina wartet. Sie ist sehr wählerisch. Bei ihr kommt nur eines auf den Tisch: L‘escargot von Limacina helicina.
Von dieser bis etwa zentimetergroßen Flügelschnecke schweben tausende an der Unterseite des Eises. Sie haben riesige Netze aufgespannt, mit denen sie Mikroalgen und organische Substanz aus dem Wasser filtern. Die Vegetarier sind die ideale Mahlzeit für Clione. Salatbeilage inklusive. Zum Schutz vor Räubern sind sie mit einem schwarz gefärbten Schneckenhaus ausgestattet.
Was ihnen bei ihrem ärgsten Fressfeind wenig nutzt. Der rosa gefärbte Räuber beendet sein harmonisches schwingen, schnellt auf eine der schwarzen Schnecken zu, und umfängt sie mit seinen Flügeln. Das Gehäuse stellt kein Hindernis dar für das engelsgleiche Raubtier, und binnen Minuten färbt sich der Verdauungskanal von Clione limacina dunkel vom Fleisch seiner bevorzugten Delikatesse. Fressen und gefressen werden bei -1,9°C.
Das nächste Raubtier steigert die Szenerie ins Surreale. Erst als Schatten in der Ferne kaum auszumachen, wabert eine zylindrisch geformte Gallertmasse heran. Eine gigantische Rippenqualle. Sie misst etwa 15 cm in der Länge und 5 cm im Durchmesser. Auch sie ist rötlich gefärbt. In Ermangelung von Tentakeln und Flossen, kann sie ihre Bewegungen allein mit winzigen Wimpern steuern, die in acht langen Reihen um die Längsachse des Körpers angeordnet sind. Der präzise synchronisierte Wimpernschlag verläuft in Wellen von der Körperspitze zum Hinterende. Rhythmisch irisieren die Wimpern im diffusen Licht unter dem Eis.
Video: Rippenquallen unter dem Meereis. Aufgenommen von der SUIT Kamera. Video: Hauke Flores
Rippenquallen bestehen, ähnlich wie Medusen (z.B. die Ohrenqualle), aus nicht viel mehr als einem Verdauungskanal und einer Gallerthülle, sind aber nicht mit diesen verwandt. Tentakellose Rippenquallen verschlingen Krebstiere und junge Fische, indem sie ihre Mundöffnung über die Beute stülpen. Andere Rippenquallen breiten zwei meterlange Tentakel mit zahllosen Anhängen zu Fangnetzen aus. Die Tentakel der Rippenquallen sind mit einem in der Natur einzigartigen Super-Klebstoff ausgestattet, der ihrer Beute zum unentrinnbaren Verhängnis wird.
Wie überall in der freien Natur, paart sich unter dem Eis der Arktis Schönheit und Eleganz mit der Brutalität des Überlebenskampfes. Das sich stündlich verändernde Eis und das abgrundtiefe Wasser darunter bilden eine eigene Welt, die außerhalb der Grenzen unserer alltäglichen Vorstellung liegt.
Eine Welt, die an beiden Polen in schnellem Wandel begriffen ist. Vor wenigen Tagen haben wir erfahren, dass das arktische Meereis die geringste Ausdehnung seit Beginn der Messungen erreicht hat. Der Lebensraum der Eisamphipoden und Polardorsche, aber auch der von ihnen abgängigen Robben und Eisbären, schmilzt in rasantem Tempo dahin.
Wenn meine vierjährige Tochter erwachsen ist, wird die Arktis vollkommen anders sein, als in ihren Kinderbüchern beschrieben. Die neue Arktis wird nicht nur neue Schiffahrtswege und Rohstoffquellen eröffnen. Auch ihr biologischer Reichtum wird sich gravierend verändern. Was diese Veränderungen für den Mensch und das System Erde bedeuten, ist noch weitgehend unverstanden. Vieles steht auf dem Spiel für die Menschen des Nordpolargebiets, und für ihre Umwelt.
Hauke Flores ist Polarökologe am Alfred-Wegener-Institut, Arbeitsgruppe: Iceflux (Hauke Flores, Carmen David, Benjamin Lange, Michiel van Dorssen)
Kommentare zu "Im verborgenen Garten (Von Hauke Flores)"
verborgener Garten
Ein schoener Artikel und auch die Fotos gefallen mir. Viel Erfolg bei ihrer Arbeit.
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Welch sonderbares Vokabular meine Augen hier erhaschen. Doch ist mein Schmunzeln nicht bloß durch den leisen Humor in deinen Zeilen veranlasst. Vielmehr ist es die Freude jene Sätze zu betrachten, die von innigem Genuss und liebevoller Beobachtung herrühren.
Bei all der Arbeit wünsche ich euch auch die Zeit zum Innehalten und Genießen. Die Einzigartigkeit jedes Augenblickes sollte so oft wie möglich bewusst wahrgenommen werden – leider geht sie jedoch meist im Alltag unter.