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21. August 2012
Schon drei Wochen auf See: Was vermissen wir von zu Hause? (Von John Paul Balmonte)
Foto: Christina BienholdJohn Paul Balmonte bei der Proben-entnahme
J.P.: Also, was vermisst Du von zu hause?
Christiane Uhlig aus Deutschland: Meine Pflanzen.
J.P.: Deine Pflanzen? Das ist interessant. Vielleicht könnest du einige der Algen-Aggregate, die du gefunden hast kultivieren, und sie könnten einen vorübergehenden Ersatz darstellen?
Wir beide lachen.
Christiane: Ja, klar! Außerdem vermisse ich mein Bett.
Ich verstehe, was Christiane meint, wenn sie sagt, dass sie ihr Bett vermisst. Die Betten hier sind zwar nicht schlecht, aber das eigene Bett ist doch immer am gemütlichsten, und da hat man seine eigene Bettwäsche und vielleicht auch mehr als nur ein Kissen. Auf der Polarstern können wir uns aber eigentlich glücklich schätzen, denn die Stewardessen versorgen uns jede Woche mit frischgewaschener Bettwäsche. Bei der Größe der Betten müssen wir natürlich Zugeständnisse machen.
Foto: Michiel van Dorssen Mar Fernandez und Christiane Uhlig sehen sechs ihrer Kollegen (Christian Katlein, Hauke Flores, Stefan Hendricks, Christina Bienhold, Eva Kirschenmann, Ben Rabe) beim Wasserball spielen zu, einem beliebten sportlichen Zeitvertreib an Bord
Heidi Sørensen aus Dänemark: Roggenbrot.
J.P.: In der Messe gibt es keins? (Die Polarstern hat insgesamt zwei Messen, in denen die Mahlzeiten eingenommen werden.)
Heidi: Nein. Ich habe meiner Familie schon Bescheid gegeben, dass sie es für mich bereithalten, wenn ich zurückkomme.
J.P.: Kannst du „Roggen“ buchstabieren?
Heidi: Ich kann dir das dänische Wort sagen.
J.P.: Ok.
Heidi: Rugbrød
J.P.: Kannst du es nochmal für mich aussprechen?
Als Heidi Roggenbrot auf Dänisch sagte, wurden mir zwei Dinge klar. Erstens, dass ich in den letzten Wochen die Schönheit der verschiedenen Sprachen, die unter den Wissenschaftlern hier an Bord gesprochen werden, schätzen gelernt habe. Von Deutsch über Dänisch, zu Russisch und Katalan - die Diversität der Sprachen an Bord ist phänomenal, und ich bin ständig mittendrin. Jeden Tag lerne ich neue Wörter, Silben und Laute. Und an den meisten Tagen kann ich einigen meiner Kollegen auch neue englische Begriffe beibringen. Wir lernen ständig voneinander, in Bezug auf Kultur und Sprache.
Die zweite Sache, die mir durch Heidis Antwort bewusst wurde, ist, dass wir Dinge vermissen, die für uns ansonsten selbstverständlich sind. Zu Hause haben wir jede Menge verschiedener Nahrungsmittel zur Auswahl, und wir halten es für selbstverständlich, dass wir jederzeit in das Sushi oder Thai Restaurant nebenan gehen können. Wir haben unsere Gewohnheiten, wie z.B. Heidi eigentlich mindestens einmal am Tag Roggenbrot isst. Und wenn wir dann auf einem Forschungsschiff weit weg von dem sind, was uns bekannt und lieb ist, fangen wir an genau diese alltäglichen Dinge zu vermissen und uns nach ihnen zu sehnen.
Foto: Anique StecherLuisa Galgani in einem Moment der Ruhe
Luisa Galgani: Ich vermisse das Wetter!
J.P.: Das deutsche oder das italienische Wetter?
Luisa: Das italienische. Und italienischen Wein! Oh, und ich vermisse richtig guten, starken Kaffee. Und italienisches Olivenöl. Und meinen Freund. Und ich vermisse die dunkle Nacht!
J.P.: Ich auch.
Luisa: Abe ich genieße die frische Luft, die wir hier in der Arktis kriegen.
Luisa ist ursprünglich aus Italien und studiert zur Zeit in Deutschland. Sie schien eine Menge Dinge aus ihrem Heimatland zu vermissen. Vielleicht geht es also nicht nur um diese zwei Monate auf dem Schiff – vielleicht muss sie auch einfach mal wieder für einen Besuch nach Hause nach Italien fliegen, gegen Heimweh. Trotzdem glaube ich, dass die meisten der Wissenschaftler ihr bei einigen Dingen Recht geben werden: z.B., dass wir mal wirklich anderes, besseres Wetter und einen klaren Unterschied zwischen Tag und Nacht vermissen. Zwar können wir bei 24 Stunden Helligkeit an 7 Tagen in der Woche Tag und Nacht arbeiten, aber es ist nicht einfach einen wirklichen Schlafrhythmus zu finden. Wie lösen wir das Problem mit der Helligkeit bei Nacht? Wir ziehen unsere Jalousien herunter.
Foto: Karl Attard Muntsa Roca Marti, Viena Puigcorbe and Karl Attard genießen die Mitternachtssonne.
Karl Attard: Meine Mama.
J.P.: Ok., hab ich notiert.
Karl: Und Skype. Und das Internet.
Karl spricht einen wichtigen Punkt an - wir vermissen auch unsere Eltern. Wir alle an Bord sind zwar erwachsen, aber die meisten von uns haben eine gute Beziehung zu ihren Eltern. Karl kommuniziert mindestens zweimal in der Woche mit seinen Eltern auf Malta. Ich versuche fast jeden Tag mit meinen Eltern in Kalifornien in Kontakt zu sein. Es ist etwas schwierig, da wir eigentlich nur über E-Mail Kontakt zu Außenwelt aufnehmen können, aber es funktioniert. Und das bringt mich zu meinem nächsten Punkt: kein Internet zu haben, hat sicherlich einige Nachteile, aber es kann auch ganz erfrischend sein.
Während unseres Interviews erwähnte Karl, dass uns das Internet vielleicht die Art unserer Erfahrungen auf Arktis-Expedition verändern würde. Dies ist mein erstes Mal auf der Polarstern und ich wusste nicht, was ich in Sachen Kommunikation nach Hause erwarten sollte. Ich hatte keine Ahnung, ob es hier Telefon oder Internet geben würde. Mir wurde gesagt, dass wir E-Mail haben würden, und das beruhigte mich etwas. Ich bereitete mich also vor der Reise darauf vor, für die nächsten zwei Monaten nicht mit meinen Freunden und meiner Familie zu sprechen. Aber die Polarstern hat sogar eine Satelliten-Telefon, für das wir Telefonkarten im Wert von 27,50 EUR kaufen und mit denen wir dann für 45 Minuten überall hin telefonieren können. Internet gibt es allerdings nicht seit dem wir nördlich von 72°N sind - die Satelliten decken den Bereich schlecht ab. Nur die Fahrtleiterin kann sich manchmal einwählen, wenn es etwas Wichtiges gibt. Ohne Internet zu sein ist etwas, dass einige von uns auch schätzen. Es bedeutet weniger Ablenkung, und dass wir uns mehr auf unsere Forschung und die Menschen an Bord konzentrieren können.
Antje Boetius: Meinen Rosengarten auf meiner Terrasse.
J.P.: Du bist schon die zweite, die ihre Pflanzen vermisst!
Mit Antje wollte ich nicht darüber scherzen, ob sie ihre eigenen Algen kultivieren will, denn sie würde es vermutlich wirklich tun. Normalerweise arbeitet sie mit Bakterien; vielleicht hätte sie also Cyanobakterien-Kulturen angelegt.
Die vielleicht größte Überraschung während meiner Interviews, kam von meinem Kammer-Mitbewohner Daniel.
J.P.: Daniel, kann ich dich interviewen?
Daniel Scholz: Nein.
J.P.: Was vermisst du am meisten von zu Hause?
Daniel: Stille.
J.P.: Still.
Ich war überrascht von seiner Antwort. Aber nachdem ich auch mit ein paar anderen Wissenschaftlern darüber gesprochen hatte, wurde mir klar, dass Daniel etwas vermisst, das über materielle Bedürfnisse hinaus geht. Mit seiner Antwort spielt er auf den persönlichen Freiraum und die Geräuschkulisse an. Auf diesem großen Forschungsschiff, dass über 2 Monate hinweg ständig, 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche, in Betrieb ist, ist es schwierig mal etwas Ruhe, das heißt auch einen Rückzugsort zu finden. Da ist zum Beispiel das Krachen, das die Polarstern beim Eis brechen verursacht, oder das Piepen und Summen von wissenschaftlichen Geräten, oder die Geräusche des Krans, wenn Geräte zu Wasser gehen. Manchmal finden wir dagegen an den merkwürdigsten Orten Ruhe - dem Kühlraum, dem Badezimmer, oder der Sauna.
Aber trotz all der Dinge, die wir von zu Hause vermissen, glaube ich für alle sprechen zu können, wenn ich sage, dass diese Ausfahrt eine ganz besondere Gelegenheit ist, für die wir gerne bereit sind, zeitweise auf einige der Dinge zu verzichten, die uns ansonsten wichtig sind. Wir sind 54 Wissenschaftler aus 12 verschiedenen Ländern und obwohl wir weit weg von zu Hause sind, ist jeder von uns hier von 53 Wissenschaftler-Freunden umgeben und von 45 Mannschafts-Freunden der Polarstern.
Übersetzung: Christina Bienhold, AWI/MPIDer Blog-Eintrag im Original auf den Seiten des Alfred-Wegener-Instituts:
http://www.awi.de/en/discover/expedition_reports/blog_polarstern_expedition_icearc/
Foto: Mar Fernandez Die Ruhe und Schönheit der hohen Arktis, auf einem Bild eingefangen
Kommentare zu "Schon drei Wochen auf See: Was vermissen wir von zu Hause? (Von John Paul Balmonte)"
Was vermissen wir
Wir vermissen, hin und wieder mit unserem Sohn zu telefonieren.
Wir lesen all Eure Berichte, sei es die Wochenberichte vom AWI, oder hier Euren Blog bei GEO.
Wir wünschen Euch allen noch schöne Tage hoch oben im Norden.
Wolfgang und Monika
"Schon drei Wochen auf See: Was vermissen wir von zu Hause? (Von John Paul Balmonte)" kommentieren

Eine tolle Idee für einen Blogeintrag! Vielen Dank an John Paul. Midestens genauso interessant wie eure wissenschaftliche Arbeit ist für uns Landratten das Leben an Bord und was euch im 'Alltag' auf dem Schiff bewegt.