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Wolf und Wels werden uns fressen – sind wir noch im Mittelalter? Medien schüren unnötig Panik
Das Stück endet mit einer Weiße-Hai-Szene: Fisch frisst fast Mädchen – die Bedrohung ist da. In der Tat hat da ein Wels eine 14-Jährige angegriffen, ein krasser Vorfall! Aber auch eine bisher große Ausnahme. Ähnliche Fälle sind hierzulande und auch sonst meines Wissens nicht dokumentiert; es gibt alte Berichte aus Osteuropa über Angriffe bei Frauen, die Wäsche waschen, aber da geht es immer darum, dass der Wels in seinem Laichgebiet gestört wurde und den Nachwuchs verteidigen wollte. Und er hat nur Bürstenzähne, die einen Menschen nicht schwer verletzen können, tiefe Kratzer gibt es natürlich schon.
Bis drei Meter Länge ist für Europa so weit ich weiß auch nichts Seriöses dokumentiert, leider steht es immer wieder in den Artikeln zu dieser Art. In dem Artikel fehlen auch andere wissenschaftliche Einschätzungen, Angler haben eben eine eigene Perspektive und Dramaturgie. Das weiß ich, weil ich selbst einer bin.
Und der Wolf? Wie lange führen wie die Debatte über seiner Rückkehr schon? Seit 2000, und es gibt viele gute Berichte dazu, Managementpläne, Studien. Und dann doch immer wieder dieses unterschwellige Schüren der Angst. Angst als Auflagenmittel – das ist einfach immer wieder nicht schön zu lesen.
Wie schützen Sie die Umwelt? Ideen und Vorschläge bitte! Hier meine Antworten...
Dann die eigene Schreiberei und Seminararbeit zu Umweltthemen als – hoffentlich – bewusstseinsfördernde Maßnahme. Wir kaufen meist nur im Bioladen ein und durchweg, wenn mal woanders, Bio-Produkte. Energiesparende Geräte werden angeschafft (zuletzt Kühlschrank, Waschmaschine), und auch auf das Heizen schauen wir. Etwas Geld geht an „GEO schützt den Regenwald“. Dennoch esse ich Fleisch, Fisch, fliege hie und da (kompensiere es dann) fahre Auto, verbrauche als Journalist viel Papier. Und übe bisher nirgendwo Radikalverzicht.
Welchen Fisch soll ich essen? Fragen und Antworten
Woran sollen Verbraucher da noch glauben? Ein anderes Problem für sie: den Überblick nicht verlieren. Denn wie bei Biosiegeln generell geht auch bei den nachhaltigen Fisch-Marken langsam die Ordnung verloren. Eine Seite im Netz fehlt, die die Zertifikate vergleicht – eine sinnvolle Aufgaben für Verbraucherschützer. Dennoch können bei der Frage, welchen Fisch man essen soll, die Siegel nicht alleine die Antwort geben. Denn es gibt auch kulturelle und kulinarische Gründe für die Überfischung, die Fischhändler und Fischer immer wieder nennen, wenn man sie danach fragt.
Wieviele Gräten traue ich mir zu?
Etwa der Umgang mit Gräten: Arten, die etwas mehr Gräten haben, gelten als schwerer verkäuflich und oft auch kulinarisch minderwertig. Wenn Verbraucher – die Fischer auch als „Generation Fischstäbchen“ bezeichnen – aber mehr Erfahrungen damit hätten, wie grätenreiche und dennoch schmackhafte Fische zerlegt und gegessen werden können, würde das Spektrum der Speisefische breiter. Und könnten überfischte Bestände womöglich so entlasten werden. Gleiches gilt für die Namen: Leckere Arten wie Lumb oder Pollack klingen aus Sicht der Supermärkte eher abstoßend. Genau aus diesem Grund werden Köhler („Seelachs“) und Dornhai („Schillerlocke“ für den Bauchlappen) für den Verkauf umbenannt. Wenn Unternehmen den Kunden aber auch vermeintlich plumpe Namen zutrauten, würde ebenfalls das Spektrum breiter. Und ließe vermutlich auch der Druck auf manche stark befischte Bestände nach.
Erfolgreiche Kampagne in England
Letztlich geht es also um Aufklärung in größtmöglicher Breite: nicht nur über Siegel und Zertifikate, sondern auch direkt durch den Einzelhandel und die Gastronomie. Da gibt es noch viel tun. Doch auch Medien selbst können etwas gegen Überfischung tun: Zumindest auf MSC-Produkte setzen, wie es etwa die Kantine des Verlages Gruner + Jahr oft tut - oder selbst aktiv werden: Die enorm erfolgreiche Fishfight-Kampagne des britischen Journalisten Hugh Fearnley-Whittingstall hat schon begonnen, den Fischkonsum in Großbritannien zu verändern. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, dass mit wort- und bildgewandter Aufklärung auch kulturelle Muster verändert werden können. Und doch mehr Menschen dazu bereit sind, überfischte Arten nicht mehr zu kaufen. Das ist – nach dem Radikalverzicht auf Fisch - der beste Schritt, selbst etwas zu tun.
Es geht um Fische wie Aal, Rotbarsch oder Dornhai – Arten, die in den Führern von WWF und Greenpeace rot marktiert sind und für die das FAO-Fanggebiet keine größere Rolle spielt. Das ist der zweite Punkt bei der Wahl: Neben der Art ist das Fanggebiet entscheidend, das seit 2012 auf allen Fischereiprodukten der EU ausgewiesen wird und in den Fischführern eine wichtige Rolle spielt. Doch auch über die Website Fischbestände online des Thünen-Instituts kann man sich zusätzlich informieren, wie es in den in den Gebieten aussieht. Im Nordostatlantik etwa sind viele Bestände noch halbwegs intakt. Doch diese Faustregel entlastet nicht davon, im Einzelfall doch nach der genauen Herkunft zu fragen.
Überforderte Kellner
Das regionale Kriterium hilft dem Fischkäufer, noch gründlicher auszuwählen. Doch es macht die Wahl gleichzeitig komplizierter. In Restaurants sind auch halbwegs fischkundige Kellner mit der Frage nach der Meeresregion, aus der Fisch kommt, überfordert. Da können dann wieder Fischführer helfen, die es als App für das Smartphone gibt: vom WWF oder auch dem Kieler Geomar-Institut (fischimhandy.de), dessen Ratgeber allerdings etwas veraltet ist – und sich auf die WWF- und Greenpeace-Ratgeber bezieht. Deren jährliche Aktualität ist wichtig, weil sich draußen im Meer doch einiges verändert. Galt die Nordsee-Scholle vor wenigen Jahren noch als kritisch, kann man sie jetzt essen.
Der WWF-Führer stützt sich stark auf die MSC-Verbreitung. Greenpeace wählt schärfer aus, markiert etwa Sardelle, Scholle und Kabeljau größtenteils als „nicht empfehlenswert“, wohingegen der WWF diese Arten in der Gesamtübersicht, bei der die Fanggebiete noch keine Rolle spielen, als eher unbedenklich empfiehlt. So gibt es viele Unterschiede zwischen beiden Führern; Greenpeace bewertet in der groben Übersicht insgesamt nur Forelle, Hering, Karpfen, Makrele und Zander als gut, das WWF-Artenspektrum ist viel breiter. Welchem Führer man nun folgt, hängt von Antworten auf einfache Fragen ab:
# Wie viel Verzicht will ich?
# Wie streng ist meine eigene Nachhaltigkeit? Folgt sie eher dem Vorsorgeansatz, den Greenpeace verkörpert und der einen vorsichtigeren Kauf bedeutet. Oder der etwas wirtschaftlich orientierten Nachhaltigkeit des MSC?
# Will ich mit meinem Kauf die Verbreitung von MSC unterstützen, das die Fischerei schon – nach seinen eigenen Kriterien – stark verändert hat. Oder reichen mir die Kriterien nicht aus und setze ich eher auf kleine Unternehmen, die überschaubar zertifiziert werden?
# Will ich also, womöglich weichere, Veränderungen in der Masse - oder strengere für Nischen?
Fragen für die Kauf-Entscheidung
Daneben stehen andere grundlegende Fragen. Der Reihe nach könnten dies die Fragen für den Fischkonsum sein:
# Will ich überhaupt noch Fisch essen?
# Wenn ja, welche Arten sind generell, in allen Fischführern, tabu?
# Welchem Führer vertraue ich? Wo bekomme ich schnell per App auch Angaben über die Fanggebiete?
# Kann/will ich mein eigenes Essverhalten ändern? Traue ich mir mehr Gräten zu?
# Möchte ich auch mal unbekanntere Arten versuchen?
# Was wissen die Fischverkäufer, Kellner und Köche über die Herkunft der Produkte?

Dr. Torsten Schäfer ist Redakteur bei GEO Inter-