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Schützt die Natur vor den Naturschützern – sagt ein Biologe
Er heißt Josef Reichholf, ein bekannter Biologe aus München, geschätzt aber auch der Provokation wegen kritisiert. Jetzt legt er in einem Essay für die Financial Times Deutschland ordentlich vor:
- Kein Wunder, dass der Naturschutz in weiten Kreisen der Bevölkerung längst ähnlich unbeliebt ist wie Atomkraftwerke bei Naturschützern.
- Wohl aber schadete der Natur- und Landschaftsschutz vielen Arten. So verloren Frösche, Kröten, Molche, Libellen, Kleinfische und viele andere Wassertiere ihre Lebensräume, weil vom Naturschutz örtliche Abgrabungen von Kies und Sand als "Eingriffe" verhindert wurden.
- Dieser Bepflanzungs- und Gestaltungswahn, gefördert von der Haltung des Naturschutzes zu den "Eingriffen in den Naturhaushalt", hat viel mehr Arten geschadet und sie auf die Roten Listen gebracht als die üblichen Baumaßnahmen
- Nur, der Naturschutz hat leider weithin das Gegenteil bewirkt. Er hält die Menschen von der Natur fern, erschwert ihnen oder unterbindet den Zugang zum Erlebnis Natur durch den Aussperrnaturschutz in Schutzgebieten oder durch die Einschränkungen des Artenschutzes.
Man könnte Reichholf als eine Art „Anti-Lachs“ im Ökodiskurs bezeichnen. Wenn alle zum Laichen stromauf schwimmen, zeigt er, dass man auch flussab ziehen kann, um die Zukunft zu sichern. Womöglich hat der Professor öfter Recht, nur schmälert er durch unkluge Pauschalattacken die Kraft der eigenen klugen Aussagen. Sein Text ruft uns in gelungener Art in Erinnerung, dass die Landwirtschaft die meisten Naturschäden anrichtet – und darüber oft nicht mehr gesprochen wird. An anderen Stellen liegt er aus meiner Sicht daneben:
# Wer sind „die Naturschützer“? Wer sind die „fundamentalistischen Naturschützer“? Da brauchen wir feine Klingen statt grober Säbel. Mit solchen Pauschalattacken diskreditiert man Millionen von Menschen, die sich in Verbänden für den Naturschutz engagiert haben.
# Weil es „die Naturschützer“ gibt, ist der Begriff an sich mit der Zeit bekannter geworden, ist Öffentlichkeit entstanden, von der die Wissenschaft profitiert.
# Warum erwähnt er nicht die Hintergründe der kritisierten Arten-Proteste: Natura 2000 als europäisches Biotopnetzwerk, sein Sinn, Ziel?
# Der Naturschutz hält die Menschen von der Natur fern? Sicher ist in Deutschland vieles abgezäunt, gibt es zu viele Schranken zwischen Mensch und Natur. Aber da müssen Ross und Reiter benannt werden. Es liegt oft in der Verantwortung der Politik, die Nationalparks entsprechend mit Gesetzen erfasst. Viele „Naturschützer“ würden gerne die Natur nachhaltig nutzen und sie berühren da, wo sie es nicht dürfen!
Das europäische Fischerei-Desaster geht weiter - teilweise
Die EU-Fischereiminister haben entschieden, größtenteils den Förderfonds so zu belassen wie er ist, trotz aller Kriitk an der Überkapazität der EU-Flotte. Weil es zu viele Schiffe gibt, sind viele Bestände überfisch. Und das wird sich auch jetzt wohl nicht ändern. Entscheidungen stehen allerdings noch aus, etwa zur grundlegenden Reform der EU-Fischereipolitik. Da kann es noch viele Neuerungen in Richtung Nachhaltigkeit geben. Im November entscheidet das EU-Parlament, dann wieder die Minister. GEO.de steigt in das Thema ab Ende November mit einer großen Serie ein und beleuchtet auch die Brüsseler Politikhintergründe.
Regionales Einkaufen und seine internationalen Folgen
Ich las kürzlich die Zusammenfassung einer Studie, die Nachteile für Entwicklungs- und Schwellenländer aufführte, die durch klimafreundlichen Konsum bei uns in den OECD-Staaten entstehen. Soll heißen: Wenn wir konsequent dem Pfad der regionalen Wirtschaft folgen und heimische Produkte kaufen, brechen den südlichen Staaten Geschäfte weg. Wie würden sie diese kompensieren? Welche Folgen hätte das für den internationalen Handel – und die dadurch entstehenden, auch politischen Kontakte? Käme es zu einer Renationalisierung?
Darüber wird, finde ich, selten gesprochen, wenn es um regionale Wirtschaftskreisläufe geht – die ich gut finde und die viele ökologische und soziale Vorteile haben. Nur diese globale Perspektive ist nicht immer drin.
Ich habe direkten keine Antworten, vielleicht, dass man in eine neue Art der grünen Entwicklungshilfe einsteigen müsste, um die Verluste dort zu kompensieren bzw. die entstehenden Lücken nutzen, um die Staaten noch mehr in Richtung Nachhaltigkeit und Umwelt zu bringen. Wie genau? Das könnten sich Forscher mal fragen.
Ein Blick in die Öko-Geschichte: das Projekt Umwelt und Erinnerung
Die ökologischen Erinnerungsorte sind eine Einladung, Umweltthemen einmal aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel zu betrachten. Unsere gegenwärtigen Debatten über Naturschutz, Klimawandel und viele weitere Themen sind auch eine Erinnerungslandschaft: Sie werden geprägt von Ideen, Bildern und Begriffen, die sich im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte entwickelt haben. Wer zum Beispiel das Waldsterben oder die Grenzen des Wachstums erwähnt, der stellt sich in lange Traditionen, die vielen nur zum Teil bewusst sind.
Es geht uns bei den ökologischen Erinnerungsorten deshalb nicht nur um kurze Informationen zu historischen Ereignissen, sondern zugleich um die Gegenwart der Geschichte. Wie sieht die aktuelle Umweltdebatte aus, wenn man sie als Produkt der Geschichte betrachtet? Wie haben sich Erinnerungen an Ereignisse im Laufe der Zeit verändert? Und was sagt all dies über das grüne Deutschland im Zeitalter der Globalisierung?
Als Leitidee dient uns dabei das Konzept der Erinnerungsorte. Ursprünglich von dem französischen Historiker Pierre Nora geprägt, wurde es in Deutschland vor allem durch das dreibändige Werk "Deutsche Erinnerungsorte" bekannt. Seither gelten Erinnerungsorte im Sprachgebrauch der Historiker als geographische oder imaginierte Orte, an denen sich das kollektive Gedächtnis eines Landes herauskristallisiert. Die Idee ermöglicht eine Vermittlung von Geschichte, die ohne den berüchtigten Zeigefinger auskommt. Es geht nicht um eine für alle Zeiten korrekte Lesart, sondern vielmehr darum, die unterschiedlichen Wege der Erinnerung in ihren Voraussetzungen und Folgen zu verstehen.

Dr. Torsten Schäfer ist Redakteur bei GEO Inter-