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Naturschutz und Journalismus – ein Interview
„Es gibt eine gewisse Borniertheit“
Martin Meister, Chefredakteur von GEO International, saß in der Jury des Deutschen Preises für Naturjournalismus, der 2012 nicht mehr vergeben wird. Er erklärt die Gründe dafür – und warum er glaubt, dass Natur- und Artenschutz von Redaktionen massiv unterschätzt wird.
Wer hat den Deutschen Preis für Naturjournalismus zuletzt erhalten?
Das war Florian Festl, ein 33-jähriger Kollege von Focus Online, der dort im Newsroom arbeitet und am Wochenende die Leidenschaft hat, Reportagen zu schreiben. Uns in der Jury hat es gefallen, dass er neben seinem Nachrichten- deutsch noch einen ganz anderen, eigenen Tonfall hat – was er mit einer schönen, ausgeruhten Reportage über Libellen unter Beweis gestellt hat, die im Magazin Natur + Kosmos erschienen ist. Er hat es verstanden, dem Leser die Leidenschaft des Protagonisten, eines Libellenforschers, näher zu bringen. Aber zugleich auch seriös und interessant über die Arten zu informieren.
Wie hat er erklärt? Was war das Besondere an dem Text?
Jeder Wissenschafts- und Naturautor muss die Balance zwischen Personendarstellung und Themenerklärung finden. Das hat Festl sehr gut geschafft. Es gibt ja einen leisen Trend dahin, die Forscher mit ihrem Leben in den Vordergrund zu stellen – und die komplexen Sachzusammenhänge dabei auszulassen. Gerade bei Magazinjournalisten und Autoren, die auf Preise zuschreiben, gilt es als Tugend, stark zu personalisieren. Das ist für mich aber nur die zweitbeste Lösung, mein Ideal bleibt es, dass man auch über die Sache selbst bestens informiert wird. Das heißt tiefgehend und wissenschaftsjournalistisch.
Personalisierung verkommt zur Schwäche?
Ja, ich sehe das im Wissenschaftsjournalismus mittlerweile als Schwäche. Zwar ist es schwierig, eine Person feinfühlig und gut zu schildern. Aber man findet mehr Autoren, die das können als Autoren, die das noch Schwierigere beherrschen: komplizierte Stoffe aufzuwickeln, systematisch sowie gut nach- vollziehbar, mit tollen Bildern und Gleichnissen. Gerade bei Biologen und Feldforschern erliegen viele Autoren der Versuchung, diese als Käuze und Sonderlinge zu beschreiben und zu belächeln.
Was noch macht eine gute Berichterstattung über Arten aus?
Man muss die richtige Mischung finden, ernst und gleichzeitig leicht berichten. Gerade bei Naturthemen und vor allem bei Tieren gibt es den Reflex, putzig zu berichten und die Tiere spaßig zu sehen. Das wird aber der Haltung, mit der viele Leser und Leserinnen Tieren draußen begegnen, überhaupt nicht gerecht. Das hat oft mit der Ferne zu tun, die speziell Journalisten zur belebten Natur haben. Sie können sich oftmals gut mit Kultur- und Stadtthemen anfreunden, sind selten Wald- und Wiesenläufer. Es gibt aber sehr viele Menschen, die Printmedien lesen und die sich ernsthaft und empathisch für Tiere interessieren. Vielen meiner Kollegen ist das unheimlich: Darum wenden sie sich, wenn es schon Natur sein muss, lieber abstrakteren Begriffswelten zu, schreiben von „Biodiversität“ und Zahlen und ökologischen Theorien. Da kommen sie dann natürlich ohne den putzigen Tonfall aus.
Ein Gefühl als Ziel...
In eigener Sache: Landschaftsgedichte
Urspüngliche Natur – was soll das eigentlich sein?
Es ist in der Umweldebatte eine, wenn auch schwer bestimmbare, Schlüsselfrage: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „ursprünglicher Natur“ oder Wildnis reden? Welche Bilder haben wir da im Kopf? Und aus welcher Zeit stammt das Bild – aus der Prähistorie oder doch erst dem 18. Jahrhundert?
Die Antworten darauf bestimmen untergründig auch die Ziele unserer Naturschutzpolitik mit, vor allem aber die öffentlichen Debatten. Gemeinhin denkt man an Wald. Die einen geben sich mit Fichtenforst zufrieden, wenn sie von wilder, unberührter Natur sprechen; wobei hierzulande fast nichts mehr unberührt ist. Viele Deutsche dürften auch an Buchenwald denken – der aber nicht flächendeckend bestimmend war. Eichenwald ist auch ursprünglich, sagen andere Fachleute. Und immer noch ist der Zeitrahmen offen!. Oft wird der Bezug auf die Steinzeit genommen, habe ich den Eindruck. Dass da keineswegs Wald, sondern vielmehr eine offene Weidelanschaft im Sinne einer europäischen Steppe, durchsetzt von etwa Eichenwald, bestimmend war, sagen wieder andere Forscher und Gruppen wie „Wild Europe“, die deshalb auch für eine Rückkehr der Steppe und der großen Graser nach Europa kämpfen.
Die nächsten Fachleute sagen, dass das gar nicht bewiesen sei – womit die Debatte wieder offener wird. Und was ist mit Mooren, Streuobstwiesen, Wiesen an sich – alles menschengemachte Kulturlandschaften, die wir im spontanen Gespräch aber auch mit urtümlich, unberüht usw. belegen. Es entsteht schnell eine Unordnung, wenn man über die Landschaft nachdenkt, die in unseren Gedanken mitschwingt. Eigentlich müsste darübe mehr geredet werden. Einige Forscher machen das auf www.naturphilosophie.org – immerhin, ein Anfang!

Dr. Torsten Schäfer ist Redakteur bei GEO Inter-