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3. Januar 2013
Welchen Fisch soll ich essen? Fragen und Antworten
Woran sollen Verbraucher da noch glauben? Ein anderes Problem für sie: den Überblick nicht verlieren. Denn wie bei Biosiegeln generell geht auch bei den nachhaltigen Fisch-Marken langsam die Ordnung verloren. Eine Seite im Netz fehlt, die die Zertifikate vergleicht – eine sinnvolle Aufgaben für Verbraucherschützer. Dennoch können bei der Frage, welchen Fisch man essen soll, die Siegel nicht alleine die Antwort geben. Denn es gibt auch kulturelle und kulinarische Gründe für die Überfischung, die Fischhändler und Fischer immer wieder nennen, wenn man sie danach fragt.
Wieviele Gräten traue ich mir zu?
Etwa der Umgang mit Gräten: Arten, die etwas mehr Gräten haben, gelten als schwerer verkäuflich und oft auch kulinarisch minderwertig. Wenn Verbraucher – die Fischer auch als „Generation Fischstäbchen“ bezeichnen – aber mehr Erfahrungen damit hätten, wie grätenreiche und dennoch schmackhafte Fische zerlegt und gegessen werden können, würde das Spektrum der Speisefische breiter. Und könnten überfischte Bestände womöglich so entlasten werden. Gleiches gilt für die Namen: Leckere Arten wie Lumb oder Pollack klingen aus Sicht der Supermärkte eher abstoßend. Genau aus diesem Grund werden Köhler („Seelachs“) und Dornhai („Schillerlocke“ für den Bauchlappen) für den Verkauf umbenannt. Wenn Unternehmen den Kunden aber auch vermeintlich plumpe Namen zutrauten, würde ebenfalls das Spektrum breiter. Und ließe vermutlich auch der Druck auf manche stark befischte Bestände nach.
Erfolgreiche Kampagne in England
Letztlich geht es also um Aufklärung in größtmöglicher Breite: nicht nur über Siegel und Zertifikate, sondern auch direkt durch den Einzelhandel und die Gastronomie. Da gibt es noch viel tun. Doch auch Medien selbst können etwas gegen Überfischung tun: Zumindest auf MSC-Produkte setzen, wie es etwa die Kantine des Verlages Gruner + Jahr oft tut - oder selbst aktiv werden: Die enorm erfolgreiche Fishfight-Kampagne des britischen Journalisten Hugh Fearnley-Whittingstall hat schon begonnen, den Fischkonsum in Großbritannien zu verändern. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, dass mit wort- und bildgewandter Aufklärung auch kulturelle Muster verändert werden können. Und doch mehr Menschen dazu bereit sind, überfischte Arten nicht mehr zu kaufen. Das ist – nach dem Radikalverzicht auf Fisch - der beste Schritt, selbst etwas zu tun.
Es geht um Fische wie Aal, Rotbarsch oder Dornhai – Arten, die in den Führern von WWF und Greenpeace rot marktiert sind und für die das FAO-Fanggebiet keine größere Rolle spielt. Das ist der zweite Punkt bei der Wahl: Neben der Art ist das Fanggebiet entscheidend, das seit 2012 auf allen Fischereiprodukten der EU ausgewiesen wird und in den Fischführern eine wichtige Rolle spielt. Doch auch über die Website Fischbestände online des Thünen-Instituts kann man sich zusätzlich informieren, wie es in den in den Gebieten aussieht. Im Nordostatlantik etwa sind viele Bestände noch halbwegs intakt. Doch diese Faustregel entlastet nicht davon, im Einzelfall doch nach der genauen Herkunft zu fragen.
Überforderte Kellner
Das regionale Kriterium hilft dem Fischkäufer, noch gründlicher auszuwählen. Doch es macht die Wahl gleichzeitig komplizierter. In Restaurants sind auch halbwegs fischkundige Kellner mit der Frage nach der Meeresregion, aus der Fisch kommt, überfordert. Da können dann wieder Fischführer helfen, die es als App für das Smartphone gibt: vom WWF oder auch dem Kieler Geomar-Institut (fischimhandy.de), dessen Ratgeber allerdings etwas veraltet ist – und sich auf die WWF- und Greenpeace-Ratgeber bezieht. Deren jährliche Aktualität ist wichtig, weil sich draußen im Meer doch einiges verändert. Galt die Nordsee-Scholle vor wenigen Jahren noch als kritisch, kann man sie jetzt essen.
Der WWF-Führer stützt sich stark auf die MSC-Verbreitung. Greenpeace wählt schärfer aus, markiert etwa Sardelle, Scholle und Kabeljau größtenteils als „nicht empfehlenswert“, wohingegen der WWF diese Arten in der Gesamtübersicht, bei der die Fanggebiete noch keine Rolle spielen, als eher unbedenklich empfiehlt. So gibt es viele Unterschiede zwischen beiden Führern; Greenpeace bewertet in der groben Übersicht insgesamt nur Forelle, Hering, Karpfen, Makrele und Zander als gut, das WWF-Artenspektrum ist viel breiter. Welchem Führer man nun folgt, hängt von Antworten auf einfache Fragen ab:
# Wie viel Verzicht will ich?
# Wie streng ist meine eigene Nachhaltigkeit? Folgt sie eher dem Vorsorgeansatz, den Greenpeace verkörpert und der einen vorsichtigeren Kauf bedeutet. Oder der etwas wirtschaftlich orientierten Nachhaltigkeit des MSC?
# Will ich mit meinem Kauf die Verbreitung von MSC unterstützen, das die Fischerei schon – nach seinen eigenen Kriterien – stark verändert hat. Oder reichen mir die Kriterien nicht aus und setze ich eher auf kleine Unternehmen, die überschaubar zertifiziert werden?
# Will ich also, womöglich weichere, Veränderungen in der Masse - oder strengere für Nischen?
Fragen für die Kauf-Entscheidung
Daneben stehen andere grundlegende Fragen. Der Reihe nach könnten dies die Fragen für den Fischkonsum sein:
# Will ich überhaupt noch Fisch essen?
# Wenn ja, welche Arten sind generell, in allen Fischführern, tabu?
# Welchem Führer vertraue ich? Wo bekomme ich schnell per App auch Angaben über die Fanggebiete?
# Kann/will ich mein eigenes Essverhalten ändern? Traue ich mir mehr Gräten zu?
# Möchte ich auch mal unbekanntere Arten versuchen?
# Was wissen die Fischverkäufer, Kellner und Köche über die Herkunft der Produkte?
Kommentare zu "Welchen Fisch soll ich essen? Fragen und Antworten"
Gleichgültigkeit vieler Verbraucher
Ich habe bei der Metro in Hamburg, die eine große Fischabteilung hat, die Erfahrung gemacht, dass die Verkäufer keine Ahnung haben. Angeblich würden sie kaum nach zertifiziertem Fisch gefragt. Es geht nur um den Preis. Bei der "Nordsee" wusste der Verkäufer in einem sehr hochpreisigen Einkaufzentrum, in dem auch viele (so sollte man meinen) aufgeklärte Verbraucher kaufen, nicht einmal, was zertifizierter Fisch sei. Dann verlangte ich den Chef und der erklärte mir freundlich, dass seine Kunden sich nicht für Nachhaltigkeit interessieren. Die zahlreichen Fischanbieter auf unserem Wochenmarkt, der auch von einem großen "grünen" Wählerpotential besucht wird, tun zumindest so, als wüssten sie selbst nicht, wo ihr eigener Fisch herkommt. Er ist immer sehr frisch, aber ich esse ihn mit schlechtem Gewissen und nur sehr wenig. Als Tierfreundin möchte ich aber auch die 4-Beiner schonen, und die Feder-Träger. Ich weiß bald wirklich nicht mehr, was ich noch essen soll, außer Ökogemüse. Auf Dauer ist das aber langweilig, auch wenn man gut vegetarisch kochen kann. Haben sie Tipps für mich?
Max. 1x im Monat Fisch
Das Problem der Überfischung ist nicht lösbar mit Labels, Fischlisten & Co. Selbst das strengste Label schafft den Fisch nicht her, der einmal gegessen ist.
Wir (die Menschheit) essen zu viel Fisch. Darum und weil die zunehmende Nachfrage durch immer rücksichtslosere industrielle Fischerei gedeckt werden muss, sind schon so viele Bestände überfischt. Damit sich die Bestände erholen können, müssen die Fangerträge für wenigstens 4 Jahre um die Hälfte reduziert werden – und damit sie danach nicht wieder überfischt werden, sind rücksichtslose Fangmethoden und der Fang von Fsich zu Futterzwecken (für sie Auakultur) zu verbieten.
Für uns Verbraucher/innen heisst das: Runter mit dem Fischkonsum, mehr als 1x Fisch pro Monat und Mensch ist bis auf weiteres nicht drin.
Mehr dazu: http://www.fair-fish.net
Mittelmeer-Barrakuda
Ich möchte gerne wissen, ob und wenn ja, der Mittelmeer-Barrakuda (Pfeilhecht) zu den gefährdeten Fischarten gehört.
Kann ein Schwarmfisch überhaupt zu einer gefährdeten Art gehören?
MfG, Albert Schmidt
Seelachs
Ich habe eine Katze mit Futtermittelallergie und d.h., dass einmal tgl. die Katze den geliebten Seelachs bekommt. Es faziniert mich immer wieder, dass sie grundsätzlich nur Seelachs von einem bestimmten Hersteller frisst. Man könnte jetzt meinen, kleiner Feinschmecker, aber Tatsache ist auch, dass genau die anderen Seelachsfilets beim kochen eine ganz andere Konsistenz dann aufweisen. Also habe ich durch meine Katze "gelernt" Seelachs ist nicht gleich Seelachs" selbst wenn er angeblich aus den selben Gewässern kommen soll :-)
mfg Irene Hoesl
Quecksilber und anderes im Fisch
Viele vergessen auch, daß sich im Meeresfisch Quecksilber befindet. Amalgamfüllungen will man nicht im Mund haben, aber Fisch ißt man problem- und kritiklos. Die Leute müßten noch viel mehr informiert werden!
Außerdem wird von La Hague und anderen Atomindustriestandorten laufend radioaktiv kontaminiertes Wasser ins Meer laufen lassen - mit Erlaubnis der Behörden!
Aber klar: sowohl Quecksilber, als auch Radioaktivität lösen sich ja in Wohlgefallen auf.;-)
Na dann guten Appetit! :-)
Nach all den Meldungen über Einschränkungsempfehlungen auch für Fleisch und Milch/Käse wissen viele ja nicht mehr, was sie essen sollen/können.
Als gute Eiweißquelle fungieren Hülsenfrüchte, also Erbsen, Linsen und Bohnen.
Für viele ist das ja nur "Arme-Leute-Küche", obwohl auch Spitzenrestaurants immer mehr Menüs damit anbieten.
Auch die Meldung, man solle wegen der ach so gesunden Omega 3-Fettsäuren viel Fisch essen, hat sich nicht bestätigt. Leider spricht sich das nicht so schnell herum wie damals die Meldung, sie seien ja soo gesund.
Wichtig wären also insgesamt Medizinsendungen, die den Verbrauchern die neuesten Forschungsergebnisse mitteilen und außerdem zeigen, wie Lebensmittel in der Landwirtschaft und der Aquakultur produziert werden (mit welchen Pestiziden und Gentechnikpflanzen und deren Gefahren etc.).
Sodann sollten saisonale Gerichte vorgeführt werden, woran man zeigen kann, daß sie sich auch ein Hartz IV-Empfänger in Bio-Qualität leisten kann - wenn er willens ist, selber zu kochen.
Die Leute sollten aufgerufen werden, im Hofladen und/oder auf dem Wochenmarkt einzukaufen - weil sie die hiesigen bäuerlichen Betriebe unterstützen; wissen, wie ihre Lebensmittel hergestellt werden und - ganz wichtig im Lande der Schnäppchenjäger! - auch günstiger UND frischer sind als im Supermarkt oder Discounter.
Leider findet man auf dem Wochenmarkt - auch am Samstag - fast nur ältere Leute. Jüngere Leute scheinen zu meinen, man könne nur im Supermarkt oder Discounter einkaufen. Daß und wo es einen Wochenmarkt gibt, wissen viele gar nicht.
Gute Informationen!
Danke für den interessanten und informativen Bericht. Ich habe viel erfahren, was ich bisher nicht wusste, und werde in Zukunft mit offeneren Augen meinen Fisch einkaufen.
vor sich herzutreiben
außer Ökogemüse. Auf Dauer ist das aber langweilig, auch wenn man gut vegetarisch kochen kann. Haben sie Tipps für mich?
Fischkauf
Vielen Dank für die interessanten Tipps. Hab schon einige Anregungen für den nächsten Fischkauf hier gefunden.
Apps und Labels?
Ich bin der Meinung das alleine die Profitgier das Problem ist! Wie bei vielem. Warum soll diese gier vorm Fisch halt machen? deswegen werden Kriege entfacht!
Solange schwimmende Fabriken unterwegs sind, solange manche Schleppnetzfischer veranwortungslos alles rausholen und auch manche den Grund schonungslos bearbeiten wird es keine Ruhe für Fische geben. Vieles wird nicht Weltweit beachtet. In Europa erlassene Gesetze können in Asien umschifft werden. Flotten wechseln Ihre Flaggen. Mannschaften stellen sich unwissend. Sogar Siegfried musste gegen Neid und Gier kämpfen :)
Es würde mich einfach mal Interressieren wieviele Packungen Tiefgefrorene Fischstäbchen die Lager Füllen und auf den Verkauf warten?
Wenn ich es also richtig verstanden habe soll der gestreßte Kellner mitten in seiner Arbeit sich die Zeit nehmen und per App nach den Fischgründen nachschauen? Glaube ich nicht.
Oder Menschen die Fisch kaufen wollen. Sie sollen sich zuerst also ins Internet begeben um dort Informationen zu sammeln, sich über Labels Informieren um dann bei Ihrem Fischhändler einen Fisch zu sehen den Sie oder der Fischhändler gar nicht einordnen können?
Meiner Meinung nach würden die Menschen die sich Informieren die kleinere Gruppe darstellen. Viele würden einfach Kaufen oder auch nicht aber sich keine großen Gedanken machen. Viele größere Supermärkte haben Fischtheken. Wenn die dort ausgestellten Fische nicht Verkauft werden, Sie unapetitlich aussehen, werden sie einfach ersetzt.
Warum werden die Fangquoten nicht stark Reguliert? Natürlich, wenn es in Europa Reguliert wird hält es die Menschen auf der anderen Seite des Erdballes nich vom Überfischen ab!
Also Weltweit Regulieren, und damit auch die Ein- und Ausfuhr, und die Fanggebiete Kontrollieren.Aufklärung ist auch angenehm, aber nicht ausreichend.
Ich esse gerne mal Fisch oder Garnelen. Muss aber nich von jeder Garnelenart, abgepackt in KG Packugen auf mich warten in Tiefkühltheken, alles vor mir haben. Nicht von allen Erdteilen und in allen erdenklichen Formen die nur den Konsum und Profit ankurbeln sollen.
Wir sollten alle mal die Gesichte des Siegried`s lesen :)
Grüße
Tamer
England ist ein Handelsunternehmen vor Ort und viel wichtiger als andere ...
"Welchen Fisch soll ich essen? Fragen und Antworten" kommentieren

Dr. Torsten Schäfer ist Redakteur bei GEO Inter-
Der Artikel gibt gute Hinweise. Es freut mich, dass Sie dieses Thema annehmen.
Würde mir Fischführer von WWF/Greenpeace und/od. andere in einer Größe, die man zusammengefaltet in die Geldbörse geben kann und so mitnehmen kann beim Einkauf. Habe so etwas gesehen im Monterey Bay Aquarium in Monterey, California, gesehen. War dort aber nicht für Europäische Konsumenten gedacht.
Auch würde ich mir hier in Österreich mehr Möglichkeiten, frischen Fisch zu kaufen! (Wohne am Stadtrand von Wien. Nächste Möglichkeit ist ein Supermarkt (8 km) mit wenig Auswahl oder der bekannte Naschmarkt (14 km)(Mehr Auswahl aber weit). Das ist wenig wenn mann ursprunglich aus Kalifornien kommt!