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24. Februar 2012
Zwischenfazit Vietnam
Wir sind nun 141 Tage unterwegs, haben acht Länder besucht und in 38 Städten Halt gemacht. Um von Berlin nach Phnom Penh zu kommen, haben wir über 22100 km Strecke in Zügen, Bussen, Autos sowie auf Schiffen und Motorrädern zurückgelegt, wobei die knapp 2500 Kilometer auf den Mopeds in Vietnam sicherlich etwas ganz Besonderes waren.
Die gute Nachricht ist und bleibt, unser Budget ist langsam auf dem Weg zurück zum Soll. Und das trotz des Kaufs der Motorräder. Wir sparten eisern, aßen mehr auf der Straße und insgesamt weniger. Ersteres freiwillig, letzteres nicht immer. Laut unseres ursprünglichen Plans wollten wir bis jetzt 9306 Euro ausgegeben haben. In Wirklichkeit waren es 11550 Euro. Wir sind also in einem Monat von 139% auf 124% über Soll herunter gekommen. Den Statistikern unter den Lesern wird freilich auffallen, dass die Prozentangabe in diesem Fall keine eindeutige Aussage trifft, da sie nur eine relative Angabe ist. In absoluten Zahlen ausgedrückt, haben wir uns seit Ankunft in Vietnam von 2537 auf 2244 zu viel ausgegebene Euros heruntergekämpft. Und das wie gesagt trotz des Mopedkaufs und regelmäßiger Reparaturen. An der Grafik kann man auch direkt sehen, was seit Beginn unserer Reise am stärksten zu Buche geschlagen hat. Dies war die gesamte Visumsproblematik in Russland, die uns auf einen Schlag beinahe 1000 Euro gekostet hat, direkt gefolgt von Ulan Bator in der Mongolei, wo wir uns den teuren Trip in die Wildnis gegönnt haben. Danach kommt Hongkong, was zwar wunderschön aber leider wahnsinnig kostenintensiv war. Meistens zahlten wir bisher in Hotels und Hostels um die fünf Euro pro Nacht, in Hongkong waren es zwanzig, Speis und Trank waren auch um einiges teurer. Hongkong ist kein Ort um Geld zu sparen, da half auch der Casinogewinn in Macao nichts. Der kleine Peak in Sanya allerdings zeigt, dass auch der Besuch unserer Freundinnen unserem Budget keinen nachhaltigen Schaden zufügen konnte. Da sage noch einmal jemand, Frauen seien teuer.
© Jochen Müller Biologen mögen Exceltabellen... Zur Veranschaulichung unserer Finanzen hier die zuviel ausgegebenen Euros gegen die Zeit (besuchte Städte) aufgetragenMit den Mopeds durch Vietnam
Im Gegensatz zu allem, was wir vorher an Transportmitteln genutzt haben, sind unsere Hobel eindeutig ein Novum. Nicht nur, weil wir höllisch aufpassen müssen und das nicht mehr den Fahrern überlassen können. Nein, es ist etwas fundamental anderes, ob man sich abends in einen Bus quetscht und mehr oder weniger vor sich hindöst und dafür während des Tages Zeit hat, sich etwas anzusehen oder ob man den ganzen Tag selber am Steuer verbringt. Das Ergebnis dieser Art von Fortbewegung ist klar. Wir haben weit weniger an Sehenswürdigkeiten mitgenommen, als in allen anderen Ländern bisher.
Trotzdem haben wir natürlich das Eine oder Andere gesehen und erlebt. Was waren die Höhepunkte in Vietnam? Bezeichnenderweise in Teilen die gleichen wie die Tiefpunkte.
Höhepunkt Sapa
Das Örtchen selber ist zwar kein Highlight, aber die Rollerfahrt durch die Berge war wundervoll. Die Wanderung durch die Reisfelder war einfach unbeschreiblich, dazu kam die Gastfreundschaft der H'Mong und das sonnige Wetter. Das waren zwei perfekte Tage.
Höhepunkt Ha Long Bucht
Gleichzeitig ein Tiefpunkt. Wir sahen alles durch Nebel und Regen, doch wir ahnten, dass einem bei schönem Wetter die Freudentränen in die Augen getreten wären.
Höhepunkt Hoi An und Mui Ne
Zwei Städte an die wir uns noch lange erinnern werden. Beide voller Touristen, doch beide auf ihre Art nicht überlaufen und wunderschön. Hoi An wegen der kleinen Gassen, der schönen Häuser und der vielen Lichter in der Nacht. Mui Ne wegen der roten Dünen und des leeren Sandstrandes.
Höhepunkt Straße
Sicherlich gleichzeitig ein Tiefpunkt. An manchen Tagen jauchzt man unter seinem Helm vor Freude, wenn es entlang der Küste unter Palmen oder an Reisfeldern vorbei durch die Landschaft geht. Oder man fährt durch die Serpentinen, hat den Dschungel zur einen und das Meer unter sich zu anderen Seite. Auch die Fahrt zur Grenze durch das Mekong-Delta, entlang kleiner Dörfer, durch Straßen, die kaum auf der Karte verzeichnet sind, unter Bananenpflanzen und Mangobäumen hindurch. Dann wieder die teils lebensbedrohlichen Verhältnisse auf der Autobahn, die bisweilen (selbst-)mörderischen Aktionen der anderen Verkehrsteilnehmer, die einen einfach abdrängen, egal was passiert. Die Straßen selber sind an manchen Orten ebenfalls lebensgefährlich, Schlaglöcher in denen ganze Kinder verschwinden könnten, unübersichtliche Kurven, hinter denen ansatzlos der Teer aufhört und die Schotterpiste beginnt. Dazu der Straßenbelag der selten einheitlich ist und Mann und Maschine das Letzte abverlangt. Die Motorräder bekamen alle paar Tage einen Service, aber was ist mit uns? Unsere Körper könnten auch einen Service vertragen, besonders unsere Hinterteile.
Höhepunkt Wetter
Von Hanoi bis Hue ein einziger Tiefpunkt. Wir waren durchnässt, verdreckt und am Ende unserer Kräfte und Nerven. Selbst wenn man nur 150 Kilometer am Tag fährt, es ist egal. Nass bis auf die Knochen und völlig durchgefroren, macht das Mopedfahren keinen Spaß. Von 300 Kilometern ganz zu schweigen, das war mörderisch. Doch auch nach Ankunft in einer Stadt hat uns das Wetter anfangs einiges versaut. Im strömenden Regen macht keine Stadt der Welt Spaß. Doch dann kam der Süden und entlohnte uns für die Widrigkeiten des Nordens. Glutrote Sonnenuntergänge und die Ausblicke über die Natur im Sonnenschein, eine Nacht am Strand unter herrlichem Sternenhimmel und angenehmen Temperaturen. Das wiederum gleicht sogar den fehlenden Charme von Betonburgen wie in Nha Trang wieder aus.
Höhepunkt Menschen
Leider zu oft auch ein Tiefpunkt. Je größer und je touristischer die Orte, umso unfreundlicher waren die Bewohner. Warum auch immer. Einerseits wurden wir eindeutig absichtlich in Restaurants oder an Marktständen ignoriert, während Einheimische bedient wurden, andererseits saßen wir in einem kleinen Örtchen gemeinsam mit der Familie in ihrem Restaurant und spielten mit dem kleinen Sohn, malten Landkarten, um zu erklären wo wir herkommen und erfreuten uns an jeder englischen Vokabel, die der Knabe kannte. Einerseits fuhr ein junger Mann mit seinem Roller vor uns her, um uns den Weg aus der Stadt zu zeigen, andererseits schlug uns eine Frau, weil wir nicht schnell genug ihren Imbiss verließen, nachdem wir uns entschieden hatten nach nebenan zu gehen, wo der Tee nur die Hälfte kostete. Wir wurden in Mui Ne aus dem Hotel geschmissen, weil wir angeblich zu laut waren. Und dazu wurde mit dem Verweis bis zum Abend gewartet, obwohl man uns vorher des Öfteren sah. In Ninh Binh wurden wir dafür umso freundlicher behandelt. Als dort ein Angestellter bemerkte, dass unsere Mopeds eine Reparatur benötigen, rief er einen Freund an, der extra für uns seine Werkstatt öffnete, um auch an Tet für wirklich günstiges Geld mehrere Stunden lang zu schrauben, während seine Freunde uns mit Tee und Zigaretten versorgten.
Es gibt sie, die freundlichen Vietnamesen, die einen herzlich grüßen, sobald sie einen sehen und offen und neugierig begegnen. Doch leider gibt es auch die verbissenen Vietnamesen, die nur eine gefüllte Geldbörse in einem Touristen sehen. Diese reagieren stets unfreundlich oder übersehen einen gleich ganz, sie sind barsch und kalt und scheren sich nicht einmal darum ob man es bemerkt, dass sie gleich neben einem ihre Landsleute so ganz anders behandeln.
Erklärungsansätze
Rückblickend bereuen wir es, mit den Motorrädern nicht abseits der Hauptmeile von Nord nach Süd gefahren zu sein, sind wir uns doch sicher, wir hätten in den kleineren und ursprünglicheren Orten ein ganz anderes und wahrscheinlich nachhaltig positiveres Bild von Land und Leuten erhalten. Dieser Gedanke wurde Gewissheit, als wir die Menschen abseits der touristischen Zentren erlebten. Leider war uns dies aber nicht vergönnt, da im Norden die kleineren Straßen teilweise überflutet und somit unpassierbar waren, wohingegen uns im Süden die Strände lockten. Zudem waren wir durch unsere Visa zur Eile gezwungen und konnten uns keine großen Umwege erlauben. Das nächste Mal würden wir es anders machen.
Zum Abschluss soll eines noch gesagt sein. Nach dem Besuch des Kriegsmuseums in Ho-Chi-Minh-Stadt fanden wir einen weiteren möglichen Erklärungsansatz, warum einige Vietnamesen auf Touristen aus dem Westen offenbar schlecht zu sprechen sind. Nach beinahe 150 Jahren ununterbrochener Unterdrückung und Gewalt durch Franzosen und Amerikaner (sowie einigen anderen westlichen Nationen), deren Folgen noch heute sichtbar sind, ist es wenig verwunderlich, dass es manchen Vietnamesen keinen großen Spaß macht, eben diese Personen nun freundlich zu bedienen, während sie selber immer noch arm sind und an vielen Orten an diese unrühmliche Vergangenheit erinnert werden.
Jochen Müller
Zahlen und Fakten.
Zurückgelegte Wegstrecke (ab Berlin): ca. 22100 km
Transportmittel: Bus, Zug, Auto, Schiff, Moped.
Highlights: Durch die Reisterrassen in Sapa zu wandern und mit dem Roller durch die Berge zu fahren. Bei Sonnenschein entlang der Küste zu fahren und den Dschungel gleich neben sich zu haben. Der alte Kern von Hoi An und die schwimmenden Lichter im Fluss. Die Dünen und der Strand in Mui Ne und nicht zuletzt das Kriegsmuseum in Ho-Chi-Minh-Stadt inklusive einiger kalter Schauer beim Betrachten der Exponate.
Ausgaben seit Berlin: 11550 € (Soll: 9306€. Es wird.)
Kulturelle Aktivitäten: Ho-Chi-Minhs Mausoleum in Hanoi, die alte Kaiserstadt in Hue und das Kriegsmuseum in Ho-Chi-Minh-Stadt. Besonders letzteres war eindrucksvoll.
Probleme: Hin und wieder unfreundliche Leute, ewig reparaturbedürftige Mopeds und die Konstante: Geld.
Verluste: Wieder haben wir einige Socken, Unterhosen, T-Shirts und ein Handtuch in Wäschereien gelassen. Der gute Glaube an die Menschheit war zwischendurch erschüttert, doch wir sind voller Hoffnung, dass sich das wieder gibt.
Kommentare zu "Zwischenfazit Vietnam"
Karte
Noch nicht ganz hinterher, aber wir beginnen wieder Euch zu verfolgen :)
http://g.co/maps/5tkdm
Ein wunderbares Fazit...mal wieder!
Ich bin ja so froh, dass die Straßensplitter nun ein Ende haben und freue mich auf die nächsten Artikel!
Lasst euch nicht erwischen.
Your bigget fan. Stan.
Excel
WUNNNderschoen, Jochen, wunderschoen. Die ordentliche Deutsche im Exil liebt sowas auch. Da scheint doch schon alles gleich viel mehr im Griff und on track.
Sind die Mopeds denn jetzt schon wieder weg? Ob ihr euch wohl ueberhaupt von denen trennen koennt? Man darf gespannt bleiben.
Re: Excel

Danke danke, so ein bischen Excel muss schon sein... ;)
Die Bikes sind wir noch nicht los, doch ihre letzten Tage sind gezählt. Das wird ein tränenreicher Abschied, so viel ist sicher.
Re:

Danke danke lieber Stan.
Immer ruhig bleiben, es geht als weiter.
Sagt der Reiseleiter.
"Zwischenfazit Vietnam" kommentieren

Jochen, Deine Excel-Liste ist mal wieder typisch, aber wirklich gut, Barbara wird das bestätigen, Euer Fazit von Vietnam finde ich objektiv und gnadenlos ehrlich, schön trotzdem, daß es jetzt weitergeht, zu neuen Ufern sozusagen, deshalb toi toi toi für Euch 2 und weiter Glück auf Eurem Weg